Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 240 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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In kurzer Zeit war es Szoltan gelungen, einen ganzen Kreis Mißvergnügter um sich zu sammeln, die das Gift voll seinen Lippen sogen. Am Abend eines jeder: Tages versammelten sich die Verschwörer in einem einsamen Hause, das unbewohnt war und wo sie sicher waren vor Spähern oder vor Leuten, die der Zufall zu Mitwissern ihrer geheimen Pläne machen konnte. Darum erregten denn auch die Verschworenen keinerlei Aufmerksamkeit, wenn sie eiligen Schrittes mit gesenktem Antlitz zu den: Sammelplätze ihrer Zusammenkünfte gingen. Zumeist kamen sie einzeln an und entfernten sich auch wieder getrennt, stets aber waren sie ohne Waffen, um sich den Anschein von harmlosen Spaziergängern zu geben. Szoltan hatte dies so ungeordnet, und nachdem er das Haupt der Verschwörung geworden, was ihm bei seiner von Persönlichem Hasse eingegebenen Kühnheit leicht gelungen war, so fügten sich Alle leicht und willig seinen Befehlen. Heute waren die Verbündeter: länger als sollst beisammen geblieben, und die Reden, die sie führten, waren noch wilder und erregter als sonst. Mit hochgerötheten Gesichtern und heftigen Gebärden sprachen sie in wirren: Durcheinander. Einzelne standen in kleineren Gruppen und gestikulirten heftig, Andere wieder saßen rings um die Tafel, an deren oberem Ende Szoltan den Vorsitz führte, und während die Anderen sich in heftiger Erregung befanden und mit glühenden Wangen sprachen, war sein Gesicht aschfahl und alles Leben schiel: daraus entwichen. Jetzt war er aufgestauden, und mit seiner blutlosen, knochigen Hand sich über den nachtschwarzer: Bart hinstreichend, der sein Gesicht fast bis zu den Anger: hin bedeckte, begann er, zuerst leise und jedes Wort scharf betonend, zu sprechen; aber je weiter er kam, desto heftiger wurden seine Gebärden un5desto lauter der Schall seiner Rede. Seine ohnedies unfreundlichen Züge nahmen einen unheimlicher: Ausdruck an, und in seinen kleinen schwarzer: Augen lohte es wie höllisches Feuer. Die Versammelten hatte:: sich nur ihn geschart und folgten seinen Ausführungen mit steigenden: Interesse. Jetzt hatte er geendigt, und laut und tobend wiederholten die Hörerseine letzten Worte: „Ja, er falle! Boleslav, der Tyrann Polens, falle, falle!" Aber da mischte sich noch ein anderer Ruf in das tosende Stimmengewirr. Erst leise, dann immer lauter und vernehmlicher und dar::: anschwellend zu mächtigem Gebraust und die anderen übertäubend: „Boleslav falle! und Szoltan werde unser König! Szoltan, König von Polen!" Szoltans Gesicht bedeckte sich mit geisterhafter Blässe, seine Auge:: sprühten, und mit seiner: fieberhaft zuckenden Händen klammerte er sich ar: die Kante des Tisches. Wie abwehrend streckte er den Tobenden die Hände entgegen, in seinen Augen aber strahlte derTrinmph über den errungenen Sieg. „Szoltan sei unser König! Szoltan, König von Polen!" Aber da machte sich Plötzlich ein dumpfes Geräusch bemerkbar, das immer näher, immer näher herankam und jetzt ganz deutlich zu vernehmen war. Erschreckt waren die Verschworenen zusammengezuckt, und sie horchten mit gespannter Aufmerksamkeit, ob sich das sonderbare Geräusch wieder vernehmen lasst in der sonst so stillen, menschenleeren Gaffe. Es mochte wohl sein, daß sie irr: Eifer der Rede zu laut geworden, und daß Vorübergehende, aufmerksam gemacht durch diesen ungewöhulichen Lärm in dem einsamen Hause, vor demselben stehen geblieben waren und horchten, was dies bedeute; ja gewiß, so war es, und darum mußte man jetzt doppelt vorsichtig sein und eine Weile regungslos verharren. Und wirklich trat nur: ar: Stelle des vorangegangeuen Tobens eine tiefe Ruhe ein. Nichts regte sich, und man hätte den Athemzug eines Jeden hören können, da — mitten ir: die athemlose Stille hinein — erscholl eir: dröhnender Schlag an die Thür, und irr: nächsten Augenblick floger: die Thürflügel weit auseinander, und mit wildem Geschrei stürmte ein Harrst Bewaffneter herein, ar: seiner Spitze zwei Ritter mit geschlossenem Visir. Todtenbleich waren die Verschwörer aufgesprungen, und rrrit dem Ausdruck höchsten Entsetzens starrten sie, die Augen weit aufgerissen, arrf die Eindringenden hin. „Verloren! Mein Gott! Verloren!" entrang es sich ihren angsterfüllten Herzen. „Verrathen! Verloren!" Und ihre Hand zuckte nach der:: Gürtel hin, ir: dem sie den Dolch verborgen hatten, aber da wurde:: sie auch schon umringt und ihre Härrde gebunden. „Zittert Ihr nun, feige Memmen?" fragte höhnisch lachend der Größere der beider: Ritter, indem er an Szoltan hintrat. „Bebst Du rum, und faßt Dich eir: Grauen an vor dem Tode?" „Wenn Ihr eir: Ritter seid," sagte Szoltan, und seine Lippe:: zuckten, „so macht ein Ende. Tödtet mich, doch macht es rasch!" „Ha, ha!" lachte der Andere, während die Bewaffneten mit erhobenen Schwertern vor den Verschworenen standen, „Ich bin ein Ritter und wohl aus einem so edlen Geschlechte wie Du, gnädiger Herr von Swielicze! Aber ich will Dich nicht tödten! Ich werde mich doch nicht ar: der geheiligten Person des Königs vergreifen, und Du bist ja König geworden, Körrig vor: Polen. . .." Finster wandte sich Szoltan ab. und kein Wort kam überfeine fest geschlossener: Lippen. „Ergreift ihr:!" gebot kurz der Ritter. „Ihr haftet mir für ihr:, für den Miuutenkönig," setzte er laut auflachend hinzu. „Morgen bringt Ihr ihn vor den König. Die Anderer: bringt ebenfalls in sicheren Gewahrsam! Geht!" Die'Bewaffneten nahmen die Verschwörer in die Mitte, und zwischen der: Kriegern hindurch schritten sie gesenkten Hauptes aus der Thür. Ir: dem einsamer: Hause aber war es stille geworden, und in dem großen Raume, der vordem von Menschen gefüllt gewesen, waren jetzt die beider: Ritter allein geblieber:. „Wladirvoj," sagte der Eine, indem er das Visir lüftete, „Wladiwoj, Drr bist mein guter Schutzgeist, und so lange ich athrne, werde ich Deiner in Liebe und Dankbarkeit gedenken!" Wladiwoj ergriff die dargebotene Hand, und seine Augen ruhten voll freudigen Stolzes auf dem Antlitze des Königs. (Forts, folgt.) Litterarrsche Mittheitungen. Um vielfach ausgesprochenen Wünschen entgegenzukounnen, hat der Ausschuß des Verbandes jüdischer Litteraturvereirre in Deutschland sich entschlossen, das Ged enkbuch für Samuel D a v id Luzza t t o nnd den letzten Band des Jahrbuchs für jüdische Geschichte und Litteratur pro 1901 allen Rabbinern, Lehrern und Kantoren, die sich direkt unter Einsendung des Betrages an Herrn Maximilian Heymaun (Berlin KW. Roonstraße 9) wenden, so weit der Vorrath reicht, jedes zu dem ermäßigten Preise vor: 1 M. inkl. Porto zu überlassen. Druck und Verlag von Nndolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.