Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 239 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228440--57560-3293942- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
239 Me KönigskraUt. Historische Erzählung von Carola Buchheim. bin grauer Nebelschleier lagerte es über der Stadt, ^»»2^ als sich die Polen vor der Niklaskirche nahe dem o Stadtthore versammelten. Jetzt mußte Boleslav kommen, denn schon blinkten in der Ferne die Lanzen der dem König voranreitenden Mannen. Und bald sah man auch ihn selbst auf seinem hohen Rosse, und an seiner Seite eine zarte Mädchengestalt. Der König hielt vor einem Hause an und erwartete da noch einen der Ihren, der mit nach Kiew gekommen war. um da seinen ersten Waffengang zu wagen. Doch er kam nicht aus dem Hause, und der König sandte einen Krieger hinein, den säumigen Knappen herauszuholen. Doch da öffnete sich die Thür. Mit vor Schrecken verzerrtem Gesichte kam der Krieger aus dem Hause. Aus seinem Arme trug er den blutigen Leichnam des jungen Edelknaben. Entsetzt waren Alle zurückgewichen bei dem grausigen Anblicke, der sich ihnen bot. Das bleiche, jugendlich schöne Antlitz des Knappen war mit Blnt bedeckt, und in den weit offenen, verglasten Augen konnte man das Grauen des Todes erkennen, der ihn meuchlings überfallen hatte. Der König erschrak heftig bei dem Anblicke des Gemordeten, und in den Mienen Aller sah man tiefes Weh über das Geschick des Knappen, der einer ruchlosen Mordthat zum Opfer gefallen war. Da wandte er sich an die versammelten Krieger, und auf den Todten hinweisend, sagte er: „Das wäre heut unser Aller Los gewesen! In der kommenden Nacht wäre der grause, meuchlerische Tod auch bei uns eingekehrt, und wir hätten den kommenden Morgen nicht mehr geschaut doch dieses Mädchen hat durch ihren kühnen Mnth Euch Allen das Lebe»« gerettet, indem sie mich rechtzeitig von der uns drohenden Gefahr benachrichtigte. Seht auf zu ihr und segnet ihr edles Haupt. Recha, des Salonwn Tochter hat Polen seinen König gerettet und sein Heer!" „Heil! Heil ihr, unserer Retterin! Heil Recha, der Tochter Salomons!" so erscholl es ans Hunderten von Kehlen, und der Nus erbrauste und verbreitete sich über die ganze Stadt. Und unter den brausenden Rufen bewegte sich der Zug vorwärts, doch da stellte sich ihnen eine dunkle Gestalt entgegen, die Plötzlich vor ihnen aufgetaucht war. „Recha, sagt Ihr, des Salomons Tochter, und Heil Ihr sagt Ihr, Heil der Gottlosen. Abtrünnige». Was wißt ihr von Recha, des Salomon Tochter? — Und wißt Ihr auch von ihrer Schande?" Doch da irrte sein unstät flackernder Blick zu Recha hin, die an des Königs Seite mit ängstlicher Miene und bangem Schreck verharrte. „Da ist sie ja," rief er mit irrem Lachen aus. „und da ist auch er, der Verführer, der mächtige König, der sich nicht schämt und einen armen Juden um sein einziges Hab und Gut bestiehlt!" Die Knechte drängten sich herbei, um den Wahnsinnigen zu züchtigen, der sich vor des Königs Roß gestellt hatte. „Laßt ihn," gebot der Köllig, „versammelt Euch mit den klebrigen, wir folgen Euch!" Und der König blieb allein mit Recha und dem sich wild geberdenden Juden. Recha hatte das Haupt gesenkt, und schwere Thränen rannen ihr ans die Wangen herab. „Siehst Du, Du weinst, meine Recha, Du kannst noch weinen; kehre zurück zu Deinem alten Vater, dem Du das Herz gebrachen, kehre zurück, und ich will Dich halten wie eine Prinzessin!" Recha hatte sich gewendet, und ihr Blick hing wie gebannt an Boleslav. „Du wendest Dich ab, Du willst nicht mehr sehen das gebeugte Haupt Deines Vaters? Du kehrst Dich zu ihm? Nun, so gehe. Entartete, Abtrünnige, die Du Dich losgesagt hast von Deinem Stamme und treulos verlassen hast Dein Vaterhaus, die Du Schande gebracht hast über Dein Volk, die Du mit Schmach beladen hast das greise Haupt Deines Vaters, und die Du beschimpft hast das gesegnete Andenken Deiner Mutter im Grabe, sei verflucht! Ruhelos sollst Du wandern, das Gras verdorre unter Deinen Füßen, und Dein Herz werde zerfleischt von tausend Qualen und bitteren Kümmernissen. Der Zorn und die Rache Gottes mögen Dich treffen und Dich vernichten! Und ausgelöscht werde Dein Name aus dem Buche des Lebens, und vernichtet sei Dein Andenken! Und Du, gewissenloser König, sei verflucht, verflucht! Der Ewige verjage Dich von Ort zu Ort und lasse Dich nirgends Ruhe finden und versage Dir die ewige Ruhe!" Und schreiend und jammernd und sich den Bart raufend und die Kleider vom Leibe reißend, folgte er dem König und Recha. Dazwischen aber tönte laut und jubelnd der Ruf : „Heil Recha! Heil Polens Retterin! Heil unsrem Könige!" -!- * M Die abtrünnigen Edlen waren allmälig wieder nach Krakau zurückgekehrt. Theils hatten sie daheim die unerfreulichsten Zustände augetrofsen, denen sie zu entfliehen suchte», theils zog es sie nach der Nähe des Hofes hin, an dem es ja stets Abenteuer und Lustbarkeiten jeder Art gab. Hier aber hatte sich ein Geist des Mißvergnügens verbreitet, und eine unheimliche Gährung die Gemüther in Erregung versetzt. Sie galt dem König. In der Person eines ehrsüchtigen Ritters, der seine Abstammung für eine königliche hielt und Boleslav für einen Usurpator des Thrones erklärte, war diesem und dein Reiche ein erbitterter Feind entstanden. Es war Szoltan von Swielicze. Listig und heimtückisch malte er das Wesen des Königs, schilderte ihnen dessen unermeßliche Herrschsucht und unerträglichen Hochmuth, den er sie stets und bei jedem Anlasse hätte fühlen lassen, entrollte vor ihren Blickerl das Leberi des Königs, das eine Kette von Raub und Mordgier, von Wollust und Verbrechen sei, und wie er, jener verhaßte Boleslav, den Geist der Verderbniß großgezogen im Lairde und die Sittenlosigkeit gezeitigt und durch sein schwelgerisch wüstes Leben selbst ein böses Beispiel gegeben. War ja keine Frau und auch kein unschuldiges Mädchen sicher vor diesem Wüstling, und heute oder morgen kann er, wenn's ihm beliebt, die Schande in das Haus eines jeden Edelmannes bringen. Jetzt freilich schmachtete er in den Liebesbanden einer Jüdin, o welch unerhörte Schmach für unser Land! Ein Polenkönig und an seiner Seite - eine Jüdin! Nicht Boleslav aus dem Piastenstamme regiere das Reich, nein, eine Jüdin, denn es ist ja bekannt, daß er ihr Sklave uild in allem ihr zu Willen sei.