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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-06-07 · Heft 23 (7.6.1901) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 23 (7.6.1901)
Date
1901-06-07
Page
Seite 268 (sequence 6)
Language
German
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268 Aus Okcrfchleslen. Von Sinniltaiischullehrer I. Jacob in Loslau. während der letzten Jahre die Kunde verschieschiedener Ereignisse, die als bedauernswerte Answüchse des modernen Kulturlebens zu betrachten sind, die Leserwelt in Spannung erhalten, nachdem wir den Sturm entfesselter Leidenschaften in seinen fürchterlichen Folgen zu beobachten reichlich Gelegenheit gehabt hatten, wird ein Blick in die stille, segensreiche Thütigkeit eines Waisenhauses seine wohlthnende Wirkung gleich einem wärmenden Sonnenstrahl nach rauhem Sturme nicht verfehlen. Selten tritt es in die Oeffentlichkeit hervor, nur dann und wann, wenn es gilt, über sein Wirken und Schassen Rechenschaft zu geben. Vor mir liegt der Bericht über das „Waisenhaus des Shnagogengemeinde - Verbandes für den Regierungsbezirk Oppeln" zu Nylunk, der sich über die Zeit vom 29. Oktober 1897 bis 29. Oktober 1900 verbreitet. Schon der Umstand läßt erkennen, daß die Waisenhaus- Verwaltung die Pflege der Pietät und des Gefühls der Dankbarkeit in den Vordergrund stellt, daß das erste Blatt des Berichts dem dankbaren Gedenken der edlen Menschenfreunde gewidmet ist, die die Anstalt gründen und erhalten halfen, die gemeinschaftlich einen Altar der frommen, werktätigen Liebe errichtet haben. Alsdann werden die Herren des Kuratoriums genannt, denen während der lehten Jahre die Verwaltung und Beaufsichtigung der Anstalt übertragen war. Es sind dies die Herren: Rechtsanwalt Schüller-Gleiwitz als Vorsitzender. Nathsherr Prager-Rhbnik, Kgl. Amtsgerichtsrath Levh-Benthen O.-S., Rabbiner Dr. Cohn-Kattowitz, Fabrikbesitzer Hugo Schück-Natibor. Obwohl ihr Beruf schon ihre ganze Kraft in Anspruch nahm, haben sie ihr Liebeswerk mit großer Umsicht und Sorgfalt ausgeführt. Obgleich sie sich reichlich belohnt fühlen in dein Bewußtsein, menschlichem Elend gesteuert und jugendliche Kräfte ausgebildet zu haben, die ohne ihr Hinzuthun vielleicht verkümmert wären, soll ihnen der wohlverdiente Dank an dieser Stelle ausgesprochen werden. Dank auch den gleichfalls um das leibliche und geistige Wohl der Waisen sich eifrig bemühenden Ehrendamen, von denen die älteste, Frau Luise Haase in Nybnik, vor Kurzem die Freude hatte, an ihrem 70. Geburtstage eine Glückwunschadresse und ein Ehrengeschenk der dankbaren Waisen entgegenznnehmen. Der Vermögensnachweis zeugt von dem schnellen Erstarken der Anstalt. Der Kassenbestaud betrug am 1. April 1898 M. 5054.78, Werthpapiere waren über 47 900 Mark. Das Gesammtvermögen betrug demnach damals M. 52 954.78. Am 1. April 1900 betrug der Kassenbestand M. 10 629.85, Werthpapiere waren über 79 200 Mark. Das Gesammtvermögen betrug also am 1. April 1900 M. 89 829.85. In zwei Jahren ist also das Grundkapital des Waisenhauses um M. 86 875.07 gewachsen, ein Umstand, der sich aus der erfreulichen Thalsache erklärt, daß in dieser Zeit der Anstalt nicht nur größere Legate zugewendet wurden, sondern auch der Wohlthätigkeitssinn weiterer Kreise reichliche Spenden in die Kasse derselben fließen ließ. Außerdem machten reiche Zuwendungen von Brennmaterial, Kleidungsstücken n. s. w. manche Ausgaben entbehrlich, wodurch ansehnliche Ersparnisse gemacht werden konnten. Allen Wohlthätern wird in dem Berichte Dank erstattet, indem sie ohne Rücksicht auf die Größe der Gabe namentlich aufgeführt werden. In einen: größeren Kapitel verbreitet sich der Bericht über das Anstaltsleben. Fürwahr! Alle Mühen und Opfer für die Anstalt wären umsonst, wenn nicht ein so vortrefflicher Leiter und Erzieher der Kinder an ihrer Spitze stände. Herr Waisenhausdirektor Katz versteht es, den Waisen Vater und Mutter zu ersetzen; er übt ein strenges Regiment, läßt aber du Kinder von Zeit zu Zeit auch in ein Herz voll warmer Liebe blicken. Ja, ich kann mit Recht behaupten, daß die Erziehung im dortigen Waisenhause mnstergiltig ist für die Erziehung im Elternhause. Auch der Uneingeweihte kann aus dem Bericht ersehen wie vielseitig die Fürsorge ist, die die Anstalt ihren Kinder! angedeihen läßt. Da für die gedeihliche Entwickelung de- Geistes ein gesunder Körper unerläßliche Vorbedingung ist wird der Gesundheitspflege besondere Beachtung ge widmet. Die Anstaltsräume, die Betten, die Kleidungsstücke m werden stets rein gehalten, die tägliche Reinigung der Kinder ihre wöchentliche!: Bäder werden aufs peinlichste beaufsichtig! Schlaf-, Speisennd Arbeitsstile werden fleißig gelüstet. Ab wechselnde geistige und körperliche Arbeit erhält die Kinder m fortwährender Bewegung, inuntere Spiele erheitern ihr Ge müth und schlingen ein vertrauliches Band um die kleine Ge sellfchaft. Auch in das Waisenhaus drang die damals in Rhbnik grassirende Scharlachepidemie. Obgleich sieben Kinder erkrankt waren, ist nur ein Knabe zum Opfer gefallen. Da dortige Julinskrankenhaus nahm die Erkrankten bereitwillig auf, desgleichen die Augenklinik zu Gleiwitz ein äugen krankes Mädchen. Ihnen spricht die Verwaltung den wärmsten Dank aus. Die geistige Entwickelung der Waisen war laut Beriä l eine gleichmäßig fortschreitende, mit wenigen Ausnahme - haben sie jedesmal das Ziel der Klasse, der sie angehörten erreicht. In sittlicher Beziehung ließen sie wenig zu wünschen übrig. Wenn auch die geistige Ausbildung nicht unterschäl i werden darf, so liegt doch die Hauptaufgabe der Erziehung der Waisen in ihrer sittlichen Kräftigung. Gerade sie, d nach dem Verlassen der Anstalt zumeist auf sich selbst an gewiesen sind, müssen bis zu diesem Zeitpunkte sittlich derart g gefestigt werden, daß sie allen später an sie herantretendcu Verlockungen widerstehen können. Dies geschieht in der Anstn l einerseits durch eine strengreligiöse häusliche Erziehung, andeseits durch Gewöhnung zur Pünktlichkeit, Ordnung und Pflichterfüllung. Eine wesentliche Stütze in der Erziehung bilden im Waisen Hause die weiblichen Handarbeiten der Mädchen, sow? die Holzschnitzerei und Gartenarbeit der Knaben. § Einführung desKnabenhandfertigkeitsunterrichts im Waisenhm c ist ein Werk des Herrn Rechtsanwalts Schüller-Gleiwitz, welch r den Knaben zu größtem Segen gereicht. Die Hauptbewthung desselben geht nach der moralischen Seite hnn Hier müssen sie streng auf genaue und saubere Aussührung ihrer Arbeiten achten, ihr Thätigkeitstrieb, ihre Schaffensrendigkeit wird geweckt und durch Gelingen noch imzr angespornt. Ebenso wird die Arbeitsfrendigkeit in hohem Maße g fördert durch den sogenannten „Kindergarten", in de > die Waisen selbst die Beete anlegen und nach eigener Wml einrichten und bepflanzen. Die Kinder lernen den Werth d ' Arbeit schätzen, sie werden zu thätigen, arbeitsfrohen Mensche-'.

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