Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. Seite 250

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
Seite 250 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228441--57580-3293963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

250 politisch aufgetreten ist? Am 7. Oktober 1849 findet sich im Tagebuch folgende Notiz, in der der junge Ferdinand Cohn in wahrhaft divinatorischer Weise die Zukunft voraussagte, „Viel Betrübnis; machte mir der Beschluß der ersten Kammer, »ach dem das Christenthuni in allen religiös-bürgerlichen Einrichtungen maßgebend sein solle. Hier wird durch eine Hinterthür die Judenemanzipation wieder in Frage gestellt; hoffentlich wird die zweite Kammer es nicht bestätigeil," Im Jahre 1850 erhielt Cohn die Genehmigung, sich an der Universität Breslau zu habilitiren. Nunmehr geht seine Lebensbahn stetig auswärts. In derselben Zeit entwickeln sich seine freundschaftlichen Beziehungen zu dem nun gleichfalls schon verstorbenen Professor Nathaniel Pringsheim, dessen Halis für Ferdinand Cohn eine gastliche Stätte in Berlin blieb. Man kann sich denken, welch eine hohe Freude es für die Eltern war, den Entwickelungsgang ihres Sohnes zu verfolgen. Die alten Breslauer erinnern sich noch des Vaters, der noch im Alter zu studiren anfing und später österreichischer Konsul wurde und auch oft von der preußischen Regierung manche Auszeichnung empfangen. Von seinem Vater hatte Ferdinand Cohn wohl den religiösen Sinn geerbt, de» der große Naturforscher sein ganzes Leben lang sich bewahrt hat. Mit besonderer Vorliebe las er stets die Bibel, und er übertrug selbst die Stellen, die von der „Vergänglichkeit des Irdischen handeln und das Ewige, Unbeschreibliche ahnen lassen." Auch ein Brief all Chwolson, nachdem er dessen berühmtes Buch „Das Passahinahl Christi und der Tag seines Todes" gelesen, legt Zeugnis; davon ab, das; Cohn sich mit warmer Theilnahme in die Religivnsgeschichte vertieft hat. Im Jahre 1872 wurde er ordentlicher Professor. Am Tage der feierlichen Eröffnung des Instituts für Pflanzenphysiologie, für das er 15 Jahre lang mit einem Eifer ohne Gleichen gearbeitet, erhielt er den Titel eines Geheimen Regierungsrathes. Die Ernennnng hatte Kaiser Friedrich auf seinem Sterbelager noch selbst unterschrieben; außerdem hatten ihn fast alle naturwissenschaftlichen Vereine und Akademien zum korrespondirenden oder Ehrenmitglied ernannt. Wie Cohn seine Stellung zu der Glaubensgemeinschaft und seine Pflichten gegen diese auffaßt, mag bei dieser Gelegenheit ein Brief beweisen, den er mir. vor fünf Jahren schrieb, als ich ihn zum Beitritt in das Kuratorium einer Gesellschaft ausforderte, die übrigens damals gar nicht zu Stande gekommen ist. Das Schreiben lautet: Hochgeehrter Herr Doktor! In Bezug ans die Aufforderung, dem Kuratorium des in Gründung begriffenen Vereins für jüdische Litteratur beizutrete», gestatte ich mir folgende Aeußerung. Ich habe es von früher Jugend als meine Lebensaufgabe aufgefaßt, durch volle Hingabe au die Wissenschaft und ihre Lehre unsere» Mitbürgern den Beweis vorzuführen, daß auf diesem Gebiete geistiger Arbeit auch der Jude, unbeschadet der konfessionellen Differenz, auf völlig gleichem Boden mitwirkt und daher auch gleiche Rechte und Pflichten beanspruchen darf. Wenn meine Bestrebungen in dieser Richtung nicht ganz ohne Erfolg geblieben sind, und ich im Verein mit vielen verehrten Kollegen mit dazu beigetragen habe, der jüngeren Generation die wissenschastliche Laufbahn zu eröffnen, so glaube ich dadurch nach dem Maße meiner Kräfte und Fähigkeiten die Pflicht gegen die jüdischen Mitbürger erfüllt zu haben. An Bestrebungen, die ihrer Natur nach auf den engeren jüdischen Kreis beschränkt sind, habe ich im Bewußtsein gebotener Selbst - beschränknng mich nie aktiv betheiligt, und ich glaube deshalb auch den Beitritt zu dein Kuratorium, so ehrenvoll für mich auch Ihre Aufforderung und so s h m Pa thi s ch m i r auch Ihr ideales Ziel, ablehnen zu müssen. Indem ich Sie bitte, deu verehrten Unterzeichnern des Aufrufs meine Erklärung freundlichst mitzutheilen, sende ich Ihnen noch meine besonderen besten Empfehlungen. Ergebenst Ferdinand Cohn. Mit großem Interesse wird jeder Gebildete das liebenswürdige Buch lesen. Für uns aber hat es, wie gesagt, noch eine höhere Bedeutung. Es zeigt uns, ivie ein Mann, der Charakter und Ausdauer besitzt, trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse doch zum Ziele gelangen kann. Ferdinand Cohn hat sich wissenschaftlich um die Bakteriologie, eine der in jüngster Zeit erst zur vollen Bedeutung gelangten medizinischen Disziplinen, hochverdient gemacht. Von ihm rührt das System der Bakterien her, das noch heute maßgebend ist; grundlegend für die Einordnung der Mikroorganismen rmter die niedersten pflanzlichsten Gebilde waren feine im Jahre 1854 veröffentlichten „Untersuchungen über die Entwicklungsgeschichte der mikroskopischen Algen und Pilze". Eine weitere wichtige Arbeit waren seine Untersuchungen über die Gährnngserreger und über den Bedarf der Gährnngserreger an Stickstoff. Grundlegend ferner waren seine ersten systematischen Züchtungen vv» Bakterien, welche nebelt den von Pasteur-Paris vorgenommenen einhergingen und als Vorarbeit für Robert Kochs Gewinnung von Reinkultnren gelten können. Es erscheint auch nicht unwesentlich, daß der eben genannte weltberühmte Bakteriologe Robert Koch seine ersten großen Entdeckungen, u. a. über Milzbrand im Laboratorium Cohns unter dessen regster Theilnahme und Förderung ausstthrte. In den „Beitrügen zur Biologie der Pflanzen", einer Periodischen Druckschrift, deren Begründer und Herausgeber Cohn war, erschienen denn auch die ersten, der Wissenschaft neue Bahnen weisenden Arbeiten, z. B. über die Kultur der Milzbrandbazillen und den Nachweis der Sporen derselben. Mit Recht hat also Ferdinand Cohn die höchsten Ehrenstellen erreicht, die die Wissenschaft in unserer Zeit zu vergeben hat, und er ist doch Jude geblieben bis zum Tode. Möchte dieses Beispiel vorbildlich werden für unsere Jugend! 6. X. LMULst-Ofil Me Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XXI. asch wie ein Lauffeuer hatte sich in der Stadt das Gerücht von der Nachts entdeckten Verschwörung verbreitet und versetzte die Bevölkerung von Krakau in ungeheure Aufregung. Am Hvfe des Königs sprach man gleichsalls von nichts anderem als von jenem gestrigen Ueberfalle, von dem Erstarren der entlarvten Verräther und von dem klug ausgesonnenen Plane der Königlichen. Wer wohl jene beiden Ritter gewesen sein mochten, die sich an der Spitze der eindringenden Krieger befanden. Wohl wußten es Viele unter den Hofleuten, aber es war ein strenger Befehl ertheilt worden, darüber nichts zu verrathen. Zudem herrschte auch am Hofe jetzt reges geschäftiges Treiben. Boten wurden ausgesandt, Herolde gerüstet und allerorten regten sich geschäftige Hände.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.