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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-07 · Heft 23 (7.6.1901) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
Seite 274 (sequence 12)
Language
German
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274 Nie Königskraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. xxm. König war aufmerksam den Bewegungen des Arztes gefolgt. Jetzt wandte sich dieser mit einer ehrerbietigen Verneigung zu ihm hin. „Es ist nur eine Betäubung", sagte er, „ein starker Ohnmachtsaiifall, herbeigeftthrt durch starke seelische Erschütterungen oder durch heftigen Schreck . . ." „Und wird sie genesen?" unterbrach ihn der König, indem er sein Ange mit banger Frage ans das Angesicht des Arztes richtete. „Es ist keine Gefahr für das Leben vorhanden," entgegnete der Heilkünstler, „aber die strengste Ruhe thut noth, da die Kranke durch irgend welches Seelenlcid geschwächt erscheint. Doch jetzt gestattet, gnädigster König, das; ich mein Erscheinen' au Eurem Hofe rechtfertige, da ich in Euren.Augen Verwunderung darüber sehe. Ich befand mich gerade auf dem Heimwege von einem Kranken, als mir königliche Diener in den Weg liefen, in deren Mienen sich höchste Angst ausprägte. Da dachte ich, must ein Unglück geschehen sein, und rasch entschlost ich mich zu fragen und nöthigensalls meine Hilfe anzubietcu. Die Diener meines königlichen Herrn berichteten mir, daß hier im Schlosse Jemand schwer erkrankt sei, daß sie ausgesandt waren, Aerzte zu holen, diese Hütten sich geweigert zu kommen," hier stockte er, „weil der Bischof Euch in Bann gethan hat. So eilte ich denn hierher, was ich zu verzeihen bitte." „Ich danke Euch," sprach der König mit gepreßter Stimme, „und ich will Euch den Dienst, den Ihr mir heute erwiesen, reichlich lohnen." „Verzeiht, Herr König," gab der Arzt zur Antwort, sein Auge frei und offen in des Königs Antlitz senkend. „Vergebt, wenn ich dafür keinen Lohn begehre. Ihr wäret uns Juden stets ein gütiger Herr, und wenn wir in anderen Ländern um unseres,Glaubens willen verfolgt und verhöhnt wurden, so hat uns Euer Land stets gastlich ausgenommen, und wir durften unter Eurer weisen Regierung ungehindert dem Glauben unserer Väter treu bleiben. Darum, Herr König, sind wir Juden Euch treu ergeben, und wenn es in den Kirchen verboten ist, sür Euer Wohl zu beten, so senden alle frommen Juden täglich und stündlich heiße Gebete zu Gott empor, auf daß er Euch segne und schütze!" Vor dem Geiste Boleslavs erschien in diesem Augenblicke gleichfalls die Gestalt eines Juden, aber wie ganz anders hatte Jener gesprochen. Dieser da vor ihm lobte seine weise Regierung und segnete sein Haupt, und jener Andere, der hatte ihm geflucht und alle Qualen der Hölle auf sein Haupt herabgefleht — und da tauchte Plötzlich der Gedanke in ihm auf, ob sich der Fluch des fanatischen Juden nicht am Ende schon erfülle. War er nicht geächtet, und mieden ihn, den König, nicht schon die Menschen, ja sogar seine bezahlten Diener, seine Aerzte verweigerten ihm den Gehorsam. Er wollte ihnen zeigen, was es hieße, sich gegen seine Macht aufzulehnen: knechten wollte er sie und unterdrücken, die das gewagt. O, er würde sich keineswegs von der Kirche unterdrücken lassen, die ja jetzt ihre Macht ansdehnte über alle Mächtigen und vor Fürsten nicht znrückschreckte und auch nicht vor Kaisern und Königen. Der Arzt war noch einmal an die Kranke hingetreten, und jetzt wendete er sich zum Gehen. „Sie schläft," berichtete er dem fragenden Blick des Königs, „und es ist ein wohlthuender Schlaf, aus dem die Jungfrau gestärkt wieder erwachen wird. Nehmt mir nicht übel, Herr- König, wenn ich vorhin so frei geredet, aber in unser Aller- Herzen lebt ein Gefühl heißer Liebe und Dankbarkeit für Euch, und," setzte er fort, „denkt unser. Wenn Ihr einst Freunde benöthigt. so sucht sie bei den Juden." „Kommt wieder." sagte der König, „vielleicht bedarf die Kranke noch Eurer Hilfe. Und nennt mir Euren Namen." „Man nennt mich Baruch Manasse, und jedes Kind kennt meine Wohnung," gab der Arzt zur Antwort, indem er, sich ties vor dem König verneigend zur Thür hinausging. Das waren böse Tage, die jetzt über Krakau hereiubrache», und wie ein düsterer Nebel lag es auf den Gemüthern. Gebeugt von der schweren Last, die aus ihnen ruhte, irrten die Bewohner Krakaus durch die Straßen. Aller Handel stockte, und alle Lebensfreude war aus den Mauern der Stadt gewichen, die jetzt einem ungeheueren Todtenacker glich. Und wahrlich, auf einen Friedhof konnte man sich versetzt glauben, wenn mau diese Menschen sah, die wesenlosen Schemen gleich an einander vorbeigingen, ohne auch nur einen Gruß^zu wechseln. Denn das Grüßen auf der Straße war in der Stadt, in der ein Geächteter lebte, verboten, sowie jede Lustbarkeit und jedes Fest untersagt war. Und wer Hütte auch in solch schwerer Zeit Sinn und Lust gehabt, an eine Festlichkeit zu denken. War doch auch die Taufe der Neugeborenen untersagt und nur auf dringeudes Bitten der Eltern gestattet. Die Trauungen, wenn Jemand in dieser bedrängten Zeit ans Heiratheil dachte, mußten ans dem Gottesacker vollzogen werden, und, was das Entsetzlichste war, und die Gemüther mit grauenvollem Entsetzen lähmte, die Todteu dursten nicht bestattet werden, und die Leichen, die man doch in den Häusern nicht lassen konnte, lagen oft tagelang auf den Straßen oder im freien Felde. Täglich erschollen um die dritte Stunde alle Glocken der Stadt zum Zeichen, daß die Gläubigen mit dem Angesicht zur Erde fallen und den Heiland um Frieden und Erlösung ans dieser Noth bitten. Die Messe wurde nur insgeheim und bei verschlosseneil Kirchenthüreu gelesen, die Heiligenbilder herabgenommen und die Altäre entblöst, ebenso durfte man keine Fleischspeisen genießen und sich nicht Haar und Bart scheeren lassen. Einer dein Andern keinen Friedenskuß geben. Man mußte sich jeder Freude und jeden Genusses berauben, bis der Geächtete Buße thne und der heiligen Kirche gehorsam sei. König Boleslav wehrte sich wie ein Verzweifelter, und in diesen Tagen schwerer Pein und Besorgniß trat sonnenklar die ganze Heldenhaftigkeit seines Charakters hervor, und die wenigen Getreuen, die zu ihm hielten, mußten staunend den Muth und die Stärke seiner sieghaften Persönlichkeit erkennen und bewundern. Leider aber waren der Getreuen wenige und ihre Zahl eine zu geringe, um den Kampf aufzunehmen mit einem so

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