Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 258 (sequence 8)
- Language
- German
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258 diese Menschen eine eigene Existenz zu schaffen, und zwar eine solche, die nicht etwa des Inden, sondern des Menschen überhaupt würdig ist. Was soll man nun mit diesen unglücklichen Menschen ansangen? Soll man sie in die Städte werfen? Das wäre das Verkehrteste, was man thnn kann. Soweit es sich um die Wenigen handelt, welche im Handwerk, vielleicht auch in der Wissenschaft eine höhere Stufe erreicht haben, könnte das noch hingehen, aber für die ungeheure Masse ist das städtische Leben das Proletariat. Unmöglich, sie Alle mit dem nöthigen Kapital zu versehen, um sie in die Unternehmerklasse emporzuheben, unmöglich, sie Alle zu erziehen, daß sie in etwas höheren Schichten Unterhalt für sich und ihre Familien finden können. Das Proletariat, das an sich schon unsere Großstädte überschwemmt, das die schlimmsten ethischen Mißstände zu erdulden hat, würden wir vermehren, wenn wir diese osteuropäischen Juden in das städtische Proletariat hinabschlendern. Es bleibt nur die Landkolonisation übrig. Das haben die jüdischen Vereine, welche sich der armen Menschen angenommen haben, ganz richtig begriffen. Baron Hirsch, die Nothschild'schen Versuche, viele Vereine haben immer nnd immer wieder dahin gestrebt, und das ist auch der berechtigte Kern der zionistischen Bewegung, die Juden aus dem Lande seßhaft zu machen. Die Landwirthschaft ist hygienisch und ethisch der edelste Beruf. In der Landwirthschaft wird dieser alte Stamm sich wieder erholen, in der Landwirthschaft kann sich die echte Sittlichkeit, die Grundlage alles Gedeihens, viel reicher entfalten als in den Städten, auf dem Lande kann der Jude wieder zur Persönlichkeit werden, die sich nach allen Seiten harmonisch ausgestaltet, und schließlich ist die Landbeschäftigung auch eine in jedem Sinne produktive Bethätigung. Kein Volkswirth wird ja auf dem thörichten Standpunkt stehen, daß Handel und Verkehr keine produktiven Betätigungen sind, aber man unterscheidet doch mit Recht die eigentliche, Werthe schaffende von der nur Werthe verteilenden Thätigkeit, und da giebt es jedenfalls keine volkswirtschaftlich bessere Thätigkeit als den Landbau. Und wenn dies uns bei den Juden des Ostens gelingt, so werden wir damit auch einen Theil des dortigen Handelsproletariats beseitigen, und wir werden zweitens den alten thörichten Glauben wiederlegen, daß die Juden zu faul und zu schlau seien, um sich körperlicher Arbeit zu widmen. Also, es bleibt nur die Landkolonisation übrig. Aber diese Aufgabe begegnet außerordentlich großen Schwierigkeiten. Es ist ja ivahr, daß ein großer Theil der ausgewanderten osteuropäischen Juden Landarbeiter gewesen sind; der größte Theil aber sind doch ausgemergelte Stadtproletarier, welchen in einer Jahrhunderte langen Anpassung an das städtische Gewerbe die Muskulatur und Kraft verloren gegangen ist. Sie haben „das Kreuz" nicht mehr, um die landwirthschaftliche Arbeit zu versehen; anämisch und neurasthenisch, wie sie zum größten Theile sind unter dem Drucke schlimmer Gesetze, haben sie nicht die Ausdauer in der Kraftbethätigung, welche für den Bauer uothwendig ist. Das liegt nicht in der Nasse; das wäre Unsinn zu behaupten. Der Jude ist Ackerbauer jahrhundertelang gewesen, er ist noch in vielen Gegenden in Massen Ackerbauer. Wir haben noch ein besseres Beispiel. Wenn Sie in Ahlem die Gartenbauschule besuchen, und dort, die jungen Leute sehen, wenn sie vom Felde kommen, ihre Geräthe geschultert, so stehen Sie im Augenblick des ersten Ansehens vor einem Physiognomischen Räthsel. Sie sehen die großen Kolleraugen der galizischen Juden, und trotzdem vermissen Sie etwas in den Zügen. Sie empfinden eine Femdartigkeit der Erscheinung; diese Juden sehen, trotzdem sie Juden sind, nicht „jüdisch" aus. Es ist der Landarbeitertypus! Diese Leute mit ihrem ruhige», steten Blick, der von Abwesenheit von Nervosität zeugt, mit ihrem weit ausgreifenden Gang haben die sogenannte Nasseneigenthümlichkeit der Juden zum Theil verloren. Heute aber, Jahrhunderte hindurch vom Lande abgesperrt, sind die Juden zum größten Theile nicht fähig, ohne Weiteres in die Landwirthschaft übernommen zu werden. Die Mißerfolge, welche man gehabt hat, sind darauf zurückzuführen, daß man versucht hat, diese Menschen für einen viel schwereren Beruf sofort anzuspannen, zu der härtesten Arbeit, welche es geben kann. Wie soll man nun mit solchem Material kolonisiren, wenn es nun doch Landkolvnisation sein soll? Man hat bisher die Einzelansiedelung versucht, das ist sehr häufig mißglückt. Sie macht den Menschen selbständig, ehe er wirthschaftlich mündig geworden ist; „sie läßt den Armen schuldig werden, dann überläßt sie ihn der Pein, und jede Schuld rächt sich auf Erden". Die hauptsächliche Schuld der schlecht berathenen Organisatoren liegt darin, diese Menschen Landwirthe werden zu lassen, ehe sie die physische Kraft, ehe sie die nervöse — im Sinne von Nerven herkommend — die Kraft der Nerven erlangt haben, ehe sie die manuelle Geschicklichkeit nnd das Verständniß für ihren neuen Beruf erhalten haben. Man hat ihnen von Jahr zu Jahr Zinsen stunden müssen. Man begreift gar nicht, daß es selbst mit dem Rathe des besten Landwirths dem Ansiedler nicht möglich ist, auszukvnimen, wenn die Kraft fehlt, nnd die Gewohnheit der Handgriffe, die tägliche Methode der kleinen Praxis mangelt. Die Folge ist, daß man diese Einzelansiedler sehr häufig hat unterstützen müssen. Man hat ein soziales Unternehmen mit Almosen weiter gefristet, und Almosen waren und werden immer sein der Tod jeder sozialen Bestrebung. Wer eine gute, wirthschaftliche, soziale Sache mit absoluter Sicherheit zerstören will, der schenke! Es wird durch Almosen dasjenige zerstört, was das Rückgrat und die höchste Kraft jeder wirthschaftlichen Bewegung ist, die Selbstverantwortung, das Selbstinteresfe. Das haben alle Reformer auf dem sozialen Gebiete erfahren, das hat Schulze-Delitzsch, der große Prvpagator der Genossenschaft, wie sein konservativer Zwillingsbruder Aimä Huber, das hat der christliche Sozialismus Englands nach schmerzlichsten Erfahrungen auss Deutlichste erkannt. Das hat erst kürzlich wieder in Südaustralien bei hochinteressanten staatlichen Kolonisationen am Murray der Minister erfahren müssen. Wenn die Leute wissen, daß hinter ihnen eine bereite Hand und ei» offener Geldbeutel steht, so konsumiren sie mehr als sie sollen Das ist menschlich, und schon ans diesem Grunde, weit du Einzelkolonisation jahrelang nicht anders zu erhalten ist als durch Almosen, ist sie eine höchst bedenkliche Kolonisationssorm für die osteuropäischen Juden, und ist die genossenschaftlich» Kolonisation vorzuziehen. Hier waltet eine merkwürdige Ver schiebung der Verhältnisse vor. Hier ist die Persönlichkeit, du von wohlmeinenden Kapitalisten gefördert wird, nicht der Einzelne, sondern die Genossenschaft, eine juristische Person, die nun wieder den Einzelnen an den Vortheilen theilnehmeu läßt. Es ist damit die Schädigung des Geschenkes, des Al moseus, abgeschwächt; es beeinflußt den Einzelnen nicht so