Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 ----- Aus Westpreiltzeri, im Mai. Frau Kommerzienrath Loeser in Berlin stiftete anläßlich des Ablebens ihres Mannes 5000 Mark zur Vertheilung an Bedürftige der Stadt Elbing ohne Unterschied der Konfession, welche Summe jüngst Herrn Oberbürgermeister Eldilt in Elbing überreicht wurde. — Der Wirthschastsplan der Synagogengemeinde Dirschau für das Rechnungsjahr 1901 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 6220 Mark ab. Da außer den Steuern der Gemeinde nur sehr unerhebliche Einnahmequellen zu Gebote stehen, müssen 4350 Mark durch Umlage aufgebracht werden. Dieser Betrag erfordert laut Umlage nach Staatseinkommensteuer einen Zuschlag von 140 Prozent zu derselben. Mit schwerem Bedenken wurde die Erhebung dieses überaus hohen Zuschlages in gemeinschaftlicher Sitzung des Vorstandes und der Repräsentanten beschlossen. Der für die politische Gemeinde zu zahlende Zuschlag beträgt 200 Prozent, so daß in diesem Steuerjahre die jüdischen Gemeindemitglieder Dirschaus 340 Prozent Einkommensteuer zu entrichten haben. Es sind bei der jüdischen Gemeinde erforderlich: für Besoldungen 4350 Mark, für Bauten, Beleuchtung. Heizung (des neu eingerichteten Gemeindeschulnud zugleich Sitzungszimmers, in welchem im Winter auch die Andachten abgehalten werden) und Versicherung ca. 1000 Mark, für Schuldenzinsen und Schuldentilgung (für das im Jahre 1899 angetanste Gemeindegrundstück, in welchem genanntes Lokal und die Wohnung des Kultusbeamten sich befinden) zusammen 945 Mark. — Der Kantor der Synagogengemeinde in Tu che l, Herr Steinkritzer, wurde beim Schlachten einer Kuh plötzlich von einem Blutsturz befallen und mußte nach seiner Wohnung geschafft werden, wo derselbe schwer krank darniederliegt. — Die seit ca. fünf Monaten in Könitz erscheinende, sür die Rechte der schwer bedrängten Kreise in jener Gegend mit objektiver Wahrheit warm eintretende „Ostdeutsche Tageszeitung". Druck und Verlag von Carl Schulz, Könitz, findet erfreulicherweise vielfache Verbreitung in der Provinz und auch außerhalb derselben. — Auch in dem dicht an der westpreußischen Grenze gelegenen hinterpommerschen Städtchen Bütow, woselbst s. Z. die Wogen des durch das dortige alte Lokalblättchen geschürten Antisemitismus sehr hoch gingen und auch heute sich nur znm Theil gelegt haben, ist als Gegendruck ein neues in obigem Verlage erscheinendes Blatt: „Bütower Tageblatt" gegründet worden, welches am Kopse das Motto trägt: „Für Ehr' und Recht!" und auch schon viele Anhänger in Stadt und Provinz gesunden hat. — Herr Adolf Caspary war vom Bütower Schöffengericht wegen Beleidigung eines Bütower Bürgers zu 350 Mark Geldstrafe verurtheilt, weil Herr Caspary in einer Eingabe an die Staatsanwaltschaft dieser Mittheilung über zu seinen Ohren gedrungene Erzählungen gemacht hatte, wonach zwei bestimmte Persönlichkeiten zu den auch in Bütow vorgekommenen thätlichen Ausschreitungen gegen die Juden angereizt haben sollten. Auf die eingelegte Berufung des Herrn Caspary kam die Sache vor dem Landgericht in Stolp zur Verhandlung. Letzteres hob das erstinstanzliche Urtheil auf. sprach Herrn Caspary frei und legte die Kosten des Verfahrens den Klägern auf. Das Stolper Gericht nahm an. daß von einer absichtlichen Beleidigung die Rede nicht sein könne, da Caspary lediglich der zuständigen Behörde Mittheilung von Gerüchten über Strafthaten behufs näherer Untersuchung derselben gemacht, diese Gerüchte auch ausdrücklich nur als solche bezeichnet hatte. Die antisemitischen Blätter, allen voran das Bütower Lokalblatt, erhoben über das erstinstanzliche Urtheil laute Freudenrufe. Das zweite Urtheil werden sie wohl etwas kleinlauter melden, wenn sie es überhaupt thun. A Könitz, 21. Mai. Einer unserer geachtetsten Mitbürger, der Stadtverordnete, Kaufmann und Likörfabrikbesitzer Hermann Bereut, ist am 20. d. M. im Kreise seiner Familie verstorben. Bereut, der nur ein Alter von 57 Jahren erreichte, war zu Pusdrowo im Kreise Karthaus geboren, hat jedoch den größten Theil seines Lebens in Kouih zugebracht. Der Stadtverordnetenversammlung gehörte Bereut seit vielen Jahren ununterbrochen au. Wenn es sein Gesund-, heitszustaud irgend gestattete, nahm er au säst allen Sitzungen regelmäßig Theil und bekundete stets lebhaftes Interesse sür das Wohl der Stadt. Der Verstorbene war langjähriges Mitglied und Vorsitzender der Nepräsentantenversammluug der Synagogengemeinde. Sein Wohlthätigkeitssinn zeigte sich nicht nur durch sein Wirken im Krankenpflege- und Wohlthätigkeitsvereine, dessen Mitglied er war. sondern auch in weiteren Kreisen. — Die Beschlußkammer des Landgerichts hat das gegen die Flei scherm eist er Eisen st ädtscheu Eheleute aus Schlochau sowie gegen den Glaser Bernhard Lewinski aus Könitz eingcleitete Verfahren wegen wissentlichen Meineides, den sie in der Schwnrgerichtsverhandlung gegen Maßloff geleistet haben sollten, eingestellt und die drei Personen außer Verfolgung gesetzt. s. Stvlp, 27. Mai. Am 21. d. M. fand die feierliche Grundsteinlegung der neuen Synagoge statt, deren Errichtung eine Nothwendigkeit geworden, da der bisherige Tempel für die Zahl der Besucher bei weiten! nicht ausreicht. Eröffnet wurde die Feier mit einer eindrucksvollen, der Situation angemessenen Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Kalischer, die große Begeisterung hervorrief. Redner gab unter anderem dem Dank Ausdruck, der der Verwaltung gebühre, die das Werk, das seit einem Vierteljahrhundert angestrebt worden, nnumehr zur Ausführung gelangen lasse, und schloß mit einem Gebet für Kaiser und Reich und Alle, deren thatkräftigem Bemühen der Bau seine Entstehung verdanke. Hierauf ergriff der Vorsitzende des Vorstandes, Herr L. G. Golde, das Wort, um in wirkungsvoller Ansprache die Hoffnung auszudrücken, daß das Werk, das nunmehr begonnen, zur glücklichen Vollendung gelangen möge. Es folgten die Ceremonieu der Grundsteinlegung, an der sich viele Mitglieder der Gemeinde und Stadtvertretuug mit sinnreichen Sprüchen betheiligteu. Die erhebende Feier schloß mit einem gemächlichen Beisammensein ab. n Schrreideririrhl,16. Mai. Der hiesige jüdische Wo hlthätigkeits- Verein hielt im Kanjnthschen Hotel seine 55. Jahresgeneralversammlung ab. Ans dem vom Vorsitzenden, Herrn Herz Berliner, erstatteten Rechenschaftsbericht ist zu entnehmen, daß der Verein im Jahre 1846 von 28 Herren, von denen nur noch zwei Herren. M. Sommerfeld und A. Herz, am Leben sind, gegründet worden ist. Der Verein besitzt ein Vermögen von 6523 Mark und,' hat im vorigen Jahre an Bedürftige 185 Mark und 51 Centner Kohlen vertheileu lassen. In den Vorstand wurden wieder gewählt die Herren: Herz Berliner (Vorsitzender). Jstrt Asch. Meyer Heimanu, Rabbiner Braun (Kassirer). Dr. Mislowiher, Isidor Schweriner, Gustav Sommerfeld. Bemerkenswerth ist noch, daß die Generalversammlung beschloß, Unterstützungen nicht allein jungen Leuten, die das Handwerk erlernen, sondern auch solchen, die sich dem Ackerbau und der Gärtnerei widmen wollen, zu Theil werden zu lassen. Sodann wurde das zinslose Darlehen an Bedürftige von 150 Mark auf 200 Mark erhöht. Nachdem der Vorsitzende noch dem Kassirer und den beiden Revisoren den Dank snrdie im vorigen Jahre gehabte Mühe abgestattet und Herr Rabbiner Braun die Mitglieder mit der Gründung und dem Zweck des Vereins bekannt gemacht hatte, sprach Herr Dr. Mislowitzer im Namen der Versammlung Herrn Herz Berliner den Dank aus für sein so reges Interesse sür den Verein; u. a. betonte Redner, daß dem Vorsitzenden das volle Verdienst gebühre, dem Verein die alte Lebenskraft erhalten zu haben. Mit einem Hoch auf des Vorsitzenden weiteres segensreiches Wirken schloß der Redner seine Ausführungen. — Ans dem Rechenschaftsbericht des jüdischen Frauen Vereins ist zu berichten, daß der Verein im Jahre 1853 gegründet worden ist. Der eiserne Fonds beträgt 5350 Mark. Ein im vorigen Jahre veranstaltetes Picknick brachte einen Reingewinn von 450 Mark, so daß der Verein im Stande war. sür wohlthätige Zwecke im vorigen Vereinsjahr 1102 Mark zu verausgaben. Der Frauenverein zahlt augenblicklich 98 Mitglieder. ----- Chemnitz, 23. Mai. Dem Verwaltnngsbericht des Vorstandes der Israelitischen Gemeinde für das Jahr 1900 entnehmen wir mit Genugthnung, daß diese sich immer gedeihlicher entwickelt. Die seit 25 Jahren bestehende Gemeinde umfaßte 1900 ca. 1100 Seelen: nach Auskunft des Statistischen Amtes zu Chemnitz wurden am 1. Dezember, dem Tage der Volkszählung. 1136 ortsanwesende Israeliten in Chemnitz gezählt. Die Anzahl der selbständigen Haushaltungen betrug 254 und die der steuerzahlenden Mitglieder 355, von welchen 12 auswärts wohnhaft (freiwillige Mitglieder) waren. Städtischerseits besteuerte Israeliten wurden 584 gemeldet. Der Geschäftsgang in allen Verwaltungsangelegenheiten war sehr lebhaft. Die Gemeinde gehört dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund an und entrichtete Beiträge an den Verein zur Fürsorge Strafentlassener zu Chemnitz sowie an das Israelitische Central- Waiseu- und Mädchenheim zu Ems. In der Nacht vom 26. zum 27. September wurde in der Synagoge ein Einbruchsdiebstahl verübt. Es wurden die Schränke im Rabbiner- und Kantorzimmer erbrochen, die darin anfbewahrten Scbmnckgegenstände beschädigt und einzelne Theile derselben entwendet. — Die mit dem Einzüge in das eigene Gotteshaus