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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
Seite 249 (sequence 11)
Language
German
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249 seiner Zeit sich einzuleben. Nach der Iulirevolntion von 1830 begannen die liberalen Ideen mehr und mehr die breiten Schichten des deutschen Biirgerthums z» durchdrungen. Bei den Juden, die unter dem Druck engherziger, polizeilicher und gesetzlicher Ausnahmebestimmungen sich in ihren engen Kreisen abgesondert hatten, machte sich das Streben nach Emanzipation geltend; sie fühlten, daß sie durch das jahrhundertelange Zusammenleben mit ihren christlichen Mitbürgern wenn auch nicht Germanen, so doch Deutsche geworden seien. Auch der Wohlstand hob sich, insbesondere seit durch die 1842 in Ban genommenen Eisenbahnen die Kohlen, das Eisen, das Zink und die übrigen Mineralschätze des schlesischen Berglandes ans dem beschränktesten Lokalverbrauch in den Weltmarkt eintrate«. Der Ansschlvuug der Industrie, der durch de» erleichterten Verkehr mit entlegenen Ländern ausgeschlossene Handel erwarben große Vermögen, an denen die Juden, vielfach ansgeweckter, regsamer, auch sparsamer als ihre christlichen Konkurrente», einen ansehnlichen Antheil gewannen. Schon in den zwanziger Jahren wurden jüdische Bankhäuser gegründet. Die Häuser am Ring und in den angrenzenden Straßenvierteln, ehemals den städtischen Patriziergeschlechtern gehörig, gelangten mehr und mehr in jüdischen Besitz; ihre Erdgeschosse wurden in große Läden und Komture umgewandelt, arme Bocher, aus Oberschlesien oder Posen in Breslau eingewandert, wurden allmälig durch Fleiß, Sparsamkeit und Zuverlässigkeit zu reichen und angesehenen Kanfleuten. Zu ihnen gehörte auch mein Vaier. er war ein Mann von ungewöhnlicher Intelligenz, großem Bildungsstreben, großer Energie und großem Ehrgeiz. Ihm stand die Mutter zur Seite, eine eckte Franennatnr, selbstlos, aufopfernd, nur sür ihren Mann und ihre Kinder lebend, dabei voll Güte lind Weisheit-" Hier bricht das Manuskript der Autobiographie ab, gerade wo der Verfasser sich anschickte, seine geliebte Mutter zu schildern, zu der er immer mit andächtiger Liebe aufsah. Aus der Studentenzeit bringt das Werk ein Tagebuch, aus dem wir manche interessante Einzelheiten anführen möchten. Am 27. Dezember 1845 trat Ferdinand Cohn zmn ersten Mal vor dem Publikum öffentlich aus. „Im jüdischen Lehr- und Leseverein habe ich vor einer zahlreichen und achtbaren Versammlung über Schöpfungsmythen und Schöpfungsgeschichten mit großem, leider unverdientem Beifall gesprochen. Ich hatte es nicht erwartet, daß man mich mit solcher Liebe überhäufen würde; nicht genug, daß man mich am Schluffe meines Vortrages mit der freundlichsten und herzlichsten Begrüßung erfreute, so enthielten bereits drei Zeitungen, die Breslauer, die Schlesische und die Zeitung für das Judenthum sehr, leider nur zu lobende Berichte über mich und mein erstes Auftreten. Mich hatten die ersten gedruckten Urtheile fast zur Verzweiflung gebracht; obwohl ich — ein schlimmes Zeichen für die menschliche Natur — mich bereits so weit daran gewöhnt habe, daß ich mich manchmal im Stillen desselben un peu freue, so denke ich doch mit Scham und Verdruß noch immer daran, wie wenig ich eigentlich gethan und wie viel mir dafür geworden. Ich wünsche nur, daß mich das Glück, das mir bis jetzt noch immer da beigestanden, wo ich seiner bedurfte, auch ferner nicht verlassen möge bei ernsten Gelegenheiten." Diese rührende Bescheidenheit des trefflichen Mannes könnte unserer modernen Jugend, der solche wie ein Mythus Vorkommen dürfte, zum Muster dienen. Sein bester Freund von der Jugend bis zum Tode war der Mediziner Professor Dr. Leopold Auer bach, der ebenfalls an der Breslauer Universität bis zu seinem Tode lehrte. Am 4. Februar 1846 verzeichnet Cohn Folgendes: „Aus der „Breslauer Zeitung" erfuhr ich heute, daß der Antrag der Fakultät wegen Zulassung der Juden zum Doktorexamen vorläufig vom Minister abgeschlagen sei. Friedmann und ich hatten darüber bei der Fakultät petitionirt, die es das erste Mal nicht entschied, das zweite Mal aus freien Stücken an den Minister beförderte. Es hat mich sehr betrübt, indem es, außer des allgemeinen Nachtheils, mir sehr in die Quere kommt. Friedmann war bei Bernstein, um von ihm sich die Antwort zu holen." Am 5. Februar findet sich folgende Einzeichnung: „Bei Duflos über Reagenzien, bei Kummer über quadratische Formen belehrt, traf ich bei Orlandi Friedmann, der mir die Antwort unseres Dekan Bernstein, eines höchst humanen Mannes, auf unsere gestrige Petition überbrachte, in der er bedauert, keine bessere Mittheilungen uns machen zu können, obwohl das Ministerialreskript nicht so herb lautet, als wir aus der gestrigen Zeitung vermutheten; dann gingen wir zu Professor Guhrauer, um uns von ihm Eid und Statuten anderer Universitäten zu holen. Nachmittags sah ich Dolerite, lernte italienische Gennsregeln, akademisches Geschwätz und italienische Vokabeln. Abends sah ich dein stuck Chwolson, einem sehr talentvollen jungen russischen Studenten, eine schrecklich gelehrte Arbeit über Maimuni in Sachen des Deutschen durch." Prof. Chwolson ist dann später, wie schon erwähnt, in nahe verwandtschaftliche Beziehungell zu Cohn getreten. Am 10. Februar erzählt er, daß er Charisis „Makamen", die „sehr bombastisch, doch auch echt poetisch sind", gelesen habe. Im Jahre 1847 geht er nach Berlin, und schon die erste Einzeichnung in sein Tagebuch berichtet über seine und seines Freundes Friedmanns Petition an das Ministerium. Er schreibt: „Ich bin in Berlin und allein; die Zeit der Promotion rückt heran. Ich mußte mich entschließen, nach einer Universität zu gehen, wo ich mein Examen machen darf; ich oder vielmehr die Eltern. Unsere, meine und Friedmanns Petitionen an die Fakultät und das Ministerium hatten eigenes Schicksal. Die erste, mit vielen gelehrten Gründen belegte, siel durch — weil Schileider Dekan war. Dann petitionirte die Fakultät, als Bernstein Dekan geworden, einstimmig für uns. Die Antwort des Ministeriums (Eichhorn) war verneinend, Bernstein Petitionirte für mich ausnahmsweise — die Antwort war verneinend. Der Vater petitionirte; 14 Tage nach empfangener Antwort erkundigte sich das Ministerium über mich bei Heinke (Polizeipräsident und Kurator der Universität) und Bernstein; es gingen sehr günstige Zeugnisse ab, aber, da weiter nichts erfolgte, so blieb mir nichts übrig, als von meiner nlnm mrüor guamvis invitus zu gehen und am 15. Oktober hierher zu reisen." Man ersieht daraus, daß Cohn schon beim ersten Eintritt in das Leben wegen seines Glaubens schwere Kämpfe zu bestehen hatte, aber es findet sich in all seinen Briefen und Tagebüchern auch nicht ein Wort des Unmuths darüber. In den Berliner Tagebuchblättern werden von jüdischen Freunden Samoje, Loewenberg, Rieß, Lazarus, „ein scharfer Philosoph n In Friedmaml", Wolfs, Reinherz und Dr. Eisenstein genannt, der bekannte junge Gelehrte, der voll der Breslauer Universität in seinem 20. Jahre das Doktordiplvm zugeschickt bekam und von Gauß zum Ritter pour Ik merite vorgeschlagen wurde. Nach der Rückkehr in die Heimath ist es vor allein die politische Lage des Vaterlandes, die den jungen Gelehrten interessirt. Er verkehrt viel mit Berthold Auerbach und Dr. Davit7Hvnigmann. Am 6. Februar 1849 verzeichnet er eifrige Debatten über Judenthum und Demokratie. Besonders oft wird Friedmann erwähnt. Ob das wohl Dr. Bernhard Friedman» gewesen ist, der später Stadtrabbiner in Mannheim wurde, und der in der Revolutionszeit in Breslan in der That stark

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