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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
Seite 247 (sequence 9)
Language
German
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Der Grund wird sehr oft. namentlich im gegnerischen Lager, darin gesucht, daß die Inden so wenig in Gewerben thätig, in denen dieBetreffenden des öfteren gefahrvollen Unfällen ansgesetzt seien. Selbst wenn dem so wäre, so würde dieser Umstand doch nur verschwindend wenig ins Gewicht fallen. Die Hauptnrsache sieht auch schon Hoffmann in der Kindheit, in der die Sterblichkeit unter den Juden eine weit geringere ist als bei den Christen, und hier wiederum am meisten bei den Todtgeborenen und im ersten Lebensjahre Verstorbenen. In dem angegebenen Zeitraum hatten unter 100 60V Geborenen die Christen 3569 Todtgeburten, die Juden nur 2524, kamen bei den Christen lebend zur Welt, starben aber vor Ablauf des ersten Jahres 17 413, bei den Juden nur 12 935. Es verloren also von 100000 Neugeborenen die Christen 20982, die Juden nur 15459. Hoffmann sucht einige ErklärungL»» zu geben und meint, der Grund sei wohl darin zu finden, daß die Frau des Juden nicht leicht schwere Arbeit außerhalb ihrer Wohnung verrichtet, mithin sich vor und nach der Geburt mehr schonen, resp. der Pflege des Kindes widmen kann. Und diese Möglichkeit einer sorgfältigeren mütterlichen Aufsicht kann es auch nur veranlassen, daß die Sterblichkeit auch unter den über ein Jahralten Kindern bei den Juden geringer ist und sich bis zum 14. Lebensjahre hin gegen die Sterblichkeit der christlichen Kinder >vie 3 :4 verhält. Es kommt dann im späteren Lebensalter die größere Mäßigung im Genuß geistiger Getränke hinzu: „Ein betrunkener Jude ist eine höchst seltene Erscheinung." Einen weiteren Einfluß übt nach Hoffmann der Umstand aus, daß die Zahl der unehelichen Geburten, die einen größeren Prozentsatz zur Kindersterblichkeit stellen, bei den Inden verhältnißinäßig und im Durchschnitt des ganzen Staates eine sehr viel geringere ist als bei den Christen. So wurden im obigen Zeitraum jährlich im Durchschnitt geboren bei den Christen aus 100 000 280 uneheliche Kinder, bei den Juden nur 67. Also unter gleicher Anzahl»Lebender hatten die Christen durchschnittlich viermal so viel uneheliche Geburten als die Juden. Aehnliche Untersuchungen wie Hoffmann hat auch in jener Zeit bereits Neufville angestellt in seiner Schrift über die vergleichende Statistik der christlichen und jüdischen Bevölkerung von Frankfurt a. M. Er führt dort aus, daß die mittlere Lebensdauer der dortigen Israeliten bis zum 48. Lebensjahr und neun Monate»; reiche. Während bis znm fünften Lebensjahr von der christlichen Bevölkerung 24,1 Prozent starben, ist dies bei derjüdischennurmit12,9 Prozent der Fall,-also nahezu die doppelte Anzahl christlicher Kinder starb bis zum 5. Lebensjahre im Vergleich zu den jüdischen. Als Gründe führt er folgende an: „Die größte Sterblichkeit unter den Kindern finden wir durchweg in der ärmeren Bevölkerung, dem Proletariat, wo fehlerhafte Ernährung, mangelnde Reinlichkeit, schlechte Luft, mangelhafte Pflege den zarten kindlichen Organismus schnell untergraben und dem Tode entgegenführen. Nun existirt dort wohl ein christliches Proletariat, aber ein wirkich jüdisches kaum, wenigstens ist es so untergeordnet, daß es mit dem christlichen gar nicht zu vergleichen ist. Es giebt freilich auch sehr arme jüdische Familien in Frankfurt, sie verschwinden jedoch im Vergleich zu den übrigen jüdischen Familien, die entweder in guten oder 247 - doch in leidlichen Verhältnissen leben, und dieser Umstand erklärt schon hinlänglich die beim ersten Anblick überraschenden Verhältnisse. Dazu kommt die viel regelmäßigere und überhaupt mäßigere Lebensweise der Juden, die nicht ohne Einfluß auf die Sterblichkeit bezw. Kindersterblichkeit ist. Regelmäßiges Leben in und außer dem Hause ist eine Tugend, in welcher die jüdische Bevölkerung bei weiten» der christlichen vvransteht. Man braucht nur in unsere öffentlichen Lokale, in unsere Bier- und Weinwirthschaften einen Blick zu thun, und man kann sich überzeugen, in wie verhältnißmäßig geringer Zahl die Israeliten in denselben vertreten sind. Was dagegen regelmäßige Bewegung in freier Luft betrifft, dieser wichtige Faktor für die Erhaltung und Gesundheit der Städter, so stehen darin uusere jüdischen Mitbürger wahrlich nicht zurück, wovon uns ein Blick auf die verschiedenen öffentlichen Spaziergänge überzeugen kann. Aus diesen Verhältnissen erklärt sich, daß die jüdische Bevölkerung ein höheres Lebensalter als die christliche erreichen muß." In seiner Statistik führt Neusville aus, daß das 60. Lebensjahr nur von 24,8 Prozent der christlichen, dagegen noch von 44,1 Prozent der jüdischen Bevölkerung erreicht wird. Das 70. Lebensjahr von 13,4 Prozent Christen, 27,4 Prozent Juden, das 80. Lebensjahr von 3,7 Prozent Christen, dagegen 6,9 Prozent Juden, das 90. Lebensjahr von 0,2 Prozent Christen, 0,4 Prozent Juden. Und weiter ergiebt sich aus seiner hochinteressanten Arbeit, daß, während die Hälfte der christlichen Bevölkerung schon bis zum 36. Lebensjahre und 6 Monaten gestorben ist, die Hälfte der jüdischen Bevölkerung noch mit 53 Jahren und 1 Monat lebt. Nur >/4 der christlichen Bevölkerung wird älter als 49 Jahre 10 Monate, wahrend mit - 71 Jahren noch V4 der jüdischen Bevölkerung lebt. Eine ähnliche Untersuchung über die Jahre 1834 -47 hat auch Wasserfnhr s. Z. in Stettin angestellt; die Ergebnisse waren die gleichen wie in Frankfurt. Seine Untersuchung erstreckt sich besonders ans die Todtgeburten, und er meint, daß die Wohlhabenheit der Juden in Stettin, ihr regelmäßig nüchternes Leben, ihre gute Kost, ihre der Gesundheit ungefährlichen Beschäftigungen, ihr im allgemeinen glückliches Familienleben, die Seltenheit unehelicher Geburten unter ihnen — 3 unter 198 in 15 Jahren — und der Grad der Intelligenz, den sie besitzen, die geringeZahlvonTodtgeburten jüdischer Frauen erklären. Es kamen nämlich unter 198 Jndenkindern, welche in den Jahren 1834—48 geboren wurden, nur zwei tvdt zur Welt, also nur 1 unter 99. Auch Friedmann betont irr einer Untersuchung über die Kindersterblichkeit in München, daß nicht die Nationalität als solche im Spiele ist, sondern vielmehr die größere Sorgfalt, welche auch bei den ärmsten jüdischen Familien ans dieKinder verwandt wird, welche die geringere Mortalität im Vergleich mit der christlichen Bevölkerung bewirkt. — In Magdeburg sterben, wie Bergmann augiebt, innerhalb der Jahre 1827—56 unter 100 Knaben im Alter bis zu ein Jahr bei den Inden 14, bei den Christen 24. Bei den Mädchen war das Verhältniß wie 13:21. In Breslau traten nach einer älteren Berechnung Westergaards durchschnittlich nur 81 Todesfälle bei Kindern unter ein Jahr in der jüdischen Gemeinde unter Umständen ein, >vo man 138 solcher Todesfälle Hütte erwarten sollen. Nach Wolffs Untersuchungen der Kindersterblichkeit in Erfurt erreichten daselbst von 1000 ehelich geborenen Kindern bei der christlichen Bevölkerung 591, bei der jüdischen 802 das 14. Lebensjahr. Unter den Christen waren also 409, unter den Juden nur 198, oder kaum die Hälfte gestorben. Wolfs meint

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