Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228441--57572-3293955
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 gesellschaftsfördernder Bestimmungen. Wo, wie das in manchen äußer-jüdischen Kreisen der Fall ist, der Glaube einseitig oder doch weit überwiegend betont wird, und die Liebe zu den Menschen aus bloßem religiösen Affekt, aus bloßer frommer Ekstase erfließt, da wird der Glaube zur fanatischen Unduldsamkeit gegen Andersgläubige und Andersdenkende, nnd die Liebe wandelt sich um zum ingrimmigen, versteckten Haß, der, unter der Maske der Scheinheiligkeit und Heuchelei verborgen gehalten, bei geeignet scheinender Gelegenheit in seinerganzen Häßlichkeit zerstörend hervorbricht. Die Thora, das Buch der Bücher, lehrt uns aber die Liebe zu den Menschen als Liebe zur Menschengattung, zu den Genossen einer großen einheitlichen Menschenfamilie empfinden, in der sittlichen Bethätigung derselben durch immer gröbere Tugenden zur religiösen Ueberzeugung zu gelangen, das Wehen des Gottesgeistes ans Erden in der sittlichen Führung des Menschengeschlechtes zu erkennen. Nachdem Gott zu Abraham gesprochen: „Es sollen durch dich gesegnet werden alle Geschlechter der Erde", da glaubte er an den Ewigen. An den warmen Sonnenstrahlen der bethütigten Menschenliebe entzündet sich die heilige, milde, sanfte Flamme des Glaubens an Gott, der brüderlichen Liebe und innigen Werthschätzung der Menschen. In dieser vollen Harmonie von Religion und Humanität hat sich das Judenthum in Wort und Schrift, in Gesinnung und That durch die Jahrtausende hindurch bis auf den heutigeil Tag fortentwickelt. Auf dem weiten Boden dieser Harmonie fand selbst der Heide, wenn er nur die primitivsten Sittengesetze beobachtete, nicht blos Duldung, nicht blos den gesetzlichen Schutz des Lebens und des Eigenthums gleich allen Bürgern im ehemaligen jüdischen Lande, sondern auch die Achtung vor der sittlichen Persönlichkeit, die sich in der Rechtsgleichheit und Fürsorge für die Fälle der Nvth und Armnth deutlich genug ausspricht. Auch durch die schwersten Leiden der Verfolgung, die Inden und Judenthum im finstern Mittelalter zu erdulden hatten, wo jede Spnr von Humanität gegen dieselben außer Acht gelassen wurde, trat im Judenthnm keine Disharmonie zwischen Religion und Humanität hervor. Die mittelalterlichen religionswissenschaftlichen Bücher der damaligen angesehensten Lehrer in Israel sind auch heute noch allen Kundige» zugänglich, und es ist geradezu ein glänzendes und zugleich rührendes Zeugniß ihrer unentwegt religiös-humanen Gesinnung, daß sie selbst unter den größten Seelenqualen, die sie unter der unwürdigsten Behandlung von Menschen, die sich Christen nannten, empfanden, den Bekenntnißsatz ihrer unerschütterten religiös-humanen Ueberzeugung niedergeschrieben, daß das Leben Andersgläubiger einen hohen Werth in ihren Augen habe, und daß es Pflicht eines jeden Juden ist, Andersgläubige aus Lebensgefahr zu erretten und jedes Uebel von ihnen nach Möglichkeit abzuwenden. Die sinaitische Offenbarung nebst den zahlreichen Lehren, die die feinsinnigen alten Talmudiveisen für die immer größere sittliche Vervollkommnung der Menschen ableiten, bildete nicht selten die reiche geistige Schatzkammer, aus der die so oft moralisch bankerott gewordene menschliche Gesellschaft für die neu aufzubauende Gesittung an Recht und Pflicht, an Gesetzlichkeit und Humanität sich Rath geholt. In Zeiten, wo, wie die Geschichte uns erzählt, weltliche nnd hierarchische Kreise von der traurigsten Korruption ergriffen waren, sind es Juden gewesen, die als Siegelbewahrer der sinaitischen Offenbarung durch ihr vorbildliches sittliches Leben in der Gemeinde und in der Familie, durch die Pflege von Wissenschaft und humanen Bestrebungen die Gesellschaft aus ihrer Versumpfung wieder aufrichten halfen. Diese Seite der jüdischen Mission hat mit seiner weit ausschauenden Sehergabe der große Jesaia erkannt, wenn er Israel zürnst: „Durch dich werden Trümmer auferbaut, die Grundlagen der Geschlechter stellst du her, man nennt dich Rissevernianrer, Wiederhersteller der Pfade zum Wohnsitz." Eine Religion wie die jüdische, die im Christenthum und Islam zwei große, civflisatvrisch hoch bedeutsame Religions- Mächte aus sich erzeugt hat, konnte und kann durch alle Zeiten nicht anders als vorbildlich human und lebenssörderud indermenschlichen Gesellschaft wirken. Es widerstrebt uns, die Wucht der Konsequenzen dieser Betrachtung den bösen Verleumdern, die den blanken Ehrenschild des altbewährten Jndenthums mit ihrem schmutzigen Geifer besudeln, auf das Gewissen, wenn sie ein solches hätten, zu wälzen, da das Judenthnm viel zu erhaben ist, als daß wir uns darüber noch mit diesen Volksverderbern auseinandersetzen sollten, aber das leuchtet jedem Unbefangenen ein, daß bei der Maulwurssarbeit dieser gewissenlosen Hetzer eine Zeit sittlicher Korruption hereinzubrechen droht, unter welcher die Grundlagen der Religion und Humanität erschüttert werden, und der stolze Bau der menschlichen Gesittung in Trümmer zerfallen muß. Are Woche. Berlin, 21. Mai. er Schluß des Reichstags ruft natürlich Rückblicke aller Parteien hervor. Für uns ist die Sache sehr einfach. Der Reichstag hat sich mit jüdischen Angelegenheiten — abgesehen von einigen kurzen Bemerkungen — nur einmal in diesem Winter, und zwar am 7. Februar anläßlich der Konitzer Sache, beschäftigt. Die Antisemiten haben bei dieser Debatte bekanntlich schleckstabgeschnitten. Auch ihr Initiativantrag betreffend das Verbot der Einwanderung ausländischer Israeliten ist zunächst unter den Tisch des Hauses gefallen Man begreift es daher, wenn ein antisemitisches Blatt sich zu folgender Schlußbetrachtung versteigt: „Das deutsche Volk hat schon längst ansgehört, in dem Reichstage die vornehmste Vertretung des deutschen Volkes z» erblicken. Wir würden uns nicht mehr wundern, wenn eines schönen Tages die Re gierung dazu übergeht, den Reichstag zu suspendiren, und wenn du breiten Schichten des Volkes dem zustimme»." Der antisemitisch gesinnte Bruchtheil des Centrums aber mar sich die folgende Erklärung in sein Stammbuch einschreiben: „Das Ansehen des Reichstags ist unter dem Präsidium Ballestre» unter den Nullpunkt herabgedriickt." Ueber den neuen Minister des Innern, Freiherr: v. Hammerstein, wird uns in Briefen aus Metz geschrieben daß derselbe sich stets als gerecht, human und wohl wollend erwiesen, daß er in den 18 Jahren seines dortige" Aufenthalts Gelegenheit gehabt hat, die jüdischen Verhältniss genau kennen zu lernen und daß die lothringischen Inder ihn mit Bedauern scheiden sehen. Auch an dem neuen Handelsminister haben die Anti semiten keine große Freude, Die „Antis. Korr." schreibt über denselben:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.