Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Are Sprüche im Israelitischen Schüler- und Lehrlingsheim;n Marburg a. L. Von Professor Or. Hermann Cohen. (^vv^eber der Thür des Hauses, das im April d. I. eröffnet wurden ist, sind in einer kleinen Rnndung die hebritischen Worte eingelassen: "PN „Erziehe den Knaben" (Spr. 22, 6). Die Pflicht der Erziehung ist in unserer Glaubenslehre, die zugleich unsere Sittenlehre ist, nachdrücklich gelehrt worden; an der wichtigsten Stelle, und somit im tiefsten Zusammenhang ist sie eingeführt: nach der Verkündigung des Schema Jisrael und in Verbindung mit dem Gebot der Liebe zu Gott stehen die Worte: „Du sollst sie einschärfen Deinen Kindern." So hängt die Pflicht der sittlichen Erziehung mit den Grundgeboten der Anerkennung der göttlichen Einheit und der Liebe zu Gott zusammen. Und so ist die Erziehung im weitesten Umfang zu allen Zeiten unserer Geschichte als die wichtigste religiöse Pflicht erkannt und geübt worden. Hängt sie doch eben unlösbar mit den Grundlagen unserer religiösen Verfassung zusammen. Warum ist denn unsere Glaubenslehre zugleich unsere Sittenlehre? Warum ist denn keine Trennung zwischen Sittenlehre und Glaubenslehre bei uns zulässig? Weil die Liebe zu Gott sich nicht in einer mystischen Versenkung in Gott versuchen darf, sondern unaufhörlich in der harten, mühseligen, aber freudigen Arbeit der Forschung und Erkenntnis; sich bethätigen muß. Die Liebe zu Gott bedeutet die Erkenntniß seines Wesens. Sein Wesen aber ist die Sittlichkeit. So ist die Erkenntnis; Gottes die Erkenntniß der Sittlichkeit. Die Erkenntniß der Sittlichkeit aber, das ist die Liebe der Sittlichkeit. Dieser Zusammenhang von Erkenntniß und Liebe liegt in uuserm Grundwort der Thora. Und wie die Thora der Wortwurzel, wie dem gedanklichen Inhalt nach, die Lehre bedeutet, so ist die Pädagogische Pflicht in einem fundamentalen Worte unseres Glaubens mit ihr verwachsen: (das Studium der Thora). So ist aus der allgemeinen Pflicht der Erziehung die scheinbar engere des Unterrichts entstanden. Aber sie ist nicht als eine engere gefaßt worden, sic hat vielmehr den breitesten Spielraum in unserem gesammten religiösen Leben sich erobert. „Das Studium der Lehre h ält allen das Gleichgewich t." Und alle die Gegengewichte, die in diesem Spruche verzeichnet werden, sie sind die höchsten und die zartesten sittlichen Gesetze. Das Studium der Lehre aber wiegt sie alle auf. Die Thora wird eben als Inbegriff der Sittlichkeit gedacht. Was sonst noch in ihr enthalten sein mag, wird dieser ihrer Grundbedeutung untergeordnet. So hat die Auszeichnung, die der wissenschaftlichen Arbeit, der theoretisch-sittlichen Kultur geworden ist, sie hat die Pflicht der Erziehung und des Unterrichts in den Mittelpunkt unserer religiösen Aufgaben gebracht und in demselben festgehalten. Die Pflicht der Erziehung liegt zunächst dem Vater ob. Es ist ein zwar natürliches, nämlich logisches, aber nicht minder dankwürdiges Verdienst des Talmud, daß er dem Vater die Pflicht der Erziehung und des Unterrichts seiner Kinder auferlegt hat. Diese Pflicht ist eine religiöse, und als solche eine sittliche. Also steht sie in einem nothwendigen Zusammenhang mit den sittlichen Aufgaben der Gemeinschaft. Ist doch das Studium der Lehre eine Eesammtpflicht, die Obliegenheit von „ganz Israel". So ist es alle Zeit in Israel gehalten worden. Die Pflicht der Wohlthätigkeit hat sich niemals auf das Almosen beschränkt. „Seid behutsam mit den Kindern der Armen, denn von ihnen geht die Thora aus." Mit solcher sozialpolitischen Weisheit hat mau die Bedentuug der niederen Stände für den Aufschwung der Kultur erkannt. Es gab keine Freitische für die armen Studenten, aber an; Tische des Reichen wie selbst des Unbemittelteren gab es freie Stühle für sie. Die neuere Zeit ist monumentaler gesinnt, wie denn auch der Bedürftige die patriarchalischen Formen der Wohlthätigkeit als einen unbehagliche»» Zwang empfinden würde. So bauen wir jetzt Häuser. Und wir können nicht genug bauen. Wenn irgendwo eines errichtet wird, so soll inan nicht daraus schließen, daß es in jener Gegend nicht geheuer sei. Das ist nicht der richtige Schluß; denn »vo wäre alles in vollkommener Ordnung? Wenn aber eine soziale Bedrängniß in engeren Bezirken, in kleinen Städten, auf dem flachen Lande eingegriffen und Boden gefaßt hat, dann gebietet die sozialpolitische Vorsicht, daß zu den Quellen der Wohlfahrt und der Gesittung zurückgegangen werde. Aus solchem Gedanken ist das Marbnrger Heim entstanden. Wir unterstützen das Streben nach besserer Bildung, das niemals unter uns erstorben war. Wir glauben an einen harmonischen Zusammenhang zwischen der Bildung und den» Wissen der allgemeinen Kultur und demjenigen unserer Glaubens- und Sitteulehre. An einein kleinen Beispiel »vollen »vir hier es erstreben, diesen Zusammenhang lebendig zu machen. Die Knaben, die hier erzogen werden, sollen zugleich das moderne Wissen und das religiöse erlernen. Die allgemeine Schulbildung und die vaterländische Gesinnung sollen sich in ihrem jugendlichen Geiste mit unserer religiösen Bildung verschmelzen. So fassen wir unsere Devise auf: „Erziehe den Knaben." Wir treten in das Haus ein. Im untern Geschoß sind drei Arbeitsräume und Lehrzimmer. An der Wand des einen Zimmers steht über der Tafel der Satz aus dem Morgengebet: „Mein Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein." Wenn es in» weiteren Verlauf des Morgengebetes heißt „Wie gut ist unser Theil, wie lieblich unser Loos," wahrlich, de» voraufgehende Satz hat es bewiesen. Die Reinheit der Seele ist der Leitgedanke unseres Glaubens und unsere» Sittlichkeit. Gott hat diese reine Seele den» Menschen ge geben. Sie inuß rein sein, »veil er sie gegeben hat. Wen» der israelitische Religionsunterricht in der rechten Weise ertheib wird, so inuß in peinlichster Sachlichkeit und in strengste» Gewissenhaftigkeit auf die Grundlehren hingewiesen werden die unsere Religion von den Bekenntnissen des Christenthunn unterscheiden. Die ursprüngliche Reinheit der Seele ist ein solche unterscheidende Lehre. Wir haben keine Erbsünde. Un» zu uuserer Erlösung stirbt daher kein Gott. „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt." (Hiob 19, 25.) Der Trieb des Herzenk ist zwar böse von Jugend auf, aber nicht von Natur, und nicht, wie ihn Gott gegeben hat. Dem bösen Triebe ist de> gute beigesellt, uud beide erst bilden das inenschliche Herz Das Herz kann verkrümmt und verkehrt werden, aber die Reinheit kann ihm nicht unwiederbringlich verloren gehen Gott hat sie dem Menschen gegeben, er bewahrt sie ihm. „Du bewahrst sie in meinem Innern." Betrachten »vir die Folge dieses Grundsatzes der Glaubenslehre für die Sittenlehre.