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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-31 · Heft 22 (31.5.1901) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
Seite 257 (sequence 7)
Language
German
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Die Reinheit, als Geschenk Gottes, giebt nicht den Ausschlag, sie bildet nur die unerläßliche Voraussetzung. In der Reinheit wird aber zngleich die Verantwortlichkeit zur Bedingung gemacht. Wo die Reinheit als Leitstern leuchtet, da bleibt das Gewissen wach, daß sie nicht verletzt werde. So spornt die Reinheit das Bewußtsein der Verantwortlichkeit schon in der Seele des Kindes. Die Reinheit ist der religiöse Ausdruck der Freiheit Wenn der Knabe in das religiöse Leben eingeweiht wird, so wird er zum „Sohn der Pflicht". Pflicht ist nur möglich, wo Freiheit ist. Die Reinheit des Herzens führt zur Freiheit der Pflicht. Der Zusammenhang von Reinheit und Pflicht durch Freiheit läßt sich im genauer« Anschluß an daS Bibelwort erkennen. „Ein reines Herz erschaffe mir, Gott, und einen festen Geist mache neu in meinem Innern." (Psalm 51, 12.) Mit dem reinen Herzen soll der feste Geist gegründet werden. Die Reinheit bedeutet nicht schlechthin die naive Unschuld; sie wird in den Kampf des Lebens gestellt. Sie soll die Gesinnung, sie soll den Charakter begründen. Wir Pflegen das hebräische Wort, das mit dem Geist hier verbunden wird, durch „fest" zu übersetzen; aber es bedeutet eigentlich „gegründet". Diese Sicherheit und Gewißheit des Geistes allem Aeußern gegenüber, allen Wirreil und allen Stürmen, aller Noth und aller Drangsal, aller Kränkung und Verleumdung unserer heiligsten Ehre zum Trotze: sie ist die weltgeschichtliche Stimmung Israels. Das Motiv des Pessimismus fehlt nicht in unserer Weltpoesie, aber es wird ihm der Stachel auszerisseu. Unsere Weltanschauung ist die des Messianismus. Und der Messianismus selbst ist die titanische Ausgestaltung unseres Kinderglaubens an die Reinheit des Herzens. So vorbereitet, treten wir in das zweite Zimmer, lieber der Thür begrüßt uns der Spruch, mit dem der zur Thora Ausgerufeue von ihr scheidet: „Er hat uns die Lehre der Wahrheit gegeben, und das ewige Leben in unser Inneres gepflanzt." Er ist freilich bekannt, dieser Spruch; ob er aber verstanden wird nach seiner ganzen Tiefe? Ich erinnere mich, in einem Gebetbuche die Uebersetzuug gesehen zu haben: „Er hat den Baum des Lebens in uns gepflanzt." Das ist nicht nur eine Poetische Verirrung: das ewige Leben ist dabei entwurzelt. Die Thora und das ewige Leben, sie gehören zusammen. Man hat uns die Unsterblichkeit der Seele abgesprochen. Wir aber bekennen sie in einem Athen: mit der Wahrheit der Thora. Auch so hängt unsere Glaubenslehre mit unserer Sitteulehre innerlichst zusammen. Der Satz vom ewigen Leben ist ein Folgesatz der Reinheit und Freiheit der Seele. Aber freilich, mit der Unsterblichkeit ist viel Unklarheit und Verwirrung verknüpft; ist sie doch aus den Anfängen der Mythologie erwachsen. Das Kapitel, welches die Behandlung der Unsterblichkeitssrage im alten Bunde und demgemäß im jüdischen Glaubensgefühl überhaupt verdient, soll erst noch geschrieben werden. Unser Spruch giebt gute Weisungen. Nicht verheißen sei uns das ewige Leben, wenn gewisse Glaubensbedingungen vvnuns erfüllt werden, sondern gepflanzt ist ks in uns. Nicht durch eine anderweite Veranstaltung soll es uns zn Theil werden, sondern dadurch allein, daß Gott es in uns gepflanzt hat. Ergreifend und zugleich wie die schönste Blnthe der Poesie erfreuend ist hier das Wort „gepflanzt". Wie ein Gärtner erscheint Gott dem Ewigen gegenüber, das in: Menschen selber lebt. Er Pflanzt die Ewigkeit in uns. Es ist, als wenn die Erzählung vom Paradies verbessert werden sollte. Nicht nur der Baum der Erkenntniß ist den: Menschen nicht mehr verboten, sogar der Baum des Lebens ist durch das ewige Leben sein Eigenthum geworden. Und zn beachten ist auch das Wort: „in unser Inneres". Das Pflanzen geht sonst auf das Natürliche. Hier aber wird vom natürlichen Menschen der sittliche Mensch, als sein Inneres, unterschieden. Die sittliche Anlage, die Kraft, der Beruf zur Sittlichkeit, sie sind dem Menschen eingepflanzt, sie sollen mit seiner Natur verwachsen. Die Reinheit des Herzens hat sich znm ewigen Leben des menschlichen Geistes entwickelt. Das dritte Zimmer ist dem Religionsunterricht gewidmet. Wir dürfen es als ein Beth-Hamidrasch benennen; denn es werden in ihm Talmndvortrüge vor den Studenten, die der Regel nach hier sind, gehalten. Hier durfte ein froher, gleichsam ein triumphirender Aufblick gewagt werden. Wir wissen es ja: das Studium der Lehre ist der Schwerpunkt des jüdischen Lebens. „Brod mit Salz magst du essen und Wasser abgemessen trinken, auf der Erde schlafen, und ein Leben der Schmerzen leben: um die Thora mühest dn dich; Heil dir, dir ist wohl." (Spr. d. V. «>, 4.) Die letzten Worte dieses Satzes Prangen in hebräischer Sprache über dem Katheder. In ihnen drückt sich der hohe, reine, theoretische Enthusiasmus des Judenthums aus. Sie sind der Triumphgesang des ewigen Juden in der Wanderschaft seiner Leide». Nichts als Brod und Salz und Wasser, und das Lager auf der Erde, und die Schmerzen Hiobs dazu : das Studium der Lehre macht alles wett. Auch der Ausdruck für das Studium ist bedeutsam: „die Mühe". Der bekannte Psalmvers kennzeichnet den Stolz des Lebens mit demselben Worte als Mühsal. Hier wird die Summe des Lebens, die nicht nur alle Lust, sondern die auch alles Leid des Lebens aufwiegt, als die Mühe um die Thora bezeichnet. Sie ist die Arbeit des Lebens. Sie ist der beste Lohn des irdischen Lebens. Sie ist das Zeugnis; des ewigen Heils. Genossenschaftliche Kolonisation im Bleuste der osteuropäischen Inden. Von Dr. Franz Oppenheimer. Elend unserer Glaubens- und Stammesgenossen im europäischen Osten schreit zmn Himmel. Bon ungerechten Gesetzen bedrückt, oon gewalttätigen Regierungen verfolgt, strömen sie massenhaft ans dem Lande; und das, was sitzen bleibt, muß schließlich von uns westeuropäischen Juden noch zur Auswanderung angeregt werden. Diese unglücklichen Genossen unseres Stammes, die voll dort ausgewandert sind und die noch der Auswanderung harren, zählen nach Hunderttausenden, fast nach Millionen. Es genügt aber nicht, sie dort fortzunehmen, sie nur irgend wohin zu spediren und mit einem Zehrpfennig zu versehen, sondern es handelt sich darum, für

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