Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 ihre Religionslehrer gewähren soll. Die Lehrer der Gemeinden, überreichten eine Adresse. Der Großherzog hatte den Jubilar schon'vorher in huldvoller Audienz empfangen. Montag Abend veranstaltete die Gemeinde ein herrliches Fest, an welchem sich alles in dem einen Wunsche begegnete, daß es den mecklenburgischen Juden noch viele Jahre vergönnt sein möge, den greisen und doch so jugendlichen, rastlos für die Sache des Jndenthums wirkenden Führer all der Spitze ihrer Gemeinden wirken zu sehen. >V. Hagen i. W., 11. Mai. Das Trauergefolge. bas dem verstorbenen Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Herrn S. M e rlän de r. das letzte Geleit gab, zeugte in seiner großen Zahl von den Sympathien, deren sich der Verstorbene zu erfreuen hatte. Auf dem Friedhofe hielt Prediger Dr. Hartmann. die Verdienste des Tobten um die Gemeinde in warmen Worten würdigend, die in Form und Inhalt vortreffliche Leichenrede. Nach der Beerdigung fand in der Synagoge eine auch von Angehörigen der christlichen Konfessionen stark besuchte Gedenkfeier statt. Prediger Dr. Hartmann hielt die Gedächtnißrede. — S. Merlällder war seit 50 Jahren ununterbrochen im Dienste der Gemeinde thätig. Er wirkte über 40 Jahre lang als Rendant des israelitischen Frauenvereins, als dessen treuester Berather und Förderer er mit Recht galt. Lange Jahre war er Repräsentantenvorsteher, sodann Mitglied des Vorstandes und schließlich Vorsitzender des Gemeindevorstandes, welches Amt er bis zu seinem Tode verwaltete. Er war auch thätiges Mitglied verschiedener humanitärer Anstalten und hat auch auf dem Gebiete der Privatwohlthätigkeit viel Gutes gethcm. Er war ein Mann von seltener persönlicher Liebenswürdigkeit und warmherzigem Entgegenkommen, das sich gern in Rath und That äußerte. Eine fast übergroße Bescheidenheit paarte sich bei ihm mit einer Anspruchslosigkeit und Einfachheit, wie sie heutzutage selten zu werden ansängt. Wie sehr er sich snr das Gedeihen und die Fortentwicklung der israelitischen Gemeinde" inleressirte, bewies das von ihm vor zwei Jahren herauseiegebene Werk „Die Entwicklung der Synagogengemeinde in Hagen gnnerhalb der letzten 50 Jahre", eine Broschüre, die mit ebensoviel Sachkenntniß als Fleiß geschrieben ist und reichen Beifall fand. Hier war der Verstorbene ganz allgemein unter dem Namen „der alte Herr" bekannt. Er ruhe sanft! Kisfirrgen, 9. Mai. Die Israelitische Kinderhellstä t te hier entwickelt sich in vortrefflicher Weise. Es sind jetzt etwa zwei Jahre her, daß der Gedanke von Dr. Münz in Nürnberg angeregt wurde, und schon hat er schöne Fruchte gezeitigt. Ein Bauplatz, in der Nähe der christlichen Kinderheilstätte gelegen, ist vor einigen Tagen käuflich vom Könnt« erworben worden. Die Kosten des ^Gebäudes samrnt Einrichtung werden auf etwa 65 000 Mark berechnet; die laufenden Ausgaben für 75 Kinder pro Saison werden etwa 5000 Mark betragen. Bevor die eigentlichen Geldsammlungen eröffnet worden sind, sind bereits in wohlwollender Weise voll einzelnen Herren insgesarnmt etwa 18000 Mark als einmalige Beiträge gezeichnet worden darunter allein die hochherzige Spende von 10 000 Mark seitens des Vorsitzenden S. Bergmann-Fürth. Nun muß der fehlende Rest von etwa 50 000 Mark zur Deckung der Kosten für Gebäude und Einrichtung beschafft werden. Wir empfehlen dieses edle und gemeinnützige Unternehmen der Werktätigen Hilfe und Theiluahme aller Menschenfreunde auf das Wärmste. Die Anstalt ist bestimmt zur Aufnahme von kranken, schwächlichen oder sollst in der Entwicklung zurückgebliebenen Kindern beiderlei Geschlechts ans jedem Glaubensbekenntniß und jeder Staatsangehörigkeit, sofern dieselben in Deutschland wohnen. In erster Linie finden aber bei der Aufnahme Berücksichtigung Kinder ans jüdischen Kreisen deutscher Staatsangehörigkeit, und zwar aus denjenigen Gemeinden, welche in entsprechender Weise die Begründung und Unterhaltung der Anstalt gefördert haben oder fördern. Zuschriften sind zu richten an die Adresse des Schriftführers Dr. Münz, Nürnberg, Geldspenden an die Adresse des Kassierers Bankier- Wilhelm Ottensooser, Nürnberg oder nach Kissingen an die Adresse des Bankier A. Löwenthal. o. München, 10. Mai. Wie wir s. Z. berichteten, wurde der ultramontane Gemeindebevollmächtigte Kellner vom Amtsgericht wegen Beleidigung des jüdischen Magistratsraths Bankier Lebrecht zu 20 Mark Geldstrafe verurtheilt. Kellner hatte in einer Versammlung der christlich-sozialen Vereinigung den Magistratsrath Lebrecht „einen großen Juden" und „einen Grundstücksspekulanten" genannt, da dieser Vorstand und Aussichtsrath mehrerer Terraingesellschaften ist. Gegen das Urtheil des Amtsgerichts hatten beide Theile Berufung ergriffen; die heutige Verhandlung endigte mit der Verurtheilung Kellners zu 10 Mark Geldstrafe. Das Landgericht erachtete den Ausdruck „großer Jude" als eine Beleidigung; der Ausdruck „Grundstücksspekulant" wurde aber in dem Zusammenhang, in dem er gebraucht wurde, im Gegensatz zu der Aschauung des Erstrichters. nicht als eine Beleidigung erachtet, weshalb die Geldstrafe herabgesetzt wurde. s. Stuttgart, im Mai. Der Rechenschaftsbericht snr das Geschäftsjahr 1900 des Israelitischen Land es-Asyl- und Unterstützungs-Vereins für Württemberg ist ein Zengniß dafür, daß der Verein mit Befriedigung aus die Erfolge seiner Thätigkeit zurückblicken kann. Die wesentliche Zunahme des Grnndstockvermögens verdankt er ganz besonders einer Wohlthätigkeits - Veranstaltung im Königsbau. Auch der König und die Kölligin unterstützen den Verein, so daß er in nicht allznferner Zeit den Asylban wird errichten können. Der Ausschuß besteht auden Herren: Julius Spiegelthal, Vorstand. Adolf Eßlinger, stettvertr. Vorstand, Isidor Wolf. Cassier. Sigmund S. Nördliuger, Schriftführer. Julius Reillganuni. Göppingen. Kontrolleur, E. Carlebach. Eugen Fellheim, Lollis Hirsch. Kirchenrath Dr. Kroner. D. Schwabacher, Bezirksrabbiner Dr. Stößel. Dr. med. E. Weil, L. Dreyfllb-Bnchan. Ludwig Strauß-Cannstatt. N. Wachs-Heilbronn. A. Znrndorfer-Nexingen, Heinrich Lebrecht-Utm. Die Einnahmen betrugen M. 20 082.69, die Ausgaben M. 19 163.41, das Gesammtvermögen M. 80 047.58. Oesterreich-Ungar«. LH Wien, 13. Mai. Hier ist der Maler Daniel Israel im 43. Lebensjahre gestorben. Er hatte über 20 Jahre in München gelebt und geschaffen. Seine Bilder zeugten von einer stark ausgeprägten Individualität. Sie fanden sich auf allen Ausstellungen der letzten 15 Jahre und bestachen durch die peinliche Sorgfalt der Ausführung. Seine Motive waren alle dem Oriente entnommen, und seine Genrebilder, die auch in zahlreichen Reproduktionen ihren Weg in alle belletristisch ittustrirten Blätter fanden, wurden ziemlich theuer bezahlt. Der größte Theil seiner Werke ging nach England. Israel war in Ungarn geboren, widmete sich anfangs dem Kaufmannsstande. Späterbesuchte er die Wiener nnd Münchner Akademie. Unter oft hartem Existenzkampf rang er sich empor. Aus dem Ertrage seiner ersten Bilder bestritt er seine Studienreisen nach dem Oriente, den er genau kannte, und die Eindrücke, die er sich dort gesammelt hat, kehrten in seinen Bildern wieder. Der Kaiser von Oesterreich hatte Daniel Israel durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josessordens ausgezeichnet. Leider erhielt Israel den Lohn seiner Verdienste zu einer Zeit, da er schon geistig nieder-gebrochen war. Vor fünfviertel Jahren brachte man den in seinem Nervensystem total zerrütteten Künstler, der in überaus glücklicher Ehe gelebt hat, in eine Nervenheilanstalt nach Wien. Von seinem schweren, hoffnungslosen Leiden erlöste ihn nun der Tod. — Ein neuer Fall von Kirrd e rraub ist leider aus Galizien zu melden. Wieder handelt es sich um ein Mädchen, das gewaltsam in eirr Kloster gebracht wurde und beim Einschreiten der Behörde im Kloster nicht mehr vorgefunden wurde. Der Sachverhalt ist folgender: Am 2. Mai um 8 Uhr Abends kamen irr die Dorfschänke des Salomon Schwimmer irr Drwjenia im Bezirke Bochnia vier Bauern. Nachdem sie Schnaps getrunken hatten, traten sie in das der Schänke gegenüberliegende Wohnzimmer des Wirthes, rissen die 17jährige Tochter desselben aus dem Bette nnd machten Anstalten, sie gewaltsam mit sich zu führen. Der Vater stürzte hinzu und wollte das Attentat auf seine Tochter verhindern. Da warf sich einer von den Bauern auf ihn, würgte ihn, drückte ihn an die Wand und hielt ihn dort so lange fest, bis die Anderen das Mädchen davongetragen hatteil. Der Vater verlor das Bewußtsein, und als er zu sich kam, war seine Tochter mit den Bauern verschwunden. Erst am anderen Tage erfuhr er die näheren Umstände des Uebersalles. Während die Bauern das Mädchen aus der Dorsschänke entführten, stand unweit des Wirthshanses ein bespannter Wagen, in welchem eine Nonne saß. Die Bauern trugen das Mädchen in den Wagen, welcher mit den Insassen bis zur Eisenbahnstation Bochnia fuhr. Während der Fahrt wurde das Mädchen in Nonnenkleider gesteckt. In Bochnia fuhren die beiden Frauen mit der Bahn nach Tarnow, und voll hier aus ging die Fahrt in einem Fiaker nach dem nicht weit entfernten Kloster in der Ortschaft Szyn-