Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 273 (sequence 11)
- Language
- German
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273 der Gott der heiligen Schrift durch Rinderhirten wie durch Königssöhne. Sv ist und bleibt unsere Religion eine That der Gesamintheit, sähig auf diese Gesaunntheit zurückzuwirken, ihr ganzes Leben zu umspannen, mit ihr zu verwachsen, ja eins zu werden! Und das Judenthum ist zuin Dritten keine Religion des schlaffen Quietismus, der pessimistischen Weltverueinung. Sie verpönt alle Weltentsagung und Wellflucht, sie athmet Schaffensdrang und Lebenssreude. Sie will nichts wissen Vvn klösterlicher Abgeschiedenheit und Selbstaufgabe und begünstigt keinerlei Entfremdung vom wirklichen Leben und thatkräftigen Handeln; sie will Betheiligung an Menschenglück und Menschenlast. Denn die den irdischen Freuden vielbestaunt und bewundert den Rücken kehren, fliehen sie nicht auch das gemeine Menschenlos und -leid? Das Judenthum macht seinen Bekenner» das Leben, wie es Gott dem Erdensohne gegeben, lieb und werth, preist ihm Weib und Kind und Besitz, segnet ihn bei seiner Hände Arbeit und weiß doch alles Menschliche in die höhere, göttliche Sphäre zu heben. Es erschöpft sich aber nicht in Opfern vder Gebeten, in Gelübden oder Kasteiungeil; es ist auch kein Zeremvniendienst und keiue Kette frommer Uebungen. Doch hier möchte sich ein lauter Einwand erheben! Hört man nicht häufig genug das Urtheil, daß die Zeremonien im Judenthuiu den vornehmsten Bestandtheil bildeten, ohne den man sich es nicht denken könne? Was bliebe vom Jndenthnme übrig, so hat man im Ernste gefragt, wenn man ihm sein weitverzweigtes Zeremonialgesetz nähme? Philosophische Köpfe, von Saadia bis aufZunz haben sich angestrengt, gerade den besonderen Werth dieses Gesetzes festzustcllen, seine Unentbehrlichkeit zu begründe», seine organische, unlösbare Verbindung mit dem Judenthum nachzuweisen. Wahr sei es, nicht Glaubenssätze und Erkenntnisse bilden das Erste und Wichtigste im Judenthmu, desto mehr aber das religiöse Gesetz, wie es in Bräuchen und Sitten, Werken und Uebungen znm Ausdruck kommt. Diese letzteren machen den Juden auf dem ganzen Erdeurunde zum Juden, sie sind die allein mögliche Darstellung seines geistigen Inhalts, die Form, die ihn zu bewahren verniag. Sie sind der eigentliche Inhalt der geoffenbarten Religion, sie verknüpfen, nach Mendelssohns Ausdruck, Lehre mit Leben, Gedanke mit Handlung. Dort habt ihr, so meint man, den Thatcharakter des Judenthums; hier und sonst nirgends ist er zu finden. Wir bekennen uns nicht einverstanden. Arm und leer erschiene uns dabei das Judcnthum, trotz dem wuchernden Reichthum der Bräuche, trotz ihrer Sinnigkeit und Poesie. Denn vor allem, wir erkennen bei aller Hochschätzung nicht an, daß diese Uebungen Thaten sind, Thaten im ethischen Sinne. Sic haben ja ihren Zweck und Werth nicht in sich, sondern außer sich; ihre Verpflichtung liegt nicht in uns, sondern außer uns, sie sind Sache der Vereinbarung, Zeichen und Winke für ein Geistiges und Ethisches und stehen schon insofern bei der ethischen Beurtheiluug in zweiter Linie. Sie ahmen oft nur Thaten nach und erwecken den Anschein von Handlungen, während sie in Wirklichkeit diesen Namen nur sehr uneigentlich verdienen, da erst ein Begleitwort ihnen Sinn verleiht. Ob nicht mancher religiöse Inhalt sogar durch das gering geschätzte, aber geistsassende und geistweckeude Wort tiefere Wirkung ans uns ausübte als durch eine schwerfällige That? Doch wie dem auch sein mag: Satzung und Brauch haben aus mancherlei Gründen im Gefüge der Religion ihren erhabenen, unverlierbaren Werth; jedoch den Thatcharakter des Judenthums bestimmen sie nicht! Dieser ruht in der freien, sittlichen That, und die rechtschaffene und gute That issts, auf die das Judenthum seinen ganzen wuchtigen Nachdruck seit jeher geworfen hat! Die sittliche That! Das Judenthuiu erkennt, vielleicht als einzige Religion, keine Frömmigkeit an, die nicht mit höchster Sittlichkeit gepaart wäre. Sie duldet also keine Heuchler und Lügner, die etwa vvn Nächstenliebe überfließen, während ihre Thaten Haß und Rache sind. Sie donnert dem Frommen ein Halt zu, sobald er Gott nicht lautern Herzens und mit reinen Händen naht. Sie fordert zuerst Recht thun und Liebe üben, und dann erst in Demuth vor Gott wandeln. Und sie ruft zwar zur Erkenntnis; Gottes ans und nennt diesen Gelvinn den höchsten, dessen man sich allein rühmen dürfe, aber nur .damit nran wisse, daß Gott mr Recht und Gerechtigkeit Wohlgefallen habe. Nicht einen dreimal heiligen Gott lehrt das Jndeiithum. sondern einen tausendmal heiligen, denn er ist der Inbegriff alles sittlichen Strebend, der Hort des Wahren, der Urgrund des Guten. Doch wvhlgemerkt! Das Judenthum ist die Religion der sittlichen That, aber es geht in der sittlichen That keineswegs auf, Religion ist das Judenthum im umfassendsten Sinne des Wortes, mit allen Ansprüchen einer Religion, aber auch mit all ihren Gaben und Spenden. Es läßt sich nicht auflösen und verflüchtigen in einem noch so erhabenen Moralsysteiu. Dn kannst nicht Jude heißen, wenn du nicht sittlich bist, aber die höchste Sittlichkeit heißt »och nicht Jndenthnm. Dies fordert, daß du dein sittlich Streben als Ausfluß der göttlichen Allheiligkeit erkenueu lernest, daß du deine Vervollkommnung und Vollendung in der Gottheit suchst. Aber eigenthümlich ist der Weg. den dich das Judenthum hierzu führt: vom Thun znm Glaube», durch die eigene, persönliche That zum innerlichen Verstehen! Als die Kinder Israel am Sinai standen, sprachen sie das vielbemerkte und erklärte Wort: Alles, was der Ewige geredet, wollen wir thun und hören! (iirnw^sb eveiii^eliiunlü. Zuerst thun, dann hören, d. h. innerlich erfassen und gehorchen, nicht umgekehrt. Und sie hatten Recht! Wir sollen uns zuerst im Thun und Wirken üben, alsdann wird uns der Sinn der Sittengesetze immer deutlicher aufgehen. Wir sollen schaffen und wirken, wie es jede Zeit und nicht zum »'eiligsten unsere thatenfrvhe Gegenwart verlangt, aber im Getriebe der Welt das leise Säuseln der Stimmen Gottes vernehmen lernen. Wir sollen zuerst das Rechte thun, von außen leuchte uns dazu die Lehre, das geschriebene und gelernte Wort; von innen das Gotteslicht, die Vernunft; erst spät und zögernd aber steht es uns zu von Gott reden, ihn ehren und künden zu wollen. Zuerst der strebende, irrende, mit allen Mächten ringende Menschengeist; alsdann seine Blüthe sein Höchstes: sein Glaube, sein Gott!