Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 260 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Genossenschaftskolonien Wohlstand und Sittlichkeit gehoben. Es hat sich gezeigt in den Kolonien der Ikarier, der Quäker, überall das gleiche wunderbare Gedeihen, die gleiche Sittlichkeit und merkwürdigerweise dieselbe Gesundheit! In allen Kolonien sind Krüppel und Geisteskranke fast vollständig unbekannt, ebenso wie Trunksucht und Spiel. Ich habe dies — ich kann darauf hier nicht näher eingehen — zurückzuführen mich bemüht auf die vollkommene Abwesenheit dessen, was ich als „Zuwachsrente" bezeichnet habe. Ich habe diese Meirrung durch eine Anzahl von Belegen stützen können. Das großartigste Beispiel für diese Theorie ist der Morinonenstaat in Utah, der ebenso weder Verschuldung noch Armnth kennt, und die Grafschaft Vincland, New Jersey U. S. A„ gab hier keine Armen und keine Verbrecher. Die Polizei- und Armenkosten beliefen sich hier ans 2V2 Cent Pro Kopf der Bevölkerung gegen circa zwei Dollars in der Nachbargemeinde Perth Amboß. Ich kann also, wie gesagt, darauf nicht näher eingehe», jedenfalls meine ich, daß, wenn wir unseren Glaubensgenossen nach dein furchtbaren Druck, den sie ausgehalten haben, ein neues Leben schaffen wollen, wir alle Ursache haben, ihnen in dem genossenschaftlichen Bodenbesitz Halt und Kraft zu geben. Das, was man in der Theorie der Genossenschaft den „Genossenschaftsgeist" nennt, ist weiter nichts als brüderliche Solidarität. Er hat sich in allen Siedelungen gezeigt, und wir können unseren Glaubensgenossen nichts Besseres geben als eine Organisation, von der wir annehmen, daß sie auch ihnen die Brüderlichkeit verleiht. Daß solche Siedelnngen nun auch in allen anderen Dingen die hente ja schon über jede Diskussion erhabene genossenschaftliche Organisation des Betriebes sich aneignen würden, ist ja ganz selbstverständlich. Wir haben heute in Deutschland einen Aufschwung der landwirthschaftlichen Genossenschaften, welcher ohne Beispiel dasteht. Mail würde solchen Leuten den gemeinsamen Bezug von Rohstoffen, z. B. Saatgut und Dünger, anrathen müssen; in der Verwerthung ihrer Produkte, in der Molkerei oder Obstweinerzengung, würde man sie schließlich im Absatz ihrer Produkte genossenschaftlich zusammenfassen und dadurch den Wohlstand, die Kaufkraft des verdienten Geldes erheblich heben. Nun fragt es sich, in welcher Form der genossenschaftlichen Siedeluug soll man die Massen aus dem Osten seßhaft machen. Es sind zwei Formen möglich. Die eine ist die, daß mau eilt gegebenes Grundstück zum größten Theil in einzelne lebenskräftige Banernstellen anstheilt, daß man also jeder Familie bei immer festgehaltenem genossenschaftlichen Gemeinbesitz in irgend einer der Dauerformen der Pacht ein Stück Land giebt zu eigener Verantwortung, und daß man die Menschen ferner zusammenfaßt in allen geprüften Formen der ländlichen Unternehmergenossenschasten, die ich soeben berührt habe. Diese Form hat sich vielfach bewährt, es wird keine besonderen Schwierigkeiten machen, sie einzusnhren; es handelt sich nur darum, darauf hinzuweisen, daß die Form bereits existirt. Diese Form der Genossenschaft, wobei man sofort Eiuzelunternehmer ansetzt, ist aber erprobt nicht unter städtischen Arbeitern, nicht unter halb schwindsüchtigen, mnskelschwachen Schneidern und Schuhmachern, die man ans galizischen Städten genommen hat, sondern sie ist erprobt unter Bauernsöhnen, die von Jugend auf den Pflug und die Hacke geführt haben, und es ist durchaus nicht abzusehen, ob diese Form sich auch bei halb ausgemergelten chronisch verhungerten Menschen aus dem Osten bewähren wird. Darum halte ich es für wünschenswerth, mit der zweiten möglichen Form wenigstens einmal einen Versuch zu machen. Es ist diejenige Form, welche ich als die landwirthschaftliche Arbeiter-Produktivgenossenschaft bezeichnet habe, deren Theorie ich entwickelt, und deren Geschichte ich geschrieben habe. Wenn unter den wohlhabenden Juden Deutschlands noch die alte Hingebung an die geistige Arbeit vorhanden wäre, wenn die jüdischen Denker noch die alte Unterstützung fänden, so hätte ich sie auch bereits Praktisch erprobt. Aber es ist mir bis jetzt noch nicht geglückt, von jüdischer Seite die ausreichende materielle Unterstützung zur Ausführung dieses Versuchs zu erhalten. Ich will aber hier mittheilen, warum mir diese bisher wenig erprobte Form der Siedeluug vortheilhafter erscheint. Die landwirthschastliche Arbeiter-Produktivgenossenschaft setzt nicht einzelne Wirthe ein, sondern sie bildet einen großen Gesammtkörper, der eine Gesammtfläche im Gescnnmtbetriebe bewirthschaftet. Unter der Leitung eines Sachverständigen werden die Ansiedler von der Produktionsseite her als Landarbeiter beschäftigt, sie stehen im Lohn der von ihnen selbst gebildeten Genossenschaft, sie haben die Arbeit zu leisten, die ihnen der Leiter zuweist; und das Genossenschaftliche an den Dingen ist nur das, daß der Ertrag getheilt wird nach Maßgabe der geleisteten Arbeit. Ich habe, wie ich bereits erwähnte, die Form theoretisch und historisch zu stützen gesucht, und es ist mir zum Theil schon gelungen, meine Gedanken zur wissenschaftlichen Anerkennung zu bringen. Erprobt ist diese Form, außer in einigen exotischen Versuchen, bisher noch niemals in Deutschland. Ihre Vortheile bestehen zunächst in der außerordentlichen Leichtigkeit ihrer Einführung. Wenn man ein Terrain erwirbt und soll daraus lebensfähige Bauernstellen schaffen, so ist das außerordentlich schwierig, in vielen Füllen kaum lösbar und immer höchst undankbar. Es soll ja jedem Hofe das nöthige Verhältniß des Landes, Ackerland, Wiese und Weide, in genügenden Quantitäten zugewiesen werden. Dazu mnß man die Absatz- und Marktverhältnisse ganz genau kennen und muß genau wissen, was der Siedler leisten kann; und das ist, wenn man städtische Gewerbetreibende anseht, ganz unmöglich. Die gewöhnlichen Erfahrungsgrundlagen versagen hier vollständig. Da ist es vielfach einfacher und mindestens als Ue Hergangs form sehr zu empfehlen, wenn man eine große Anzahl von solchen Arbeitern zusammensaßt und nach gemeinschaftlichem Plane arbeiten läßt. Daun kann man sie jahrelang, bis sie kräftig geworden, bis sie die manuellen Handgriffe gelernt haben, in Lohn und Brod der Genossenschaft beschäftigen und kann sie dann später immernoch ansetzen als eigene und freie Bauern, wenn man sie mündig sprechen kann. Dann giebt es nichts Leichteres, als ein derartig verwaltetes Gut zu parzelliren. Dann sind die Marktverhältnisse bekannt, und man kann sich auswählen, was für jeden Einzelnen das geeignetste ist. Ferner ist ein großer Vortheil, daß hier »licht so viel experimentirt werden kann. Denn man wird natürlich an die Spitze jeder solchen Siedeluug einen durch seinen Vortheil interessirten Fachmann stellen. Man wird also hierdurch die ungeheuren Ausgaben der ersten Experimente vermeiden und das Gedeihen der Ansiedelung viel früher herbeiführen können. Wenn es nicht möglich ist — und ich spreche jetzt vielleicht etwas aus, was einigen der