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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-17 · Heft 20 (17.5.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 20 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 wald. Der Vater des Mädchens fuhr nach Tarnow und sprach mit seinem Vertreter Dr. Goldammer beim Staatsanwalt vor. Ein Kommissär der Bezirkshariptmannschast suhr in das Kloster, um dort eine Revision vorznnehmen; er fand jedoch das junge Mädchen nicht mehr im Kloster vor. Es wurden, um den Thatbestand festzustellen, bereits mehrere Zeugen verhört. Der Portier des Bahnhofes in Vochnia giebt an, daß in der kritischen Nacht zwei Nonnen, eine alte und eine junge, auf dem Bahnhofe gesehen wurden, die den Zug nach Tarnow benützten, und ein Taruower Fiakerbesitzer bestätigt, daß er damals die zwei Nonnen ins Kloster gefahren habe. Von da ab fehlt von der jüngeren Nonne jede Spur. Dr. Goldammer hat bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige erstattet. — In Lipto-Sze ut-Mik los (Ungarn) starb vor drei Jahren ein Mann Namens Herz, der allgemein für einen Bettler galt, und von dem die israelitische Gemeinde zu allgemeiner Uederraschnng 500 000 Kronen erbte. An diese Erbschaft war die Bedingung geknüpft, daß das Geld zu kulturellen oder wohlthätigen Zwecken verwendet werden solle. Es wurde beschlossen, ans diesem Fonds eine Mittelschule zu errichten, und der Unterrichtsmiuister gab hierzu seine Zustimmung. Dieser Tage erschien eine Deputation der israelitischen Gemeinde beim Minister und bat um eine Subvention zur Errichtung eines Gymnasiums. Sie erhielt die Zusage, daß der Staat eine Subvention von 60 000 Kronen zum Bau ertheile. doch solle vorerst nur ein Untergyinnasinin errichtet werden. Sollte sich dieses bewähren, so werde der Staat eine Subvention zur Errichtung des Obergynmasiums bewilligen. — Die Monatsschrift „Jüdische Chronik", herausgegebeu von Rabbiner Dr. Kurrein in Te plitz, hat ihr Erscheinen eingestellt. Schweiz. u. Zürich, 10. Mai. Hier wurde am 5. d. M. ein Komitee bestellt zur Begründung eines Schweizerischen Altersasyls. Die Beschaffung der Kosten für die Erbauung und den Unterhalt desselben ist als gesichert anzusehen. Wenn irgend möglich/soll das Altersasyl in einer der alten Stammgemeindeu der Schweizerischen Israeliten erbaut werden, entweder in Endingen oder in Leugnan (Kanton Aargatt). An der Spitze des Komitees steht Rabbiner Dr. Littmann. — In Basel nähert sich das Projekt der Begründung eines Schweizerisch-Israelitischen Waisenhauses immer mehr der Verwirklichung. Herr Dreyfns-Neumann, Ehrenpräsident der Basler Gemeinde, hat durch die unermüdliche Propaganda, die er trotz seines hohen Alters dem Werk widmet, bereits die stattliche Summe von 110 000 Francs zusammengebracht. — Von den Schweizerischen Gelehrten, die ihr Gutachten über die Blutbeschnldigung abgegeben haben, ist Professor Furrer auch sonst schon als Freund der Juden und des Judenthums hervorgetreten. Als der frühere Lehrer Markus Dreyfus von Endingen, der in den sechziger Jahren ein eifriger Korrespondent dieser Zeitung war und sich große Verdienste um die Emanzipation der Inden in der Schweiz erworben hat. beerdigt wurde, hielt Professor Furrer, der gleichzeitig Pfarrer und seit kurzem Dekan an der St. Peterskirche hier ist, ihm eine von echt humanem Geist getragene Leichenrede. In den Vorträgen, die Professor Furrer seit Jahren während der Wintermonate in seiner Kirche am Sonntag Nachmittag zum größten Theil über Stoffe aus der alttestameutlichen und altjüdischen Geschichte zu halten pflegt, hat er schon manches gute Wort über das Jndenthnm gesprochen. Er hat es auch veranlaßt, daß die reiche jüdisch-wissenschaftliche Bibliothek des Verstorbenen auf dem Gebiet des bekannter: sarrraritarrischen Forschers Moriz Heidenheim sür die Zürcher Stadtbibliothek angetanst wurde, und hat seinerzeit in der „Neuen Zürcher Zeitung" einen warmempfundenen Artikel über die Bedeutung der jüdischer: Litteratur veröffentlicht. In wissenschaftlicher Hinsicht ist Professor Furrer als Palästinaforscher besonders geschätzt. In Schenkels Bibellexikon stammen die meisten Artikel zur Geographie des heiligen Landes aus seiner Feder. — Weniger hervorgetreterr ist bisher Professor Drrhm aus Basel. Er ist Mitarbeiter an dem neu erscheinenden, von Professor Marti in Bern heräusgegebenen Kommentar zum Alten Testament. Ans gelegentlichen Bemerkungen in der: vor: ihm stammenden Kommentaren geht sogar eher eine geringschätzige Beurtheilung jüdischer Zustände hervor. Um so mehr ist seine rückhaltlose Verwerfung der Blutbeschnldigung rühmend vorzuheben, und um so schwerer fällt sie ins Gewicht. Von Nah und Fern. ----- An der Universität haben sich als Privatdozenten habilitirt Dr. Georg Abelsdorsf. früher Assistent an der Augenklinik, und Dr. Bernhard Bendix, früher Assistenten, der Kinderklinik. — Der Stabsarzt a.D. Dr. P i us Bern stein, ein Urenkel von R. Akiba Eger. ist nach schweren Leiden am 12. d. M. in: 68. Lebensjahre hier gestorben. — Die Voruntersuchung gegen den Detektiv Schiller aus Berlin wegen versuchter Verleitung zum Meineid ist in Könitz vor einigen Tagen abgeschlossen worden, und es dürfte binnen Kurzem gegen ihn Anklage erhoben werden. Schiller befindet sich seit Februar d. I. in Untersuchungshaft. — Die Strafkammer in StolP hat das Urtheil dcs Schöffengerichts Bütow gegen den Karrßnarrrr Caspary, der zu 350 Mark Geldstrafe vernrtheilt war wegen Beleidigung, die in einer Anzeige bei den: Staatsanwalt anläßlich der dortigen Judenkrawalle liegen sollte, aufgehoben und den Klägern sämmtliche Kosten auferlegt. — Zum Rabbiner der Synagogengemeinde Schwedt a. O. ist Dr. I. Holzer. Zögling des Berliner Rabbirrersernirrars, einstimmig gewählt worden. —Die Strafkammer zu Dessau erkannte indem Strafprozeß gegen der: Bankier Nathan Herzberg in Köthen wegen Beleidigung des Staatsministeriums, begangen durch zwei Flugblätter, worin Herzberg gegen die Entziehung seines Kommerzienrathstitels im Jahre 1896 öffentlich Einspruch erhob, auf Verurtheilung des Angeklagten zu einen: Monat Gefängniß. Wegen des gleichen Vergehens, begangen durch Flugblätter, war Herzberg bereits im Jahre 1900 zu 300 Mark Geldstrafe oder 30 Tagen Gefängnis; vernrtheilt worden. — Rabbiner Dr. Banrberger-Schildberg ist als Nachfolger des Herrn Dr. Lauge zum Rabbiner des „Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen in Westfalen" gewählt worden. — Irr Paderborn erhob ein Stadtverordneter Einspruch dagegen, daß ein jüdischer Kollege arr der Deputation des Kollegiums zu dem Jubiläum des dortigen Husarenregiments theilrrehnre, rrrit der Motivirung, „es werde Anstoß erregen, das; die Stadt Paderborn euren Israeliten als Vertreter entsende, da bekanntlich im Osfizierkorps Abneigung gegen die Juden herrsche" Der Stadtverordrretenvorsteher protestirte gegen diese Aeußerung, und der jüdische Stadtverordnete wurde mit großer Mehrheit delegirt. — In Ho nrbnrg v. d. H. ist am 4. d.M. Frau Bertha Apelt aus Halle a.S., eirre durch Frömmigkeit und Wohlthätigkeit ausgezeichnete Frau, nach langem Leiden gestorben. — Auch irr der Pfalz hat man es versucht, einen „Nitnalmord" zu koustruirerr. Zürn Glück ist das irr Breiten verschwundene Kind am 7. d. M. Abends im Wasser gesunden worden. — Seit 18 Jahren besteht irr London eine jüdische Emigrationsgesell schaft, welche bis jetzt 9440 Juden zur Auswanderung verholfen hat. Irr diesen: Jahre wurden von der Gesellschaft 186 Personen mit einen: Kostenaufwand von 10 450 Mark nach Amerika, Australien und Neuseeland geschickt. Die Auswanderer waren größterrtheils Angehörige von Personen, die bereits früher ausgewandert sind und in der neuen Heimath Unterkunft und Arbeit gefunden haben. Zum Vorstand des Vereins gehören u. A. Baron Leopold Rothschild und Claude Montefiore — Die aus der jüdischen Lichtsteuer kümmerlich besoldeten Volksschnllehrer irr Rußland müssen von ihrem Hungergehalt noch jährlich 2 pCt in eine Pensionskasse für russische Lehrer zahlen, ohrre daß sie als Juden je den mindesten Anspruch auf Pension erheben können. Im Jahre 1898 wurden auf diese Weise den jüdischen Volksschullehrern 5158 Rubel entrissen; die von ihnen bisher in die Kasse eiugezahlten Beträge haben die Höhe von 101801 Rubel erreicht. Jetzt hat der neue Minister fin Volksurrterricht, General Wanowski, die Kreisschulirrspektoren ans gefordert, ein Verzeichrriß sämmtlicher jüdischen Volksschulen rrrrd dein denselben wirkenden jüdischer: Lehrer sowie der von letzteren ge zahlten Beiträge zum Peusiousforrd eirrzusenden. — Die portugie fische Gemeinde in Amsterdam hat durch den Tod ihres Sekretär I. H. Mendes da Costa, der 50 Jahre dieses Amtes treu und fleißi g gewaltet, einen großen Verlust erlitten. — Der König von Italien hat einen neuen Order: gestiftet, den „Orden der Arbeit". Der Erste, der denselben empfing, war der frühere Finanzminister Luigi L azatti. — Durch eine Verfügung des Präfekten von Algier wurden in: Hin blick auf die Ruhestörungen ans Straßen und Plätzen, die infolge einer Versammlung der antisemitischen Komitees rmd der Vereinigung der nationalistischen antisemitischen Jugend hervorgeruferr wurden, diese Vereine aufgelöst. — Der Präsekt von Algier. Lutaud, hat den famosen Kleidererlaß des Bürgermeisters Max Negis als ungesetzlich aunullirt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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