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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-17 · Heft 20 (17.5.1901) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 20 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
Seite 238 (sequence 12)
Language
German
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einführte. Bei den Juden stand diese als der Gipfel menschlichen Wissens in höchstem Ansehen. Die Bachurim. die jungen Studirenden der jüdischen Theologie, nahmen eine ähnliche Stellung ein wie die Studenten der kleinen Universitätsstädte; reiche Familienväter unterstützten sie nicht blos mit Mittagstischen und Geldspenden, sondern wählten sich mit Vorliebe die gelehrtesten unter ihnen als Gatten für ihre Töchter. All meinen Vater trat bald die Nothwendigkeit heran, sich sein Brod selbst zu verdienen; er kehrte nach Breslau zurück. Sein erstes- Geschäft war. ein eigelles Haus zu begründen; am 11. März 1827 verheirathete sich der 21jährige Jüngling mit der 16 jährigen Amalie, der Tochter des Agenten Moses Nissen. Meinen Großvater von mütterlicher Seite habe ich nicht gekannt, da er früh starb; dagegen lebte seine Witwe, meine Großmutter Hinde, noch lange Jahre im elterlichen Hause. Ich erinnere mich ihrer als einer schlanken alten Frau, die das Unglück hatte, in hohen Jahren zu erblinden. Sie hatte ihrem Gatten vier Kinder geboren, einen Sohn Salomo« und drei Töchter, von denen meine Mutter die älteste war. Bei ihrer Verheirathung waren meine Eltern ganz mittellos; aber sie fanden einen Gönner, der im Vertrauen auf ihre Tüchtigkeit ihnen die Mittel darlieh, um am Ostende der Ohlauerstraße, wo der Nest eines alten Stadtthores noch durch einen die Straße überspannenden Bogen erhalten war. einen kleinen Laden zu eröffnen, in welchem im Einzelverkauf Rüböl. damals neben den Talglichtern das einzige Beleuchtungsmaterial, feilgeboten wurde. Das neue Geschäft führte die Firma I. Cohn u. CompaKiie. Die Niederlassung in der Ohlauerstraße war eine That; denn dadurch entfernte sich mein Vater ans dem engen Bezirk derJudenstadt und that damit den ersten Schritt, sich und sein Haus mit dem allgemeinen Leben der Stadt zu amalgannren. Zu jener Zeit bildeten die Juden noch ein abgeschlossenes Volk mit eigenen Sitten und Gebräuchen imVolke und eine besondere Stadt in jeder Stadt. Der Zaun, den die Nabbinen um das mosaische Gesetz gezogen, hatte in der That bewirkt, daß dessen Anhänger, zerstreut unter den Nationen, durch alle Verfolgungen und Widerwärtigkeiten, die sie im Laufe der Jahrhunderte zu erdulden hatten, in ihrer Eigenart erhalten geblieben waren. Die Juden verkehrten wohlgeschäftlich aber nicht gesellschaftlich mit ihren christlichenMitbnrgern; sie theilten nicht deren Interessen. Ihr Leben war ganz allsgefüllt von ihren eigenen Interessen, in denen die Religion den Mittelpunkt bildeten. Die meisten Breslauer Juden waren arm, nur Einzelne hatten in den Kriegszeiten, die das erste und die Hälfte des zweiten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts ausfüllten, ein Vermögen gewonnen oder erhalten; frühe Heirathen brachten großen Kindersegen, da ließ sich nicht leicht Geld zurücklegen. Die Industrie, die in späterer Zeit große Kapitalien anwachsen ließ, existirte noch nicht; die Schätze an Kohlen und Eisen, die der schlesische Boden birgt, waren noch nicht gehoben, das Land war in seinen Erträgen wesentlich auf den Ackerbau angewiesen, der oft versagte. Die großen Handlungshäuser waren in Breslau zumeist noch aus alter Zeit in christlichen Händen. Die Breslauer Juden waren größtentheils kleine Handwerker, Händler oder Agenten, die von der Hand in den Mund lebten, oder sie besaßen kleine Läden, Gewölbe, wie man damals in der alten Festungsstadt sagte, in der die Erdgeschosse der Häuser zumeist durch Wölbung gegen die Kanonen jener Zeit bombensicher gemacht waren. Der Großvater. Jacob Cohn, hatte eine Unterkollekte in der preußischen Staatslotterie erhalten, die Großmutter besaß außerdem eine jener hölzernen Buden, die damals noch in großer Zahl an den Häusern des Marktplatzes des Ringes angeklebt waren und seitdem bis auf einen geringen noch erhaltenen Ueberrest von der Stadt angetanst und beseitigt worden sind. In dieser Bude saß sie den ganzen Tag, Sommer und Winter, und verkaufte den Bauern und kleinen Leuten Kattun und Leinenzeug, sogenannte Schnittwaaren, nach dem Eüenmaß. Bei den Großeltern habe ich die Poesie des alten jüdischen Familien lebens kennen gelernt. Denn wenn die. Familie die Woche hindurch mit dem spärlichen Erwerb beschäftigt war. so war der Sonnabend der Sabbath. der Tag der Ruhe und der Weihe. Schon Freitag Abend wurde die Bude auf dem Ring, wie damals alle jüdischen Geschäfte geschlossen, die kleine Wohnung sauber aufgeräumt, die Tische mit weißen Decken belegt; wenn der Großvater vom Abendgebet aus der kleinen Privatsynagoge, „aus Schul", wie es hieß, zurückkehrte, erwarteten ihn die Frauen in der hellbeleüchteten Stube zum Feiertagsessen, gewöhnlich ein Fisch, gefüllter Hecht mit einer weißen Sauce, oder Karpfen (man sagt in Schlesien Karpfische) in polnischer Art, in Bier und braunem Pfefferkuchen gekocht und mit Rosinen reichlich versetzt. Vor jedem Essen wurde ein Segen, die „Broche", gesprochen, ein anderer Segen vor dem Genuß eines Gläschen süßen Ungarweines. Am Sabbath durste keine Arbeit verrichtet, nicht einmal Feuer angemacht werden; für dieses Geschäft sorgte eine christliche Bedienungsfrau. Nach dem Gottesdienst setzte sich der Großvater hinter sein hebräischer» Bücher, um sich daran zu erbaue»». Beim Mittagessen erschien oft eine gebratene Gans oder gar ein Truthahn, man sagte Allerhahn; niemals fehlte das „Schalet", ein Pudding, ähnlich dem englischenappIs-piH, gefttlltmit Aepseln und Rosinen, noch der „Barches". ei»» Striezel aus weißem Kuchenmehl, von den» jeder Gast, nachdem der Hausherr den Segen gesprochen, ein Stück auf seinen Teller bekam. Wenn wir Kinder den Großvater besuchten, wurden wir zuerst vou ihn» durch Auflegen der Hände aus den Kops gesegnet, gebenscht; dann legte er uns Fragen über schlvierige Stellen aus der heiligen Schrift vor und war glücklich, wenn der vorwitzige Knabe einen scheinbaren Widerspruch scharfsinnig lösen, oder er selbst uns einen dunklen Vers durch eine überraschende Interpretation ausklären konnte. Die Frauen, welche die Shnagoge nicht besuchten, »nachte»» oder empfingen am Sabbath Besuche von den Nachbarinnen oder gingen Nachmittags in ihre»» besten Kleidern aus der Promenade spazieren, doch durfte der Spaziergang nur so weit ausgedehnt »verden, daß er eine Erholung, nicht aber eine Arbeit wurde. In kleinen Orten ward aus den als Promenade benutzte»» Landstraßen durch eine»» in der Höhe quer über die Straße gezogenen Faden die Grenze bezeichnet, »vo umgekehrt »verden mußte, »veil darüber hi »»aus die verbotene Anstrengung begonnen hätte. Ganz besonders schön und poetisch waren die Festtage, vor allem das Osterfest, das Passah oder „Pessach". Am Tage vorher wurde jedes Bröckelchen des täglichen gesäuerten Brodes zusammengekehrt u»id verbrannt, an» Abend (alle Feste begannen mit Sonnenuntergang, sobald die ersten drei Sterne sichtbar wäre»») versammelte sich die Familie an der festlich geschmückten Tafel um den Großvater, der in einen» weißen Feierkleide, eine weiße, goldgestickte Kappe auf den» ehrwürdigen Haupte, die „Hagada" (Gohde) vorlas. Es ist dies eine in hebräischer Sprache abgefaßte. dramatisch ausgeschmückte Darstellung von der Befreiung der Inden aus der Knechtschaft, deren Eru»nerung das Passah feiert. Ji» Frage und Antwort werden die Kinder über die Bedeutung dieses weltgeschichtlichen Ereignisses belehrt; unter eine»»» Segensspruch wird die erste „Mazzeh", ein ungesäuerter, in eine große dünne, mit seine»» Löcherreihe»», wie unsere Briefmarken versehene Platte ausgewalzter und schwach gebackener Mehlteig, gebrochen und gegessen, der nun eine Woche lang, wem» auch ii» mannigfacher Zubereitung, die Stelle des Brodes vertreten sollte; das Andenken an die Leiden der ägyptischen Sklaverei wird durch den Genuß bitterer Kräuter versi»»»»licht. Nachdem der Wein gesegnet ist. wird ein Glas für den Propheten Elias hingesetzt, der nach der Legende am Osterabend wiederkehren sollte; seine Stelle vertritt gewöhnlich ein jüdischer Bettler. Bei»»» Nachhausegehen von dem „Seiderabend" (das war der Name des Festabends) leuchtete uns der nämliche Vollmond »»ach Hanse, der einst den ausziehenden Juden unter der Führung von Moses den Weg nach dem Rothen Meere erhellt hatte. Schön war auch das Laubhüttenfest, »vo in den enge»» Höfen der jüdische»» Häuser aus Brettern einfache Hütten zusammengezimmert waren, die. oben offen, mit grünen Laubzweigen gedeckt, eine Woche lang bei allen Mahlzeiten benutzt wurden. An» letzten Tage des Festes, der „Gesetzesfrende". begaben wirKinder uns in die Synagoge, festlich geputzt, mit bunten Fähnchen in der Hand, um der» feierlichen Zug mit anzusehen, wenn von dem heiligen Schrank im Osten des Rauines der kostbare, mit Gold gestickte Samrnetvorhang zurückgezogen* und die sämmtlichen Gesetzesrollen herausgeholt und von den Vorstehern feierlich durch die Synagoge getragen wurden, lange, ganznach antiker Art nur aus einer Seite beschriebene Pergamentrollen, in prächtige»», sammetenen und seidenen Hülle»», mit silbernen Stäben und Krone»» geziert. (Schluß folgt).

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