Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
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255 Maßregeln, indem Ach eine nicht unbedeutende Geschäftsstockung geltend macht, bte um so empfindlicher ist, als die Anordnung wegen des nun gewaltig erschwerten Grenzüberganges der Juden urplötzlich und ohne Gewährung einer Frist getroffen wurde, so daß die Abwicklung vieler vereinbarter Geschäfte durch russische Juden in Deutschland zum großen Theil nicht mehr erfolgen konnte. Die selbst von einflußreichen jüdischen Grotzkaufteuten unternommenen Versuche um Milderung der strengen Maßregel zu gunsten der kleinen Händler, deren sich die Großkanfleute vielfach bedienen, sind ohne Erfolg geblieben, und man giebt sich in interessirenden Kreisen wenig der Hoffnung hin, daß in absehbarer Zeit in günstiger Weise Wandel darin geschaffen werde. Selbst in russischen Kreisen ist man erstaunt darüber, daß diese russische Maßregel auch auf deutsche Unterthanen jüdischen Glaubens anzuwenden sei." Jedoch hat, wie in Ergänzung dieser Mittheilnngen gemeldet wird, der Regierungspräsident Holtz in Oppeln bewirkt, daß diplomatische Verhandlungen mit Rußland wegen Erleichternngeil imGrenzverkehr, namentlich für die jüdischenHändler, angeknüpft werden. Einer Deputation gegenüber sprach er die Zuversicht aus, daß diese Erschwerungen des Grenzverkehrs in kurzer Zeit aufgehoben werden würden. Neuerdings wird behauptet, daß die Maßregel nur einen lokalen Hintergrund habe. Der Chef des Lubliner Grenzbezirkes soll die erste Anregung zu den einschneidenden Veränderungen gegeben haben: Demselben war, so berichtet ein schlesisches Blatt, bekannt geworden, daß eine größere Anzahl jüdischer Handelsleute aus Galizien, welche in Russisch-Polen gar nicht ihren Wohnsitz haben, auf Grund russischer Pässe den Verkehr zwischen Russisch-Polen und Deutschland pflegen. Er nahm Veranlassung, einen Erlaß dnrchznsetzen, laut welchem den Juden des Lubliner Grenzbezirks für die Folge nicht mehr gestattet werden solle, auf Halbpässe die Grenze zu überschreiten. Dieser Erlaß wurde voll den anderen Greuzchess sofort aufgegriffen und binnen wenigen Tagen von denselben für alle Grenzübergänge in Russisch- Polen publizirt. Sosnowice ist der einzige Grenzübergang, bei welchem die noch nicht abgelausenen Halbpässe Giltigkeit haben. Es ist dies auf das Einwirken des dortigen Oberkapitäns zurückznführen. welcher nach Warschau fuhr und dort die theilweise Verlängerung des bisherigen Paßwesens herbeifnhrte. * Die großen deutschen Handelshäuser, die inRußland Geschäfte machen, haben bei der Negierung des Landes Eingaben gemacht, mn durchzusetzen, daß ihre Reisenden frei im Reiche herumreisen dürfen. Die Negierung hat dem Verlangen unter folgenden recht harten Bedingungen stattgegeben: 1. Die jüdischen Reisenden, welche unbegrenzte Zeit in Rußland bleibe» wollen, werden die Rechte der ersten Gilde zu bezahlen haben. 2. Diejenigen, welche sich nur 14 Tage aufhalten wollen, müssen ein Zeugniß der deutschen Negierung vorzeigen, daß sie i>» Dienste des deutschen Handelshauses stehen und im Interesse ihres Hauses nach Rußland gekommen sind. 3. Wen» die Reisenden dieser letzteren Art ihren Aufenthalt verlängern wollen, so müssen sie eine Eingabe an die Lokalverwaltung machen und die Rechte für die zweite Gilde bezahle». r Der französische Exminister Edouard Lockroy, ein vorsichtiger Politiker und geistreicher Kopf, hat in einem Artikel »es „Temps" über die gegenwärtigen Verhältnisse in Deutschland folgende Ungeheuerlichkeiten geleistet: „Der mißtrauische Protestantismus hat die jüdische Welt nicht gehindert, ans die Ereignisse und selbst ans die Politik einen beträchtlichen Einfluß auszuüben. Wenn man sagt, die jüdische Weit, so ist das nur eine Redensart. Sämintliche Inden in Berlin sind!letauft, und zwar schon seit langer Zeit." Diese Aeußerung ist ein werthvoller Beitrag zur Charakteristik der Unwissenheit der Franzosen in den Angelegenheiten fremder Länder. Im klebrigen erinnert ein französisches Blatt mit Recht daran, daß Lockroy genug Beziehungen in der „jüdischen Welt" hat, um sich über die einschlägigen Fragen besser zu unterrichten, als dies der Fall gewesen zu sein scheint. Obgleich die Zahl der Fremden, welche in den ersten vier Monaten d. I. sich definitio in England niedergelassen haben, nicht nur nicht zugenommen, sondern gegen das verflossene Jahr noch eine kleine Abnahme erfahren hat, hat sich doch vor einigen Tagen in London eine Gesellschaft zur Unterdrückung der Einwanderung von fremden Armen gebildet. Der Verein nennt sich selbst die „Gesellschaft der englischenBrüder ", obgleich ihr einzig auf Menschenhaß und Menschenverfolgnng gerichtetes Ziel nichts weniger als brüderlich ist. Wenn jedoch der Name der Gesellschaft auch ebenso verlogen wie heuchlerisch ist, so ist doch ihr Ziel klar und ganz unzweideutig. Wenigstens hat es der Gründer der Gesellschaft und Parlamentsmitglied, der englische Oberbruder Mr. Murray Guthrie ganz ungenirt ausgesprochen. Dieser Herr war ehrlich genug, in seiner bei der Gründung der Gesellschaft gehaltenen Rede alle Phrasen und Redensarten bei Seite zu thun und mit sehr lobenswerthe», Chmsmus das Kind bei seinem wahren Name» zu nennen. Er gab nämlich zu, daß er weder gegen die Fremden noch gegen die „Paupers" etwas einzuwenden habe. Sein Wunsch sei nur der, die Einwanderung von — Juden zu verhindern. Das brutale Parlamentsmitglied fürBowhat seinen Haß auch gegen, die Juden motwirt. Mr. Guthrie meinte, die Juden halten sich immer abseits und wollen sich nicht den Engländern assimiliren. Da jedoch die eingewanderten russischen Juden bereits in der zweiten Generation alle Sitten und Gewohnheiten des echten und rechten Engländers annehmen, so kann die von Mr. Guthrie so schmerzlich vermißte Assimilation nur auf religiösem Gebiete liegen. Mr. Guthrie ist wohl der Ansicht, daß die fremden jüdischen „Paupers" bessere englische Bürger würden, wenn sie aus schlechten Inden sich in noch schlechtere Christen verwandeln würden. Das Mitglied des Unterhauses Mr. Dewar theilte unter großem Jubel seiner Zuhörerschaft mit, daß er fest entschlossen sei, die Frage im Parlament so lange anznschneiden, bis dieselbe nach Wunsch gelöst ist. Es ist das derselbe Mr. Dewar, der seine Wahl ins Parlament eben diesen fremden „Paupers" zu verdanken hat, die er jetzt wenige Monate nach seiner Wahl als ein Unglück für das Land erklärt. Sowohl Lord Rothschild einerseits als der Zionistenhänptling Sir Francis Montefiore anderseits haben den russischen Juden auss Eindringlichste empfohlen, Mr. Dewar zu wählen. Lord Rothschild empfahl den Mann, weil er der konservativen Partei angehört, während Sir Francis Montefiore den verlogenen Antisemiten empfahl, weil Dieser sich verpflichtet hat, im Unterhause für den — Zionismus zu wirken. Wir sind empört zn höre», daß die unwissenden Inden in Galizien hin und wieder einem antisemitisch angehauchten polnischen Schlachziz ins Abgeordnetenhaus verhelfen. Jetzt haben zwei sich modern dünkende englische Inden dasselbe gethan. Sie haben damit einem Menschen zn einem Mandat verholfen, der seinen Einfluß dazu mißbrauchen will, so lange die Fremdenfrage in England immer wieder und wieder anzuschneiden, bis den Juden die Einwanderung in England verboten wird.