Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1901)
- Date
- 1901-05-24
- Page
- Seite 245 (sequence 7)
- Language
- German
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Selbst bei der heutigen Methode muß das Kind nach dem Verlassen der Schule, und wenn es noch so begabt ist, von den erworbenen Kenntnissen im Hebräischen mehr und mehr vergessen; denn das Wissen beruht auch jetzt noch znm großen Theil in memorirtem Stoffe. Wenn z. B. der Lehrer ein deutsches Gedicht erklärt und dem Kinde noch so anschaulich seine Schönheiten zeigt, so kann das Kind nach Jahren, wenn es nicht fortgesetzt wiederholt hat, trotzdem das Gelernte nicht mehr frei nach dem Gedächtnisse vortragen. Wenn der jüdische Lehrer ein hebräisches Gebet noch so gnt und eingehend behandelt hat, so kann das Kind später ohne häufige Wiederholung doch nicht mehr das früher fo schön erlernte Gebet übersetzen. Welchem Lehrer hat nicht schon die Mutter irgend eines Schülers gesagt: „Ich möchte meinem Kinde gern helfen, ich konnte in der Schule so gut übersetzen, ich habe aber alles wieder vergessen." Das also ist der Erfolg und der Preis der großen Mühe! Welchen Weg soll aber der Lehrer einschlagen, um bessere Erfolge zu erzielen? Da wäre ein Weg, der sicherlich zum gewünschten Ziele führen würde, die hebräische Sprache nämlich wie jede andere fremde Sprache zu lehren und zu lernen. In Rußland geschieht es vielfach schon, auch die Zionisten haben für Erwachsene Kurse ins Leben gerufen, mrch die die hebräische Sprache wie eine fremde Sprache bis ur vollkommenen Sprachgelänfigkeit erlernt werden soll. Parum kann und soll der Lehrer in der Schule nicht denselben Peg einschlagen? Das Kind lernt vom siebenten bis zum ierzehnten Jahre in der Schule Hebräisch. In diesen sieben Uhren kann der Lehrer bei der empsohlenen Methode dem linde die hebräische Sprache so beibringen, daß es jedes Stück, mit Ausnahme der schweren poetischen Theile der iropheten, die vielfach selbst unseren Gelehrten, was Inhalt und zuweilen auch was Form anbetrifft, Schwierigkeiten machen, - versetzen kann. Die Behauptung, daß die hebräische Sprache eine todte Prache sei, ist hinfällig und falsch; denn eine Sprache, die so gründlich von Millionen Menschen studirt wird, in.der viele belehrte sich schriftliche Mittheilnngen machen können, die in Rußland und Palästina sogar gesprochen wird, kann doch -acht todt genannt werden. Au Lehrmitteln für die Einklagung des angegebenen Weges fehlt es nicht. In Riga ist -.99 ein zweibändiges Werkchen, Fibel und Lesebuch, erschienen Soso Chajo von Fischmann nnd Liebermann, Riga 1899 und '00 bei Ernst Plates), das als ganz ausgezeichnet bezeichnet - erden darf. Im ersten Theile werden in anschaulichster L-eise an der Hand von tadellosen Illustrationen dem Kinde -nie ganze Reihe von Vokabeln vor Auge geführt, die Vokabeln werden dann zu Sätzen zusammengefaßt, und bei gehickter Handhabung kann schon mit Hilfe dieses kleinen Büchleins dem Kinde die Eigenthümlichkeit der hebräischen Satzbildung so zu eigen gemacht werden, daß es nach spä-! stens zwei Jahren nicht nur einen großen Theil des Gebetbuches und des Pentateuch lesen und übersetzen, sondern in einfachen Sätzen sich in hebräischer Sprache verständigen kann. Es braucht zu diesem Erfolge nicht mehr Zeit wie bisher für kas Hebräische verwendet zu werden. In dem zweiten Theile ^werden die größeren Schwierigkeiten der Sprache behandelt, so daß das Kind nach vier Jahren die hebräische Sprache beherrscht und in den übrigen drei Schuljahren durch Hebungen eine so große Fertigkeit erlangen kann, daß es das Hebräische bis zur Vollkommenheit im mündlichen nnd schriftlichen Verkehr benutzen kann. Selbstredend erfordert diese Methode hierfür gebildete Lehrer; deshalb wäre es die Pflicht der Seminare, zunächst Lehrer zu bilden, die in dieser Weise unterrichten können. Der Lehrer kann aber auch durch Selbststudium sich diese Methode zu eigen machen. Ich glaube nicht, daß diese Vorschläge sofort von allen Seiten mit Begeisterung ausgenommen werden; wenn jedoch diese Zeilen nnr bewirkt haben sollten, daß einige Lehrer den gewiesenen Weg beschreiten würden, oder daß durch diese Anregung ein anderer Weg ausfindig gemacht würde, durch dessen Beschreiten den jetzigen, wenig erfreulichen Verhältnissen abgehvlfen werden sollte, so wäre es schon genügend. Die Früchte würden sich ja erst nach Jahren zeigen; aber sie kämen sicherlich, und Lehrer wie Schüler würden dem jetzt so oft geschmähten Unterrichte Liebe und Begeisterung entgegenbringen. Jüdische Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Preußens. /A8^er soeben erschienene „Kunze" (Kalender für bas höhere Schulwesen Preußens) für das Schuljahr 1901 ermöglicht es, die Behauptung des preußischen Justizministers Schönstedt, daß die Juden in anderen preußischen Verwaltungen noch weniger angestellt würden als bei der Justiz, für die Unterrichtsverwaltung genau zu untersuchen. Es sind an königlichen preußischen höheren Anstalten in der That nicht mehr als acht jüdische Oberlehrer angestellt (wovon zwei Professoren mit dem Range der Räche vierter Klasse), darunter fünf in der Provinz Posen, die nur staatliche höhere Lehranstalten besitzt, zwei in Westpreußen nnd einen in Berlin. An städtischen Anstalten sind augenblicklich 48 jüdische Oberlehrer vorhanden, darunter zehn Professoren mit dem Range der Räche vierter Klasse und ein Professor ohne diesen Rang; von diesen sind in Westpreußen 1, Schlesien 8, Sachsen 1' Hessen-Nassau 4; die übrigen 84 sind in Berlin, wobei zwei zum 1. April 1901 angestellte im „Kunze" (der den Bestand vom 1. November 1900 verzeichnet) noch als Hilfslehrer angegebene Herren mitgezählt sind. Hierzu kommen noch die 18 Oberlehrer (worunter 4 Professoren) an den beiden jüdischen höheren Lehranstalten in Frankfurt a. M. Unter den 1932 Professoren im Range der Räthe vierter Klasse, die sich nach dem „Kunze" an den höheren Lehranstalten Preußens befinden, sind 16 Juden, unter den 4174 Oberlehrern 56 (wobei jene zwei nicht mitgerechnet sind). Die Zahl der jüdischen Oberlehrer ist gegen frühere Jahre relativ etwas gestiegen, wenn sie auch noch nicht ganz so groß ist, wie es dem Verhältniß der jüdischen Bevölkerung zu der christlichen entspricht. Wenn man aber das Verhältniß der jüdischen Schüler an den höheren Lehranstalten zu den christlichen zur Grundlage einer solchen Berechnung machen wollte, so würde natürlich die Zurücksetzung der jüdischen Oberlehrer gegen ihre christlichen Bernfsgenoffen noch schärfer hervortreten. Diese Zurücksetzung zeigt sich auch in dem hohen Alter, in dem gegenwärtig die jüdischen Oberlehrer definitiv angestellt werden. An den