Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- Seite 272 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Punkt in seinem Verhalten bei der Frankfnrter Nabbinerversammlnng von 1845 ans, wo sein Verlangen nach einer positiv historischen Reform das von ihm urgirte Aufstellen von Prinzipien unmöglich macht. Die Schwierigkeit bei einem Festhalten an dein gemüthlicheu Bedürfnisse im Kultus zu einer klaren Definition der theologischen Prinzipien zu gelangen, dokumentirte sich in Frankels Einleitung zur Mischna, wo er, wie nicht nur S. R, Hirsch, sondern selbst sein Bertheidiger Rapvport bemerkt, der Definition des Begriffes Tradition ausweicht. Es ging wohl kaum anders. Wäre Tradition wissenschaftlich definirt worden, so mußte man sie zum mindesten in der unbestrittenen Halacha finden. In diesem Falle wäre wieder die talmudische Definition der am Sabbath verbotenen Arbeiten eine auf Moses znrückgehende Tradition. Das ließ nun wohl Frankels wissenschaftliches Gewissen nicht zu, noch ließ cs sich mit Frankels Praxis vereinigen, der am Sabbath, wie man mir sagte, einen Schirm trug, doch aber gegen das Gutachten des Meiningen'schen Landrabbiners Hvfmann, welcher jüdischen Schülern das Schreiben am Sabbath gestattete, energisch Stellung nahm (Orient 1842, 398 ff.). Wäre es zu einer Definition des Traditionsbegriffes gekommen, so mußte das Tragen am Sabbath dem Schreiben gleichgestellt werden. An Stelle dieser klar definirten dogmatischen Anschauung tritt nun die vage Gefühlstheologie, die im praktischen Ritus sich an das Herkömmliche hält, dagegen auf wissenschaftlichem Gebiete sich freie Hand bedingt. Sie lehrt daher eine jüdische Wissenschaft statt einer jüdischen Reform, also eine aristokratische Anschauung, ähnlich der Spinozas, der sür den Gelehrten Denkfreiheit beansprucht, dafür aber den Regierungen das Recht einer Staatskirche einräumt. Frankel ist, soweit ich sehen kann, der erste gewesen, der den Ausdruck „jüdische Wissenschaft'" in seiner Ankündigung des Erscheinens der „Zeitschrist für die religiösen Interessen des Judenthums" 1844 gebraucht. Bezeichnend genug scheint der Ausdruck eine Art Parteidevise der Breslauer Schule geworden zu sein. Graetz hat ihn durch die Ueberschrift eines Kapitels in seinem Geschichtswerke sanktivnirt, Kaufmann gebraucht ihre in seinem Nekrologe über Zacharias Frankel (Monatsschrift, 1875, 13), und der Breslauer Studenten-Unterstützungs-Vercin Livjath Chen wendet sich in seinem vom Februar d. I. datirten Appell an Diejenigen, denen das Gedeihen der jüdischen Wissenschaft am Herzen liegt, während Felsenthal (Hebrew Review 1881—82, voi. 2, pa. 28) von seieiuw ok chickm'sm spricht und L. Geiger (Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, 5, 223) Zunz den Begründer der Wissenschaft des Judenthnms nennt. Mit technischen Ausdrücken soll man Nachsicht haben. Sie sind durchweg Nothbehelfe. Saphir macht sich über den Ausdruck Omnibus lustig, und ohne Zweifel werden die Puristen im alten Hellas den Ausdruck Philosophie komisch gefunden haben. So dürfte denn der Ausdruck „Wissenschaft des Judenthums" hingehen, denn er ist bei der Eigenart des Judenthnms ein vielleicht unabweislicher Nothbehelf. Theologie, wie Geiger wollte, ist unzureichend, denn die Abhandlung Jsak Israelis über Fieber oder die hebräische Ueberfetzung des Almagest gehören nicht in die Theologie, obwohl sich die jüdische Wissenschaft damit zu befasseil hat. Die Abgrenzung gegen die Dialektik und Kasuistik ist heutzutage nicht mehr nöthig, aber die Bezeichnung „Geschichte der Juden und ihrer Litteratur" ist ein sehr umständlicher Ausdruck und würde sich kaum Bürgerrecht erwerben, jedoch sollte der irreleitende Ausdruck „jüdische Wissenschaft" vermieden werden. Es ist entschieden unrecht, die Uneingeweihten irre zu führen, die aus diesem Ausdruck schließen müssen, daß es dabei auf eine weltliche Wissenschaft aukomme, die dein jüdischen Dogma nicht widersprechen dürfe, wie das auf katholischer Seite mit Bezug auf das katholische Dogma verstanden wird.! .Die Religion der Thal/' Voll Rabbiner Dr. Samuel in Essen. Gleichung, Judenthum — Thatreligion, längst erkannt und ausgesprochen, hat einen unerschöpflichen Inhalt voll Befreiung und Beglückung. Nicht der Glaube ist , das Losungswort des Judenthnms, nicht er „macht selig", - sondern die That. Nicht nach deinem jüdischen Bekenntnis; wirst du zuerst gefragt, sondern nach deiner praktischen Zugehörigkeit zum Judenthum. Eine Wahrheit, die scholl beim ersten Anblick weitreichende Folgerungen ahnen läßt, wie viel , mehr, wenn man ihr näher tritt.! Das Judenthum ist zunächst keine Religion der Dogmen! und alles beherrschenden Glaubenssätze! Nicht, als ob es keine unerläßlichen Grnndlehren aufstellte, Träger seines ganzen Balles. Das thut es mit voller Deutlichkeit lind Absichtlichkeit! Aber mcht in starren Formeln tritt sein Glaubensinhalt auf, nicht in abgezählten Worten, die ihn nicht decken, oder in wohl' gefügten Sätzen, die ihn nicht fassen können. Selbst die Stimme vorn Sinai kündete nicht, was zu glanbell, sondern was zu thnrl und zu lassen sei. Denn nicht ans das Wie des Glandern sollte es ankommen, sondern auf das Was. Und eben diese Freiheit des Glaubens war doch weit entfernt von Willkür. Denn der Gegensatz zum Glaubenszwange ist nach einem Worte Holdheiins nicht die „Freiheit des Unglaubens", sondern der vernünftige Glaube, die eigene, Unbegründete Ueberzeugung Der Glaube des Juden also, sich in zwei oder drei Haupt' punkten erschöpfend, ist eine persönliche That, ist der Ausflus der gottverliehenen Vernunft des Einzelnen; die elioo'mirili, Ziel und Krone all seiner Weisheit. Und das Judenthum ist zum Andern kein Ergebnis; theo retischer Spekulation, kein System wissenschaftlicher Kenntnisse Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern das Ueben. Von Niemandem wird gefordert, daß er genau und umständlich wisse, was Gott sei, wie die Schöpfung ans Nichts zu verstehen, wcn vor der Welt war und nach ihr sein wird, wie Lohn und Strafe erfolgen werden, und was aus der Seele und dein todter Körper einst wird. Kaum Einer, der diesen Fenersflammen in tollkühnem Denken zu nahe kam, so warnt der Talmud, bliel unversehrt. Es hat natürlich jüdische Philosophen genug ge geben, die voraussetzuugslose Untersuchungen über die Grund fragen des Judenthnms angestellt haben; aber nicht sie sind die Lehrer und Führer des Volkes geworden, sondern du Männer der Halacha, der religiösen Praxis. Denn das Juden lhmn sollte das Produkt des Gemeingeistes sein, Jeder war und ist zur Mitschöpfung anfgernfen. Es wendet sich all den prak tischen Verstand des gemeinen Mannes, und auch mit der Ver pflichtuug „zu erkennen und es wohl zu Herzen zu nehmen" will es nichts, was über den gewöhnlichen Horizont geht und aus Natur und Menschenleben nicht zu lernen wäre. Wie am Talmud Fürsten und Handwerker mitgebaut haben, so redet schon