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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
Seite 248 (sequence 10)
Language
German
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248 daß diese Ergebnisse wohl nur zum kleinsten Theil auf die Religion und den Kultus, zum größten auf die günstigen äußeren Verhältnisse, in denen die Juden leben, zu setzen sind, da sich dieselben in Bezug auf die Kindersterblichkeit bei der wohlhabenden christlichen Bevölkerung ebenfalls finden. „Die außerehelichen Geburten wurden ans dem Grunde in Wegfall gebracht, weil sie bei den Juden bekanntlich äußerst selten Vorkommen." Bei dieser Gelegenheit kommt Wolfs zu folgender Betrachtung: „Daß die Juden ein höheres Lebensalter erreichen als die Christen und eine geringere Sterblichkeit haben, ist allgemein bekannt; diese Thatsache ist aller Orten und in allen Ländern ziemlich gleichmäßig beobachtet worden. Während die Phönizier und Karthager, die so gut wie die Juden dem semitischen Stamme angehören, von der Erde ganz verschwunden zu sein scheinen, zeichnen sich diese durch große Lebenszähigkeit in allen Zonen der Erde aus, so daß ihnen, wie Boudin sagt, das Monopol des Kosmopolitismus verliehen zu sein scheint." — Eine der frühesten amtlichen Untersuchungen ist die, die im Großherzogthum Baden über die Jahre 1857—63 aufgestellt wurde. Auch hier wurde konstatirt, daß die israelitische Bevölkerung nur 15 Prozent im ersten Lebensjahre verliert, während die christliche 26 Prozent einbüßt. Als besonders charakteristisch wird dabei hervorgehoben, daß von den im ersten Lebensjahr verstorbenen Kindern in ärztlicher Behandlung waren bei den Evangelischen 61,3 Prozent, bei den Katholiken 52,9 Prozent, bei den jüdischen 80,7 Prozent. Der amtliche Bericht meint nicht, dem religiösen Bekenntniß einen entscheidenden Einfluß auf die bezüglichen Erscheinungen zuschreiben zu sollen. Insbesondere ist bei den Israeliten, welche sich auf Stadt und Land in gleicher Weise wie die übrige Bevölkerung vertheilen, und deren vorzugsweise Beschäftigung mit Handel und Verkehr keine hinlängliche Begründung der günstigen Stellung in den Zahlen abgiebt, der Einfluß der Religion mit Sicherheit nicht anzunehmen. Vielmehr deutet die geringere Kindersterblichkeit auf eine weisere Beobachtung hygienischer Lebensregeln hin. Das königlich bayerische statistische Büreau greift in einer Untersuchung über die Kindersterblichkeit aus dem Jahre 1870 auf obigen Bericht aus Baden zurück und erklärt, trotzdem allgemeine statistische Erhebungen über die betreffende Materie in Bayern nicht vorhanden wären, doch einiges aus den Sanitätsberichten zu entnehmen sei. So wird z. B. in dem Bericht für 1857/59 aus Jllertissen mitgetheilt, daß von 100 Neugeborenen der Israeliten nur 8 im ersten Lebensjahr starben, dagegen bei den Christen 44, und es wird wörtlich hinzugesügt: „Israels Kinder besitzen auch außer der körperlichen Schönheit und Frische einen überraschendes geistigen Ausdruck, der bei den überfütterten und dabei bis zum Skelett abgemagerten christlichen Kindern vergebens gesucht wird." Ferdinand Cohn. Ein deutsches Gelehrtenleben. -) H. einen besonderen Karneval hatten die Juden an „Purim", dem Fest der Loose, in dem die Erinnerung an ihre Errettung in Susa, in den Tagen des Königs Artaxerxes, gefeiert wurde. Auf den Gassen des Judenviertels zogen die lustigen Masken von Hans zu Hans; in allen Familien wurden sie empfangen und mit Kuchen und gewnrzigen Gebacken, in denen die jüdische Kochkunst Vortreffliches leistete, bewirthet; es gab selbst Bälle und Aufführungen, bei denen die schöne Königin Esther, der weise Onkel Mordechai, der böse Minister Haman und der große König Ahasverns (Achaschweirausch) ihre Rollen spielten; vermuthlich hat auch Goethe die Anregung zu seinem Puppen spiel im Frankfurter Ghetto erhalten. Aber die höchste Weihe zeichnete die beiden großen Feste aus, das jüdische Neujahr und den Versöhnungstag, die in den Herbst fielen, und die selbst von Denen gewissenhaft gefeiert wurden, die sich allmälig von der Theilnahme an den übrigen Festen entwöhnt hatten. Dann reichten die vielen kleinen Synagogen nicht aus, um die Andächtigen anszunehmen, auch nicht der große Tempel, der im weiträumigen Hofe eines jüdischen Gasthofes erbaut war; mit seinen antikifirenden architektonischen Formen, seinen inneren Säulenreihen erschien er in jener Zeit der künstlerischen Barbarei uns Kindern als das Ideal eines Gotteshauses. Hier hatte auch der Vater eine Stelle, wir Kinder durften ihn dort besuchen, dann fanden wir den weiten Raum vollgedrängl mit Männern, alle mit bedecktem Haupt und in den Weißen Gewändern, in denen sie dereinst zur ewigen Ruhe gelegt werden wollten, um die Schultern den weißen „Talles" lTaleth) oder Gebelmantel, wie eine Toga, mit dunkelblauen Streifen und silbernen Stickereien, der bei der tiefsten Andacht über den Kopf gezogen wurde, wie wir dies an antiken Priesterstatnen ans dem alten Rom sehen. Wir hörten die hebräischen Gebete, theils uralte Psalmen, die schon im Tempel von Jerusalem von den Leviten unter Begleitung der Harfen gesungen worden waren, theils hochpoetische Lieder aus spanischer Zeit in Ghaselen und anderen orientalischen Versmaßen. Wir sahen am Schluß des Gottesdienstes die Angehörigen der großen Familie Cohn, die Nachkommen des Priesterstammes Aaron, auf die Tribüne vor der heiligen Lade steigen und mit erhobenen Händen und ausgespreizten Fingern den alten Segen über das Volk sprechen, für den bis auf den heutigen Tag keine weihevollere Formel gefunden worden ist; man durste während des Segnens nicht auf ihre Hände blicken, weil man glaubte, daß aus ihnen die Herrlichkeit Gottes sich niedergelassen hatte. Am Neujahrstage dauerte der Gottesdienst nur am Vorabend und Vormittag; er wurde zwei Tage hintereinander gefeiert, weil diejenigen Inden, die außerhalb Palästinas wohnten, es nicht so schnell erfahren konnten, welcher Tag vom Synhedrion in Jerusalem als Neumondsnacht erklärt wurde. Aber der Versöhnungstag war einzig; er begann mit dem Dunkel des Vorabends, wo die feierliche Melodie des „Kol Nidre", der bereuenden und Buße thuenden Gemeinde eine Lossprechung von gewissen Gelübden verhieß. Dann folgte nicht wie an anderen Festtagen ein Festmahl, denn während der „langen Nacht" durste kein Tropfen, kein Bissen in den Mund genommen werden; früh am Morgen ging man wieder in „Schul". Auch die Frauen saßen aus den Gallerten der Synagoge den ganzen Tag über mit vom Fasten gebleichten Wangen, in der heißen Atmospäre, welche durch die vielen brennenden Kerzen und die zusamrnengedränAen Menschenmassen bis zur Unträglichkeit erhitzt wurde; ihre einzige Erquickung war das Riechen an den kleinen Blumensträußen von Reseda. Levkojen und Rosmarin, den Riecheln, die ihnen von Freunden und Verehrern gebracht wurden. Ohne Unterbrechung folgten den ganzen Tag lang die Litaneien und die Snndenbekenntuisse, die in raschein, halb sprechendem, halb singendem Tone unter beständigem Hin- und Herbewegen des Oberkörpers, in dem Orient noch heut geläufigen, dem westlichen Europa freilich sonderbar erscheinenden Tempo abgebetet wurde. Endlich, wenn wieder die Sterne zu blinken begannen, ließ der „Schofar". das Widderhorn, eine uralte Melodie ertönen, welche der Gemeinde die Versöhnung mit Gott und den Menschen ankündigte; dann war die große Feier zu Ende. Man wünschte sich gegenseitig Glück, „eine gute Verschreibung und Besiegelung"; denn am Versöhnungstage wurde das Geschick des nächsten Jahres, das am Neujahr ausgeschrieben war. aber durch Reue und Buße noch gewendet werden konnte, endgültig besiegelt. Nunmehr begaben sich die durch vierundzwanzigstündiges Fasten erschöpften Beter nach Hause, beim Lichte der fast vollen Mondscheibe, die mit einem besonderen Segen begrüßt wurde, und ein gutes Abendmahl im warmen, hell erleuchteten Zimmer stellte die ermatteten Kräfte bald wieder her. Als mein Vater sein kleines Geschäft auf der Ohlauerstraße eröffnete, hatte er ohne Zweifel bereits die Absicht, aus den engen Schranken des jüdischen Viertels sich loszumacheu und in die all" gemeinen bürgerlichen und politischen Bewegungen und Bestrebungen

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