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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-07 · Heft 23 (7.6.1901) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
Seite 270 (sequence 8)
Language
German
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270 „Herz im Leibe" hat, ganz gleich, welcher Konfession er angehört, und es ist bekannt, daß die jüdische Religion die humansten Gefühle auch gegenüber dein Thiere hat. Aber hier ist doch, frei nach einem bekannten Worte zu sagen : „Freund ist mir das Thier, mehr Freund der Mensch!" So lange es sich nicht um Religionsfragen handelt, wird ein jeder Menschenfreund die allgemeinen Bestrebungen der Thierschuhvereine gern unterstützen. Wenn aber im Interesse eines vermeintlichen Thierschutzes dem Menschen ein Gewissenszwang auserlegt werden soll, wenn ein Eingriff in die Freiheit der Neligionsübung und der Bethätigung religiöser Vorschriften erfolgen soll, da muß man den Uebereifrigen entgegenrufen: „Auch der Mensch verlangt seine Schonung!" und der Jude ist doch sozusagen auch eilt Mensch, obwohl es Viele heutzutage nicht zugeben wollen. Darum — den Thierschutz in Ehren, aber vergesset auch nicht den Menschenschutz! Jüdische Wissenschaft, ein katholisches Mißverständnis. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. ÄM ls ich im Jahre 1896 auf der „Augnsta Viktoria" eine Europareise machte, befand sich auf demselben Schiffe ein polnischer Priester aus Chicago, der wegen eines Augenleidens französische Aerzte konsultiren wollte. Da wir unsere Plätze bei Tische nebeneinander hatten, war ich oft in der Lage, mit meinem bischen Französisch zwischen ihm und dem Tafelwärter den Dolmetscher machen zu können. Dieser kleine! Dienst wurde mein Verhängnis;. Der Arme, der weder deutsch noch englisch verstand und wegen seines Augenleidens! sich nicht mit Lektüre beschäftigen konnte, litt an Langeweile,! und so wurde ich, anfangs zu meinem Spaße, bald aber sehr; gegen meinen Willen, sein Auditorium in einem Privatissimum in katholischer Apologetik. Sein Hauptargument war die - Wnnderkrast der katholischen Kirche, welche durch tägliche > Manifestationen deren göttlichen Ursprung beweise. Ich konnte mich denn doch nicht enthalten zu bemerken: „Herr Pfarrer, wissen Sie nicht, daß in Ihrer Heimath Juden sind, die ihren Rabbinern ebenfalls sichtbare Wunder nachrühmen?" Er sah mich mit ganz nugeheucheltem Erstaunen an und rief: „Wie können Sie das vergleichen; <?o i-mnt .In >14 snpor^titienx!" Mich erinnerte die Sache an die Anekdote von jenem Rabbi, der gesagt haben soll: „Es giebt doch unter „ihnen" so viele gescheite Leuth wie können sie nur glauben, „jener Mann" sei in den Himmel gefahren?" Als nun Jemand den Einwaud wagte: „Rabbi! glauben nur denn nicht auch, der Prophet Elijah sei gen Himmel gefahren," erwiderte er: „Narr! wie kann man das vergleichen; das ist doch wahr!" Ein Vorbild dieser Anekdote findet sich übrigens schon in der talmudischen Erzählung, die Rabban Jochanan den Zakkai nur deswegen mit den Sadduzäern in eine Kontroverse eiutreten läßt, „damit ihr Geschwätz nicht den Worten der Lehre gleich geachtet werde". (Baba Bathra 116n.) Wenn daher eine auf absolute Autorität pochende Religion von eineranderen Beweise für sich holt, so geschieht es nicht der Rivalin zu Ehren. Daran wurde ich erinnert, als ich in der österreichischen „Theologisch-praktischen Ouarta.lschrift" 1901 p. 207 ff. einen Aufsatz des Redemptoristen Rösler über den fünften internationalen Kongreß katholischer Gelehrter, der vom 24. bis 28. September 1900 in München abgehalten wurde, las. Rösler polemisirt gegen die „Münchener Allgemeine Zeitung" die sagte: „Die Unmöglichkeit und die Sinnlosikeit, der Wissenschaft einen katholischen Stempel anfdrücken zu wollen, fei eine ebenso selbstverständliche, wie es selbstverständlich sei, daß es keine mohammedanische, jüdische oder sonstige konfessionelle Wissenschaft giebt, noch geben kann." Rösler hingegen beweist nicht nur aus dem Bestehen der Azhar--Moschee in Kairo, daß es eine mohammedanische Wissenschaft giebt, sondern will auch kurioserweise aus der Erklärung der deutschen Rabbiner im Jahre 1893 beweisen, daß es eine jüdische Wissenschaft gebe. So ganz nebenher leistet sich der Pater auch noch das Vergnügen, darauf zu verweisen, daß die jüdische Weltanschauung die Welt beherrsche und der Protestantismus die Wissenschaft „verseuche". Das Falsche seiner Argumente liegt eigentlich jenseits meiner Aufgabe, trotzdem darf ich nicht ganz daran vorüber gehen. Zunächst gewährt es uns eine gewisse Genugthnung, daß zur Abwechselung einmal die Protestanten an einer Seuche die Schuld tragen, wenn auch nicht durch Brunnen Vergiftung. Andererseits hat doch wieder die jüdische Well anschauung die Gesellschaft verseucht. Vielleicht dient es un. zur Beruhigung, daß uns von Protestantischer Seite der Vor Wurf gemacht wird, wir trügen die Schuld an der Schlechtigkei des Jesuitenordens. So steht es wenigstens in einer Broschür aus der Vorzeit der antisemitischen Bewegung. (Scharf! Scharffenstein: Das entlarvte Judenthnm der Neuzeit, 26! Zürich 1871.) Die Behauptung hingegen, daß nach Ansicht der Juden eine jüdische Wissenschaft möglich sei, hätte der fromme Hern sich nicht auf dem Umwege holen müssen, daß die deutsche. Rabbiner in ihrer Erklärung voll 1893 davon gesprochen haben daß der Talmud außer religiösen Anschauungen auch geschichtliel, und naturwissenschaftliche Anschauungen enthalte, was mi beweisen kann, daß Juden wissenschaftliche Ansichten hatten nicht aber, daß es eine jüdische Wissenschaft gebe. Viel bessc hätte dieser Beweis aus der ThaLsache hergeleitet werden können, daß der Ausdruck „jüdische Wissenschaft" in den Werkeanerkannter jüdischer Gelehrter der verschiedensten Parte stelluug vorkommt. Graetz hat in seinem Werte (Band! Seite 448) ein Kapitel unter der Ueberschrift: „Das erwachen : > Selbstgefühl und die Wissenschaft des Judenthums" im Geiger sagt in der „Jüdischen Zeitschrift", Band 1 Seite 3: „D jüdische Wissenschaft glaubt nicht mehr, sich gegen eine jefreie Forschung auf diesem Gebiete abschließen zu müssen" un spricht im weiteren Verlaufe voll jüdischer Wissenschaft u Gegensätze Zu der christlichen, mit der sie einen ernsten Kanu zu bestehen haben wird. In dem der Kultusreform keiueswecgünstig gesinnten Orient (Litteraturblatt 1844, 77) wird uu Bezug auf eine damals geplante Encyklopädie von d c „Gliederung der jüdischen Wissenschaft" gesprochen. Obwohl es demnach schrillen sollte, als sei die jüdisö Wissenschaft auf der ganzen Liuie acceptirt, so ist sie do: eigentlich ein Produkt der VermiLtelmlgstheologie, oder, wn Ulan sich auszudrücken beliebt, der Breslauer Schule. Al man zuerst anfing, die jüdische Litteratur historisch statt dw lektisch und Praktisch zu bearbeiten, nannte man dieses Forschen Wissenschaft des Indenthums. Dieser Ausdruck findet sich au

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