Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Der König ließ seine Herolde das Land durcheilen pnd die Edlen des Reiches zu einer Versammlung am Hofe einberufen, denn so erbittert ihn auch das verrätherische Gebühren von Szvltan und dessen Genossen hatte, er wollte dennoch nicht allem über sie zu Gericht sitzen, er wollte vielmehr, die Stimme des Landes, die Stimme Polens solle ihr Urtheil fällen. Im Angesicht der versammelten Edlen des Reiches wollte der König das Verbrechen „enthüllen und von ihnen dann das Verdammungsurtheil hören über die Frevler. * * * Wochen waren se>t jenem nächtlichen Ueberfalle vergangen. Der Tag der Reichsversammlung war angebrochen, und in der Stadt wimmelte es von fremden Rittern, allerlei Kriegsvolk und fahrenden Leuten, die auf die Knude der Reichsversammlung hin nach Krakau geeilt waren, denn da gab es immer viel zu sehen, und die fahrenden Spielleute konnten da ein gutes Stück Geld verdienen. Und so ging's wieder hoch her in der alten Stadt. Es war am Morgen des Tages, an dem die Reichsversammlung stattfinden sollte. Der König war zu Recha ins Gemach getreten und hatte ans ihre Stirn einen innigen Kuß, gedrückt. Sie hatte sich beim Eintritte Boleslavs leicht von ihrem Lager erhoben und stützte jetzt das Haupt auf die Hand. Sie war zarter geworden, und ihre Wangen zeigten nicht mehr jene blühende Farbe von ehedem. Nur ihr Auge strahlte noch in dunklem, berückendem Glanze. Der König streichelte ihr sanft die Wange und das sammetweiche Kinn. „Mein Lieb." sagte er, sich zärtlich zu ihr hinneigend, „vergieb, wenn ich heute meinen Morgenbesuch abkürze, aber ich muß. Ich werde Dich auch heute während des Tages nicht sehen können, aber des Abends, Recha, komme ich wieder, und dann will ich mich ganz meinem Liebchen weihen." Als der König gegangen war, versank sie wieder in dumpfes Brüten, und die düstere Traurigkeit, die sie jetzt stets umfing, wenn sie allein mit sich und ihren trüben Gedanken war, beherrschte sie wieder und legte sich wie Blei auf ihre Lider. König Boleslav war in den Thronsaal getreten, wo bereits die Versammelten seiner Ankunft harrten. Nachdem der König die Versammelten begrüßt hatte, öffneten sich aus seinen Wink die Thüren, und herein traten, von Bewaffneten geführt, die angeklagten Ritter Szvltan von Swielieze und seine Genossen. Die Augen der Anwesenden richteten sich voll Spannung auf die Eintretenden, hauptsächlich auf Szvltan, von dem es bekannt geworden war, daß sich die Hauptanklage gegen ihn richte. Er aber sah Keinen an und erhob auch nicht den Blick, als der König jetzt ihm seine Anklage ins Gesicht schleuderte; er blieb unbeweglich, als der König vor den Ohren der Versammelten ihm sein schnödes Gebühren vorwarf, wie er, Szvltan, durch seine aufreizenden Reden die Edlen verleitet, heimlich von Kiew anfzubrecheu, und ihn, den König, in Feindesland zurückzulassen. Einige Minuten herrschte lautlose Stille, dann aber brach es plötzlich und unaufhaltsam los, und ein wirres Durcheinander heftig erregter Stimmen wurde laut. Jetzt erhob sich der Erzbischof von Gnesen, und dem Kanzler durch einen Wink gebietend, Ruhe zu schaffen, begann er: „Erlaubt, Herr König, daß ich Euch daran gemahne, den Angeklagten zu gestatten, sich zu vertheidigen gegen solch schwere Anklage." „Ja, man soll sie hören, muß sie hören," scholl es in wirrem Durcheinander. „Was recht und billig," entschied der Erzbischof. „Vergeht nicht, Herr König," sprach, das Haupt zurückwerfend, der stolze Stanislaus von Krakau, „vergeht nicht, daß den Königen auf Erden ihre Macht geworden, auf daß sie sie weise nutzen und nicht gebrauchen zu eigener Willkür ..." „Was faselt Ihr von Willkür, Herr Bischof," brauste der König ans. „Es ist mein gutes Recht, die Angeklagten zu verdammen, und mein Recht will ich behaupten, so war ich König bin!" „Und so wahr ich Bischof bin und das Wort Gottes verkünde auf Erden, so wahr werde ich es zu hindern wissen," entgegnete hochfahrenden Tones der Bischof. „Hört sie an, Herr König!" bat Graf Spitichnew. — „Und reizt den stolzen Bischof nicht," fügte er leise, zum König sich neigend, hinzu. Dieser war aufgesprungen, wilder Zorn lagerte ans seiner Stirn und glühte in seinen Angen. „Wer ist es," ries er zornflaminend aus, „der es wagt, mir, Boleslav von Polen, Gesetze vorzuschreiben? Wer ist es. der hier zu gebieten hat? Bin ich's, der König, oder ist's der Bischof? Mischte ich mich je in Eure kirchlichen Angelegenheiten? Habe ich Euch gestört. Euch gehindert in Euren Rechten. Euren Pflichten? Des Königs ist, zu begnadigen und zu verdammen, und ich verdamme die Verräther zum Tode!" — Wilder, unbeschreiblicher Tumult entstand nach diesen Worten des Königs. Die Ritter zogen ihre Schwerter, und diese hoch empor schwingend, forderten sie Recht und Gehör für die Verurtheilten, die mit Bangen dem Streite folgten, der um ihre Sache entbrannt war, und in deren Zügen sich ein Strahl der Hoffnung zeigte bei den Worten des Bischofs. Dieser aber hatte sich erhoben, und zum Zeichen, daß er die Verurtheilten schützen wolle auch gegen den Willen des Königs, hielt er das Kreuz hoch empor über das Haupt Szoltans von Swielieze. „Ihr seid unter meinem Schutze," rief er, „und kein König darf es wagen, Euch zum Tode zu führen!" „Ich aber will es wagen," schrie mit zornbebender Stimme der König. „Die Verräther müssen sterben!" Und Wladiwvj öffnete auf Boleslavs Wink die Thür des Saales, und herein stürmten des Königs Krieger und Knechte. Ein Schrei des Zornes entrang sich den Lippen der Versammelten. Im nächsten Augenblick aber waren die Gefangenen in die Mitte genommen und von den Kriegern aus dem Saale gesührt — znm Tode! Wie betäubt blickten die zurückgebliebenen Ritter einander an. Die beiden Geistlichen aber, der Erzbischof von Gnesen und Bischos Stanislaus von Krakau, schritten zur Thür hi». Da aber wendete sich der Bischof gegen den König, und mit erhobener Stimme schleuderte er ihm die Worte zu: „Du hast gewagt, Boleslav, was kein König straflos darf! Hüte Dich! Fürchte den Zorn Gottes und die Rache der Kirche!" Einige Tage später befand sich der König in Rechas Gemache. Hier bei dem theuren Mädchen suchte er all die Unbill zu vergessen, von der er in letzter Zeit so arg bedrängt gewesen. Recha war nicht mehr das fröhliche, sonnige Kind aus den Tagen von Kiew; ein düsterer Ernst umschattete für gewöhnlich ihr Antlitz, wenn aber Boleslav bei ihr eintrat, da verschwand ihre Traurigkeit, und sie mühte sich, den geliebten König zu zerstreuen.