Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 die Möglichkeit gewähren, sich durch Besuch der hiesigen höheren Schulen eine gesteigerte Bildung zu erwerben. Auch Lehrlingen, die bei hiesigen Meistern ein Handwerk erlernen wollen, sollen in ihr eine Heimstätte finden. Für weniger Bemittelte können Ermäßigungen eintreteü, für Unbemittelte sind eine Anzahl Freiplätze geschaffen. Die Anstalt widmet der geistigen und körperlichen Entwicklung der ihr allvertrauten Knaben gleichmäßig die größte Sorgfalt. Ihre Begründer haben durch Gewinnung einer bewährten Kraft auch weitgehendsten Allsprüchen Genüge geleistet. Das verantwortliche Amt deS Leiters ist dem für das höhere Schulwesen geprüften und seitherigen Seminarlehrer zu Köln, Herrn I. Berget, anvertraut. Auch nach der hygienischen Seite ist allen modernen Anforderungen, die all ein derartiges Institut zu stellen sind, entsprochen. Mitten im Schulviertel unserer Universitätsstadt gelegen, gewährt das durchaus einfach gehaltene Gebäude einen freundlichen Anblick. Dem schmucken Aeußern entspricht das Innere. Alles ist in Hellen Farben gehalten, überall ist sür Licht und Lust reichlich Zutritt geschaffen, an jeder Stelle herrscht peinlichste Sauberkeit. In dein Parterre, dem Hausgarten zu gelegenen Souterrain, befindet sich der schöne Speisesaal, die geräumige Küche, die für die Knaben bestimmten Donchebädervorrichtungen und sonstige Wirthschaftsränme. Von der Straße aus betritt man durch ein geschmackvolles Portal die im untern Stockwerk gelegenen Unterrichtsnnd Unterhaltungssäle sowie das mit einer reichhaltigen Bibliothek versehene Beth Hamidrasch. Die Räume sind durchweg einfach, jedoch zweckentsprechend eingerichtet, ihre Wände mit sinnigen, bedeutungsvollen Sprüchen geschmückt. Im Beth Hamidrasch finden täglich talmudische Vorträge voll Herrn Dr. Munk statt, die zur Zeit von zwölf Hörern, Studenten der hiesigen Universität, die sich dem Nabbinerberufe widmen wollen, besucht werden. Für eine große Anzahl von Medizinern und Juristen ist ein besonderer talmudischer Lehrvortrag eingerichtet worden. In den oberen Räumen liegen die Schlaf- und Waschzimmer der Zöglinge sowie die Wohnung des Leiters. Zur Zeit sind in der Anstalt elf Schüler, die das Gymnasium und die Oberrealschule besuchen, sowie zwei Lehrlinge ausgenommen. Eine größere Anzahl Aufnahmegesuche unbemittelter Knaben mußte leider abgewiesen werden, da die vorhandenen Mittel zur Schaffung weiterer Freistellen nicht ansreichen. Die Männer aber, die dieses Werk geschaffen, erhoffet!, daß die Kraft der Bethätignng, die niemals bei uns gefehlt hat, wenn es sich um Maßnahmen für die Erhaltung unserer geistigen und sittlichen Eigellart handelt, auch hier nicht versagen wird. Wenn die Anstalt ihre Aufgabe, unsere Jugend zu Männern heranzuzieheu, die unserer Glaubensgemeinschaft zur Ehre gereichen, erfüllen soll, dann muß sie auf die thätkräftigste Unterstützung weiter Kreise rechnen können. Mögen diese Ewartnngen nicht getäuscht werden. ----- Güttingen, 12. Mai. Der vierte Bericht des Friedrichs- Helms sür israelitische Sieche und arme Greise konstatirt. daß die.Allstalt sich bewährt und immer mehr von alleinstehenden alt und einsam Gewordenen ans besseren Kreisen als Ruhestätte gesucht wird. — Im Hause waren am 31. Dezember 1900 vier Männer und elf Frauen. Die Verpflegnngsgelder, welche von Armenräthen gezahlt werden, schwanken zwischen 182.50 und 49 M., die von Privaten geleisteten zwischen 420 und 150 M. Der Voranschlag 1901 ist auf 10000 M, rund anzunehmen. Der Großherzog und die Großherzogin haben die Vorlegung des dritten Jahresberichtes durch die Kabinette „mit dem Ausdrucke aufrichtigen Dankes" . . . bestätigen lassen. Der Geheime Kabinetsrath Ihrer kgl. Hoheit fügt hinzu: „Allerhöchstdieselbe . .. Sich dabei gern Höchstihres Besuchs in der Anstalt während des vergangenen Sommers erinnert." Die Anstalt hat auch eine kleine Zunahme an Spenden (311,43 M.), dagegen eine Verringerung der Mitgliedsbeiträge um 140 M. und der Mitglieder um neun zu verzeichnen. Am bedeutendsten ist die Verringerung der Grundstocksgaben um um 1423.25 M. Doch eben diese Gaben werden von eigenartigen Umständen bestimmt, so daß man ein Nachlassen des Interesses für unser Heim daraus nicht folgern darf. Die Einnahmen betrugen im abgelaufenen Jahre M. 18 940.67 und deckten sich mit den Ausgaben Das Vermögen beträgt M. 108 786.36. Der Gesammtvorstand besteht aus den Herren: Rabbiner Dr. Lewin. Vorsitzender, Freiburg. Heinrich Weil, Schriftführer. Freiburg. Heinr. S. Epstein, Kassier, Eichstatten. Jacob Bernheimer, Gailingell. Julius Ettlinger. Mannheim. Anwalt Dr. Friedberg, Karlsruhe. Daniel Gnggenheim z. Schloß. Leopold Joses Guggenheim, Samuel Josef Gnggenheim, Gailingen. Bened. Herzberger, Breiten. Fritz Homburger, Karlsruhe. Jsaac Lang, Altdorf. Nabbiller Dr. Löwenstein, Mosbach. Louis Marx, Bruchsal. Sigmund Netter, Heidelberg. Ludwig Rothschild, Gailingen. Dr.Rothschild, Randegg. Anwalt Dr. Staadecker, Mannheim. Emanuel Strauß. Merchingen. Moritz Strauß. Tanberbischofsheim. Leo Wertheimer, Bühl. Josef Zimmern, Mannheim. München, 12. Mai. Am 9. d. M. feierte der „Verein I ü d i s ch er S t ll d e n t e n " (im B. I. C.) an der Universität München sein erstes Stiftungsfest, verbunden mit der Semeslerantnttskneipe. Nachdem der erste Chargirte sind. med. Max Sichel die Kneipe mit einem Salamander auf den Prinzregenten eröffnet hatte, begrüßte der zweite Chargirte stud. med. Bruno Leberrnann die zahlreich erschienenen Gäste und setzte ihnen die Tendenzen auseinander, die die Vereine jüdischer Studenten verfolgen. Der B. I. C. will die jüdischen Studenten aller Parteischattirungen in sich vereinen, sofern sie ans dem Standpunkt eitles lebendigen Jndenthums stehen, um mit ihnen zusammen gegen unsere äußeren Feinde und den Jndifferentismus im eigenen Lager zu kämpfen. Von diesem Ziele Ließe sich der V. I. St. durch Widerwärtigkeiten keiner Art, von welcher Seite sie auch kommen mögen, abbrillgen. Darauf dankte der Redner den Gästen herzlich für für ihr Erscheinen und für das Interesse, welches sie dadurch den Tendenzen des Vereins entgegenbrächten. Es folgten hierauf in abwechfelungsreicher Reihe Lieder- und Mnsikvorträge, bis der erste Chargirte stud. med. Sichel das Wort zur Festrede ergriff. Redner zeigte an der Hand der jüdischen Geschichte, wie die Inden jahrtausendelang einen Kampf um Freiheit, Recht und Ehre führten, wie sie, so lange sie im eigenen Lande lebten, stets mit dem Schwerte in der Hand diese drei theuersten Güter vertheidigen mußten. Als ihnen dann die eiserne Wehr genommen war, gäbet! sie nicht feige den Kampf auf, sondern vertrauten auf eine andere Macht, schärfer und wirksamer als das Erz, auf ihre geistigen Waffen. Dieser Kampf um Freiheit, Recht und Ehre hat noch heute nicht geendet; schon aber zeigen sich Anzeichen dafür, daß viele Juden müde sind des tausendjährigen Kampfes, daß sie die Waffen strecken und ins feindliche Lager übergehen wollen. Dies zu verhindern, ja den Kamps ruhmreich weiterzuführen, ist der V. I. St. gegründet. Er wendet sich daher nicht zuerst gegen unfern äußern Feind, sondern gegen jene Scharen, die entweder in offener Fahnenflucht. vom falschem Ehrgeiz getrieben, ihr Judenthmu verlassen oder auch nur durch Judifferentismus unsere Sache schädigen. Feurige Begeisterung für das Judenthum sprach aus jedem Worte des Redners, und lauter Beifall lohnte ihn am Schlüsse seiner Rede. Von den anwesenden Gästen antwortete Herr Fränkel als Vorsitzender der B'ne- Brith Loge; er freue sich, voll jungen Akademikern einen solchen Standpunkt vertreten zu sehen, er wisse hier die gemeinsame Sache in guten Händen und wünsche der Verbindung ein langes Bestehen. Nachdem dem offiziellen Theil des Festabends in alter studentischer Weise noch einige Lieder geweiht waren, kam auch die Fidelitas zu ihrem Rechte. ----- Mülhausen i. El, 3. Mai. Der Bericht über die Israeli tische Gewerbeschule des Oberelsaff ist den Gönnern des Instituts eben vorgelegt worden. Wie bekannt, besteht der Zweck desselben darin, arme israelitische Knaben des Oberelsaff dem Kleinhandel und so dein wirtschaftlichen Elend zu entreißen und in denselben Liebe zur Handarbeit zu erwecken. Schon mehrere Hunderte von Arbeitern haben feit der Gründung der Anstalt, die vor nun bald 60 Jahren statt hatte, ein Handwerk erlernt. Das Institut beherbergte während des verflossenen Jahres 41 Zöglinge, und wieder sind daraus 11 junge Arbeiter hinaus ins Leben getreten. Sie haben ihre Lehrzeit beendet und besitzen jene Kenntnisse, die zum Unterhalt des Lebens nothwendig sind. In ihre Stelle ist eine gleiche Anzahl von jungen Lehrlingen getreten. Die Zöglinge sind bei Meistern hiesiger Stadt in die Lehre gegeben, die sich ihrer mit treuer Sorgsalt annehmen. Auch werden die Zöglinge von Zeit zu Zeit durch den Leiter der Anstalt in ihren Werkstätten besucht. Wie in den Vorjahren, so hat sich die Anstalt auch dieses Jahr wieder an der elsaß-lothringischen Lehrlingsarbeiteuausstelluilg, die in Gebweiler vom 20. bis 27. Mai letzten Jahres stattfand, betheiligt. Drei Aussteller haben folgende Preise erhalten: einen Staatspreis von 25 Mark mit Diplom; einen zweiten Preis von 8 Mark mit Diplom und einen dritten Preis (Diplom). Bei der Zeichenausstellnng der Industriellen Gesellschaft in Mülhausen, am Ende des Schuljahres 1899/1900, erhielten die Zöglinge als Preis eine bronzeneMedaille und vier„Ehrenvolle Erwähnungen"..DieJahreseinnahmen beliefen sich aus Mark 19314.84, die Totalausgaben Mark 14194.76.