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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Mitglieder des Verwaltuugsrathes sind folgende Herren: Lantz Lazare. Präsident; Wallach, Heinrich, Vizepräsident; Lantz. Gaston, Schatzmeister; Bernheim, Julius, Schriftführer; Lion. Heinrich, Verwalter; Blum, Rabbiner; Dr. Samuel, Arzt; Moch, B., Direktor; Bernheinl, Alfred; Bloch, Carl; Cahen, Marcus; Dreyfus, Leo; Haas, Abraham; Lantz, Emil; Pattegay, Mathias; Wolf. Julius. Oesterreich -Ungarn. LI Wien, 20. Mai. Die Finanzwirthschaft in unserer Gemeinde scheint sich endlich zu bessern. Nach dem letzten Rechenschaftsbericht ergeben die Aktiva für das abgelaufene Jahr 1 638397.81 Kronen, die Passiva 1629911.27 Kronen. Mithin bleiben 8 486.54 Kronen als Aktiva-Saldo,darstellenddasgegenwärtigeReinvermögenpro30.Dezember 1900. Man denkt auch jetzt endlich daran, einen neuen großen Tempel in der inneru Stadt zu bauen, da das kleine Gotteshaus in der Seitenstettengasse längst nicht mehr ausreicht. Ebenso beabsichtigt man, die Subventionen der einzelnen kleinen Synagogenvereine endlich zu regeln. —Wer da glaubte, daß es nnt unserm christlich-sozialen Antisemitismus schon zu Ende gehe, den hat die letzte Woche eines Andern belehrt. Bei der Reichsrathswahl im achten Wiener Gemeindebezirk wurde der Antisemit Dr. Hetlinger mit großer Majorität gewählt. — Das Haupt unserer Christlich-Sozialen, der schwarze Prinz Liechtenstein, hat in einer Versammlung des „christlichen Frauenbundes" vor ungefähr 2000 Frauen eine große Enthüllung zum Besten gegeben. Die „Klosteraffären", welche in der letzten Zeit so oft die Oeffentlichkeit beunruhigten, seien „nichts als Schwindel" gewesen; die jüdischen Mädchen werden nicht geraubt, sondern sie flüchten sich einfach vor einem „dogmatischen Grundsatz" des Talmud in den Schutz der Kirche. „Nach dem Talmud und nach der religiösen Ueberzeugnng der Juden haben nämlich die Judenmädchen keine Seele, sondern es haben sie nur die Judenbuben. Deswegen kommt es auch vor. daß Jndenmädchen gegen den Willen ihrer Angehörigen zur katholischen Religion übertreten." Ist das nicht ebenso interessant wie wichtig? — Eine Einrichtung, die die hiesige Chewra Kadischa getroffen, verdient aller Orten Nachahmung. Es wurde nämlich in den letzten Jahren die bedauerliche Wahrnehmung gemacht, daß auch bei jüdischen Leichenbegängnissen, entgegen den Traditionen, welche die einfache prunklose Bestattung gebieten, die Kranz- und Blumeuspendeu überhand nehmen. Die Chewra Kadischa hat nun veranlaßt, daß — ohne der freien Entschließung jedes Einzelnen vorgreifen zu wollen — in jedem Trauerhause ein würdig ausgestattetes Buch aufgelegt wird, worin die Freunde der Familie an Stelle der Kranz- und Blumenspenden den entsprechenden Betrag für wohlthätige Zwecke einschreiben können. Hoffentlich wird dieses Buch viel benutzt werden. — Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung leben hierunter 1674957 Einwohnern 146926 Juden. — Der rühmlichst bekannte Professor Friedrich Kick hat die vom „Kyffhäuser-Verband alter Herren der wehrhaften Vereine deutscher Studenten in der Ostmark" veranlaßte Zusendung einer Ehrenkarte für den am 15. d. M. stattgehabten Festkommers mit nachstehendem Schreiben beantwortet: „Wien, den 6. Mai 1901. An den „Kyffhäuser-Verband alter Herren der wehrhaften Vertreter deutscher Studenten in Wien". Mit der Stampiglie des Verbandes erhielt ich hellte eine Ehrenkarte zum Festkommers der deutschvölkischen Studentenschaft Wiens am 15. d. M. So entschieden deutsch ich fühle, stammend aus einer von Bayern vor etwa 150 Jahren nach Wien eingewanderten katholischen Familie, so stehe ich doch der „deutschvolklichen" Rassenhetze politisch und humanistisch als entschiedener Gegner gegenüber. Mir erscheint der Raffen-Antisemitismus eines Deutschen ebenso unwürdig, als der Geschäfts-Antisemitismus der „Luegrianer". Es giebt nicht wenige deutsch und ideal gesinnte Juden, und in einer Gesellschaft, welche dieselben als nicht satisfaktionsfähig betrachtet, habe ich trotz vieler Berührungspunkte deutschen Hochgefühles nichts zu suchen. Genehmigen Sie meinen Dank für die Einladung zugleich mit meiner Entschuldigung aus obigen Gründen. Des Verbandes ergebener Professor Kick." 6. Budapest, 9. Mai. Der Glaube an das fabelhafte und alberne Blutinärchen ist bedauerlicherweise auch in unserem Vaterlande noch nicht erloschen, und es bedarf nur eines unscheinbaren. offenkundig, wenn auch nur in blödester Weise, erdichteten Anlasses, um gegen die Juden die alte Nitualbeschuldigung aufleben zu lassen. In neuester Zeit bildet das Blutmärchen im Torontaler Komitat den Gesprächsstoff. In Aratsch erstattete ein Serbe gegen den Krämer Emcmuel Hauser die Anzeige, daß dieser vom Kopse seiner Tochter Blut entnommen habe. Vor den Osterfeiertagen soll das Mädchen in das Geschäft Hausers gegangen sein, welcher dasselbe durch allerlei Versprechungen bewogen haben soll, sich am Kopse einen Fleck Haare abrasiren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit hätte er ihr mit einem Rasirmesser eine kleine Wunde beigebracht, woraus er ihr etwas Blut entnahm. Der Vater des Kindes ging mit dem Mädchen zu einem Arzt, welcher bestätigte, daß er am Kopfe eine von einem Rasirmeffer beigebrachte Wunde konstatireu könne. Der Serbe hat gegen Hauser die Strafanzeige erstattet, Hauser hingegen hat Klage wegen Verleumdung erhoben. Von Nah und Fern. — Den RechtsanwältenWr o nker und Dr. Joses S ira nz ist der Charakter als Justizrath verliehen worden. — Die Magistratsassessoren Dr. M eye rund Dr.L e derman n habenden Titel„Magistratsrath"erhalteu. — Der Gerichtsarzt, außerordentlicher Pros., Direktor des Instituts für Staatsarzneikunde. Dr. med. FriedrichStraßmann, ist zum Medizinalassessor bei dem kgl. Medizinalkollegium der Provinz Brandenburg ernannt worden. — Zum 16. Mai, als dem Jahrestage der Boppstiftung. hat die königliche Akademie der Wissenschaften in Berlin dem Privatdozenten Dr. G. Huth zur Unterstützung seiner Arbeiten über indische Inschriften eine Unterstützung zuerkannt. — Die Sanitätsräthe Dr. Max Altmann und Dr. Salomon Eh reu Haus sind zu Geheimen Sanitätsräthen, Dr. Josef Mühsam zum Sanitätsrath ernannt worden. — Der Bildhauer Max Landsberg hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Der umfangreiche Prozeß gegen die „Staatsbürgerzeituu g," der sich aus vielen Strafanträgen zusammeusetzt, die von Personen, welche in der Konitzer Affäre irgend eine Rolle spielten, gestellt waren, dürfte in der ersten Halste des Juni vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I zur Verhandlung kommen. Die Dauer dieses Prozesses ist auch nicht annähernd zu bestimmen, da außer 160 Zeugen, die kommissarisch vernommen sind, eine große Anzahl Zeugen im Termin vernommen werden soll. — Gegen eine große Anzahl Geschäftsleute, welche die bekannten Ansichtspostkarten des Berliner Verlegers Dewald feilboten, ist das Strafverfahren in Könitz eröffnet worden. Aus den Karten war folgendes zu lesen: Gedenke des 11. März 1900! An diesem Tage fiel der Gymnasiast Winter in Könitz dem Schächtmesser zum Opfer. Ächtet also auf Eure Geschwister, die da ledig sind. Hütet Eure Kinder!" — Zum Andenken au ihre in Hamburg verstorbenen Eltern Samuel Lewis ohn und Frau überwiesen deren drei Söhne Julius Lewisohn in London. Leonard undAdolphLewisohn in New-Iork dem israelitischen Kraukenhause in Hamburg 135000 Mark zum Bau zweier Krankenpavillons. — In Köln leben unter 372456 Einwohnern 9627 Juden — 2,6 Prozent (2.5 Prozent). Die Zunahme der Juden betrug während der letzten fünf Jahre 1830 — 23,1 Prozent (15.6 Prozent). — In Kopenhagen wurde der hundertste Geburtstag des seligen Oberrabbiuers Dr. A. I. Wolfs festlich gefeiert. Oberrabbiner Simonsen hielt einen sehr interessanten Vortrag über seinen Vorgänger, der diese Stelle 60 Jahre hierdurch verwaltet hatte. — Der neue Geueralgouverueur von Algier, Revoil, wird von der „Libre Parole" und von Melines „R^publique" sehr freundlich begrüßt; die Antisemiten nehmen also an, daß er in Algerien in ihrem Sinne und in schönem Einvernehmen mitMaxRegis regieren wird. — Gelegentlich des großen Rauiadanfestes Ende Mürz hat der Vertreter der Alliance in Teheran dem persischen Großvezier eine Visite abgestattet, während welcher Dieser dem Vertreter der Alliance namens des Schah sein lebhaftes Bedauern über die während der jüngsten Krawalle in Teheran den Juden zugesügten Schäden ausdrückte und ihm die feste Versicherung, daß sowohl er, der persische Ministerpräsident selber, als auch der Schah aus das Wohl der Juden in Persien ein wachsames Auge haben werden. Gleichzeitig theilte er ihm mit, daß er den Minister des Auswärtigen angewiesen hat. den Juden von Teheran für den von ihnen erlittenen Schaden aus der Privatschatulle des Schahs 20 000 Mark auszuzahlen. — Im Senat zu Albany passirte eine Dringlichkeitsbotschaft des Gouverneurs, der zufolge jüdische Fleischhauer, welche ihr Geschäft am Sonnabend geschlossen halten, am Sonntag alle möglichen Fleischsorten verkaufen dürfen. Die Bill ist vonr Gouverneur auch bereits unterzeichnet worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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