Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 259 (sequence 9)
- Language
- German
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259 sehr, wenn auch die Genossenschaft als solche leichtere Bedingungen erhält. Beispielsweise kann man ihr Kapital zu billigen Bedingungen vorstrecken; die Verpflichtung, die der Einzelne trügt, wird in ihrer Höhe gemildert, aber er bleibt verpflichtet, sie zu erfüllen. Er wird in seiner wirtschaftlichen Selbstverantwortungskrast nicht derartig geschwächt. Ferner aber wird in der Genossenschaft das Solidaritütsgefühl auf das Höchste gesteigert, und es ist dadurch möglich, solcher Genossenschaft von wirthschaftlichen Subjekten beträchtlich höhere Kredite zu gewähren als den Einzelnen. Denn wie auch die juristische Form der Genossenschaft sein mag, ob mit beschränkter oder unbeschränkter Haftung, im Wesen und ä e kneto ist eine Genossenschaft von Landbauern unter allen Umständen solidarisch verpflichtet, denn der Zusammenbruch der Genossenschaft löst jeden Einzelnen von der Scholle, entwurzelt ihn geradezu. Es ist eine alte Erscheinung, daß solche Genossenschaften Stürmen und Katastrophen gegenüber aufrecht stehen bleiben, die selbst die stärksten Einzelunternehmungen niederbrechen. Eitles der charakteristischsten Beispiele, Tanne, möchte ich Ihnen kurz anführen. Es war in diesem kleinen Harzstädtchen eine Eisenhütte, welche der Braunschweigische Staat entgehen ließ, weil sie nicht rentirte. Der ganze Ort lebte direkt oder indirekt von den Arbeitern der Hütte. Da erbarmte sich ein Ingenieur und setzte mit Staatshilfe die Werke ivieder in Stand. Es trat das ein, was man immer von vergenossenschaftlichen Arbeit erwartet hat. Die Werke wurden rentabel. Aber es kamen auch schwere Zeiten. Es kam ein sehr eigenwilliger Leiter hinein, der ein Sonderling war, der sehr schlechte Geschäfte machte. Es traten Verluste ein, die kein Privatunternehmer hätte ertragen könneu. Die Genossenschaft aber hielt zusammen, weil sie zusannnenhalten mußte, und sie brachte die furchtbarsten Opfer, um eben bestehen zu können. Etwas Aehnliches ereignet sich jetzt in unserer nächsten Nachbarschaft, in der Obstbaukvlonie Eden. Die Leute sind über Krisen hinweggekommeu, daß man staunen mußte, wie sie diese habe ertragen können. Die Genossenschaft hat ihren Arbeitergenosseu zeitweilig nnr die Hälfte der Löhne bezahlt und die andere Hälfte gut geschrieben, nnd die Genossen haben sich das gefallen lassen. In dieser Weise ist die Standhaftigkeit einer genossenschaftlichen Ansiedelung beschaffen. Darum kann man als Kapitalist einer Geuvssenschaft einen unvergleichlich höheren Kredit einräumen. Im Gegentheil, ich sagte schon vorhin, die Psychologischen Faktoren sprechen selbst im Falle der Unterstützung durch Außenstehende nicht so stark gegen die caritative Hilfe als bei den Einzelnen. Die psychologischen Faktoren wirken vielmehr sehr bedeutend darauf hin, das Gedeihen einer Genossenschaft zu fördern, einfach aus dem Grunde, weil jeder Genosse des Andern Aufseher ist; denn da Niemand die Lasten des Anderen tragen will, so herrscht eine scharfe Kontrole der Sittlichkeit und des Fleißes. Ein fernerer Vorzug der genossenschaftlichen Kolonisation ist, daß das von einer Genossenschaft abgepachtete Land nicht verkäuflich ist. Man kann die beweglichen Werthe verkaufen, das Haus verkaufen, aber nicht den Grund und Boden. Es ist unmöglich, daß die Genossen die „Zuwachsrente" verkaufen; es herrscht also niemals dort ein spekulativer Verkehr mit Grund und Boden. Wir haben es namentlich bei den Rentenkvlonien, welche der preußische Staat erbaut hat, erlebt, daß der erste Ansiedler seinen Grund und Boden als Spekulationsobjekt betrachtete. Das ist geeignet, die wirthschastliche Energie zu lähmen. Wenn Jemand denkt, daß er sein Gütchen in zwei bis drei Jahren wieder abgeben will, so wird er kein Heimathsgefühl ersitzen. Schließlich, was auch sehr wichtig ist, ist eine solche genossenschaftliche Stelle unverschnldbar. Es kann dasjenige, was den Bauernstand heute niederbricht, die Verschuldung, die aus Erbschaften und Aussteuern herrührt, ein solches genossenschaftliches Pachtgut niemals treffen. Diesen theoretischen Betrachtungen entsprechen nun auch die Erfahrungen, die mit genossenschaftlichen Kolonien gemacht worden sind, durchans. Ueberall hat sich gezeigt, daß die Moralität eine sehr Hohe, das wirthschastliche Gedeihen ein erstaunliches ist. Das glänzendste Beispiel für eine derartige Kolonie bildet die Kolonie Rahaliue, Grafschaft Cläre in Irland. welche Mr. Bandeleur im Jahre 1830 gründete. Sie ist so interessant, daß ich mir erlaube, die Geschichte dieser Gründung Ihnen darzustellen: In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts glich Irland einem siedenden Hexenkessel. Zu dem furchtbaren Druck der Uebervölkerung des Landes, welche die Bodenpreise auf eine geradezu blödsinnige Höhe getrieben hatte, traten damals noch die Kartoffelkrankheit und die Cholera. Der berühmte Agitator O'Connell fuhr wie eine Brandfackel durch das Land. Alle Bande waren gelöst, überall flammte der Aufruhr auf in allen Grafschaften des Landes. Brandstiftungen, Mordanschläge waren an der Tagesordnung. Polizei und stehendes Heer konnten nicht das Geringste dagegen machen. Die schlimmste Grafschaft war Cläre, und das schimmste Gut in Cläre war Nahaline. Die Einwohner hatten schon seit Jahren keine Pacht mehr gezahlt, sie hatten ihren Inspektor Hastings in den Armen seiner jungen Gattin erschossen. Der Mörder blieb verschwunden. Mit diesen Verbrechern wurde das merkwürdigste Experiment gemacht, das je gewagt worden ist. Vandelenr, ein Schüler Robert Owens, faßte sie zu einer Genossenschaft zusammen nnd überließ ihnen sein Gut gegen angemessene Pacht. Von diesem Augenblick an waren die Leute wie umgewandelt. Es wurde nicht mehr getrunken, nicht mehr geraucht. Die Leute arbeiteten doppelt so viel wie die Nachbarn der Umgebung und verbesserten das Feld in ungeahnter Weise. Sie waren nicht nur in der Lage, im ersten Jahre ihre Pacht zu bezahlen, sondern hatten für sich ein beträchtliches Einkommen herausgewirthschaftet, nnd sie hatten bereits im zweiten Jahre ihr Einkommen um weitere 2000 Mk. vermehrt. Sie hatten sich Maschinen aller Art angeschafft, sie lebten mit ihren Frauen, die sie vorher geprügelt hatten, wie sweet Iiearts, wie Süßherzchen, es kamen keine Ausschreitungen mehr vor, und das Gedeihen des Gutes breitete seinen Einfluß ans die ganze Nachbarschaft aus. Alle Arbeiter dort hofften mit dem „System" beglückt zu werden — da geschah ein Unglück, das mit der Organisation nicht das Geringste zu thun hatte. Bandeleur spielte in Dublin im Klub, verlor sein ganzes Vermögen, wurde flüchtig, und die Gläubiger ließen das Gut versteigern. Es bestand kein schriftlicher Vertrag, die armen Menschen wurden ohne jede Schuld und Veranlassung ihrerseits aus dem Gut Vertrieben, und alle Verbesserungen des Objektes fielen den Gläubigern anheim. Damit fiel das einzige Zeichen einer neuen Weltvrdnung, und Irland sank in seine alte Nacht zurück. Ganz ähnlich wie hier, wo wir vor einem Märchen zu stehen glaube»,, gerade so hat sich in vielen, ja in allen anderen