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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-24 · Heft 21 (24.5.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 21 (24.5.1901)
Date
1901-05-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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65. Jahrgang. Nr. 21. Allgemeine Berlin. 24. Mai 1901. eitung des Audenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I IAbonnements-Preis: Durch Buchhandel,! I Post oder direkt von der Expedition in Berlin I I unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I iRedacteur: Gustav Karpeles.! Begründet von Rabbiner N*. Ludwig Phiiippson-Sonn Verlag s-Crpe-ition: Lerlin, Lerusalemerstr.48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Zudenthuins", Berlin 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Zum Feste der Offenbarung. — Die Woche. — An die jüdischen Lehrer! Von Seminarlehrer A. L. Levh, Hannover. — Jüdische Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Preutzens. — Die Kindersterblichkeit bei den Juden. Von Dr. med. Moses in Liegnitz. — Ferdinand iohn. Ein deutsches Gelehrtenleben. II. — Feuilleton: Die Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XXI. — Zum Offenbarungsreste 5661. Gedicht von Dr. S. Nascher. Der werneinvevote. «orreivvndenzerr und -raibrisktenr Berlin, Aus der Provinz Posen, Guesen, Rhbnik, Tarnowitz, Leobschütz, Hannover, Ahlem, Hamburg, Marburg, Gailingen, München, Mülhausen i. E., Wien, Budapest — Von Rah und Fern. — Miseellen. Aurrr Feste der Offenbarung. Berlin, 23. Mai. wir die Reihe der jüdischen Feste an unserem ^-»2) Geiste vorüber ziehen lassen, um sie nach ihrem Wesen 0 und Geiste zn bewerthen, so finden wir, daß sie umeist je eine einzelne bestimmte Seite des Glaubens, der israelitischen Geschichte oder des allgemein menschlichen Lebens ur Grundlage haben: Gottes gerechtes und liebendes Walten > inerseits, bekundet durch das wunderbare Werden und Weben ui der Natur, andrerseits im Geschichtsgange der Völker oder im Lebenslauf des Einzelnen von der sittlichen Stumpfheit zur Ltegnng des Gewissens und der Erkenntniß, von der Verirrung; >r Einsicht, zur fortschreitenden Uebereiiistiinmung mit dem Ättengesetz, zur Erfüllung des sittlichen Ideals. Jede dieser religiösen und ethischen Beziehungen findet in dem einen und dem andern der Feste seinen bestimmten Ausdruck in je einer Ceremonie, einem Symbol, welches das -Zesen und den Kern der Festidee zur Darstellung bringt. Die Dtazzoh, der Schofarklang, die Kasteiung am Versöhnungstage, d e Laubhütte, sie alle bezeichnen theils das israelitische, theils drS allgemein menschliche Verhältniß zu Gott und zur Geschichte. Das Fest der Offenbarung hat kein so eng begrenztes Symbol. (:s kann kein solches haben, weil es nicht blos eine göttliche Digenschast, eine Seite der Religion, ein blos jüdisch-geschichtliches Ereigniß ausdrückt. Es umfaßt alle Seiten des Lebens, s ine Höhen und Tiefen, Gott und Welt, Ewigkeit und Zeitlichkeit, d n Kreislauf des Werdens und Vergehens. Sein Wesen ist lwr Gottesgeist, und wie dieser in seiner für uns Menschen unfaßbaren Fülle sich nicht in ein Sinnbild fasten läßt, so vermeidet dieses Fest jede besondere sinnlich ceremouielle Darstellung des Gottesgedankens, der in den Gesetzestafeln vom Sinai webt, in der Lehre vom Horeb leuchtet, deren überragende Größe der Weisheitsspruch mit den Worten zeichnet: ^,Jhr N-aß reicht weit hinaus über der Erde Enden, erstreckt sich weit hin über der Meere Grenzen." Das Offenbarüngsfest >>i daher ein allgemein menschliches Fest, das die gesammte Menschheit umfaßt. Den Charakter des allgemein Menschlichen dieses Festes, beziehungsweise der geoffenbarten Lehre, bezeichnen die Weisen des Talmud treffend durch die feinsinnige Bemerkung, daß die Offenbarung der Thora nicht in irgend einem bestimmten Lande, etwa in Palästina, stattgesunden, sondern in der Wüste, die herrenlos ist, und schon die Wahl des neutralen Bodens spreche deutlich dafür, daß an der Offenbarung des Glaubens und der Sittengebote alle Völker der Erde gleichen Antheil haben. Das Ganze der Thora aber, wie es sich in seiner weiten Verzweigung der menschlichen Rechte und Pflichten vor unseren Augen darstellt, ruht auf dem krystallenen Grunde der hohen Werthschätzung des Menschen und der Achtung der sittlichen Persönlichkeit. Eine Lehre, wie die am Sinai geoffenbarte, die den Menschen als Gott ebenbildlich bezeichnet, die Einheit des Menschengeschlechts als einen der obersten Sätze der Weltanschauung ausstellt, kann auch nur als das tiefste und breiteste Fundament angesehen werden, auf dem sich die Burg der Humanität vor den Augen aller Zeitalter erhebt. Bei Betrachtung der jüdischen Lehre empfängt der unbefangene Leser den Eindruck, daß ohne diese grundlegende Humanität das ganze imposante Gebäude der Religion wie ein Kartenhaus zusammenfiele, da hier Religion und Humanität, das Göttliche und Menschliche miteinander so verflochten sind, daß jedes Unrecht gegen Menschen zugleich als ein Frevel gegen Gvtt bezeichnet wird. Der große Hillel koiinte daher jenen Heiden, der sich an ihn mit der Bitte wandte, ihn mit dem Geiste der geoffenbarten Lehre in knappster Frist bekannt zu machen, folgerichtig nicht treffender bescheiden, als daß er ihn vor allem auf jenen Kernpunkt derselben hingewiesen, der als Religio ns gebot vom Satze der Nächstenliebe den Lebensodem aller wahren und echten Humanität bildet. Er that dies in der Ueberzengnng, daß die Bethätigung der reinsten Nächstenliebe der sicherste Weg ist, der zur Erkenntniß Gottes führt. Der Glaube an Gott, und wenn er in den Religionsbnchern mit noch so klaren Definitionen gelehrt, von den Kanzeln herab mit noch so hinreißendem Feuer gepredigt, auf den Kathedern mit noch so geistreichen religionsphilosophischen Beweisen gestützt wird, er kann in den Herzen nicht tiefe Wurzel fassen, wenn er nicht selbst erworben wird. Er kann aber nur erworben werden durch ernstes, sittliches Arbeiten an sich selbst, durch ethische Selbsterziehung im Verkehr mit der Außenwelt. Darum tritt in der sinaitischen Offenbarung eine Lehre niemals als bloße Theorie ans, sondern Hand in Hand mit praktischer Anwendung an einem weiten Kreise

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