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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-17 · Heft 20 (17.5.1901) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 20 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
Seite 237 (sequence 11)
Language
German
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287 Daß Freiherr v. Mayer ein religionstreuer Jude war und blieb bis zu seinem Tode, daß er seine Söhne in demselben Sinne erzogen hat, ist wohl schon von Ihnen erwähnt worden. In wahrhaft vornehmer Weise übte der in seinem Privatleben so bescheidene Verstorbene die Pflichten, welche der Reichthum auferlegt: ein Freund der Armen, linderte er gar oft dem Beladenen den Schmerz, stillte dein Geängstigteu die Thronen, ohne das; die Welt davon erfuhr. Auch mancye öffentliche Anstalt hat nach dieser Richtung Hill seine Güte empfunden. Sie alle werden die offene Hand des Wohlthäters ebenso vermissen, wie die ihm Näherstehenden die heitere Gesellschaft des uneigennützigen treuen Freundes. Die Gattin hat an ihm einen liebevollen Lebensgefährten, mit dem sie in wenig Jahren die goldene Hochzeit zu feiern gedacht, die beiden Söhne einen in seltener Weise sorgenden Vater, die Stadt einen ehrenwerthen Bürger verloren, dem sie ein treues Gedächtniß bewahren wird. Möge die Erde ihm leicht sein! Ferdinand Cohn. Ein deutsches Gelehrtenleben. in Buch, das für den engeru Kreis einer ausgebreiteten Familie bestimmt war, tritt nunmehr an die Oeffentlichkeit und wird sicher auch dort die Erinneruug an rillen ausgezeichneten Mann bei allen Denen erhalten, die ihn gekannt und geliebt haben.h Das Lebensbild Ferdinand Cohns, des berühmten Botanikers, ist kein vollständiges, aber es enthält doch vieles, ja das meiste von dem, was mall zu wissen wünscht. Für die treue Gattin, die ihrem Manne bis zu dessen Tode liebreich zur Seite gestanden, war die ernste, heilige Arbeit ein Lebenszweck; sie darf jetzt mit Genugthuung sagen, daß sie in den Herzen Derer, die für den Forscher wie für den Menschen ein warmes Interesse haben, sein Bild wieder ausgefrischt hat, „mit allen wechselvvllen Empfindungen seiner Jugendzeit, mit der Abgeklärtheit seiner reifen Jahre". Für unsere Zwecke ist natürlich nur das von Interesse was Jllden und Judenthum berührt. Ferdinand Cohn ist seinem Glauberl trotz vieler Verlockungen und Versuchungen ms zum Tode treu geblieben. Er war, so viel wir wissen, der rste Jude, der sich als solcher und ohne seinen Glauben zu erlengneu, eine ordentliche Professur in Preußen erworben hat. Darum ist sein Lebensbild auch für die Geschichte der Juden im 9. Jahrhundert von nicht geringer Bedeutung. In den letzten Normten seines Lebens hatte er angefangen, eine Selbstiographie zu schreiben, aber sie ist leider nicht über die ersten mpitel hinausgekommen, in denen er die Vorfahren, die Kindheit und die Schule schildert. Für uns sind gerade diese Mlter von höchstem Interesse; wir geben sie deshalb volländig wieder: In der südwestlichen Ecke der Stadt, zwischen Stadtgraben und hle. lag die Judenstadt, das Breslauer Ghetto. Zwar war dasselbe icht wie anderwärts durch Thore gegen die christliche Stadt abeschloffen, doch nach alter Gewohnheit drängten sich die Juden in unen Gäßchen und Gassen zusammen, und nur Einzelne wagten ainals ihre Läden und Wohnungen an den benachbarten Plätzen und -traben jenseits der Ohle aufzuschlageu. Die Inden waren nach lleslau schon um die Mitte des 13. Jahrhunderts gekommen, zugleich 9 Ferdinand Cohn. Blätter der Erinnerung. Zusammengestellt ' m seiner Gattin Pauline Cohn. Breslau 1901. I. U. Kerns Verlag. mit den deutschen Kolonisten, welche das von den Mongolen 1242 eingeäscherte polnische Städtchen wieder aufbauten; im Laufe des Mittelalters wurden sie mehrere Male aus Schlesien vertrieben und hatten sich dann in dem nahen Polen angesiedelt, wo sie unter dem Schutze der Edelleute, die ihrer als Geldverleiher und Händler bedurften, eine Menge kleiner Städte mit fast rein jüdischer Bevölkerung gegründet, ihre deutsche Muttersprache aber im stavischen Lande, wenn auch im eigenen Dialekt, durch die Jahrhunderte bewahrt hatten. In Breslau bestand seit der preußischen Besitznahme eine große jüdische Gemeinde; doch war noch am Anfang dieses Jahrhunderts die Zahl der Juden, die hier bleibenden Wohnsitz haben durften, gesetzlich beschränkt, und die Uebrigen, die für den Handel der Stadt nicht zu entbehren waren, wurden mir unter dem Titel von Komtorlind Hausdienern zugelassen. Ihre Leichen mußten, wenn sie in Breslau starben, znm Begräbniß nach einem der benachbarten Städtchen geschafft werden, zumeist nach Dyhrenfurth, wo unter dem Schlitze des mächtigen Ministers von Schlesien, des Grafen Hoym, eine ansehnliche jüdische Gemeinde sich niedergelassen hatte. In Dyhrensnrth wohnte auch mein Großvater, Jacob Cohn; er war dort als Korrektor in der hebräischen Druckerei beschäftigt, aus der eine große Menge von Ausgaben der jüdischen.Gebetbücher und der biblischen Schriften hervorgegangen sind, der hebräische Text in der schönen großen Quadratschrift mit der deutschen Uebersetzung von Moses Mendelssohn und den rabbinischen Kommentaren in kleinerer Kursivschrift am Rande und Fuß jeder Seite. In Dhhrenfurth ist auch mein Vater. Isaak Cohn, am 25. August 1806 geboren worden, hier ruht auch seine Mutter Blümchen, geborene Steinmann, auf dem jüdischen Friedhof, der. inmitten des herrlichen Schloßparks gelegell, mit seinen alten, verwitterten Leichensteinen ein Ruisdael'sches Bild gewährt. Nach ihrem Tode war der Großvater nach Breslau gezogen und hatte sich znm zweiten Mal verheirathet; aus dieser Ehe war eine Tochter Fanny entsprossen, die 1883 als Excellenz von Chwolsony in Petersburg gestorben ist. Das Breslauer Ghetto hatte seinen Mittelpunkt all dem Judenplatz oder Carlsplatz, dem I'orum eluüneorum, einem kleinen unregelmäßigen Platz, von dem fünf bis sechs Gasseil nach allen Himmelsgegenden ansstrahlten; unter diesen war die vornehmste die Carlsstraße mit einer Anzahl stattlicher Häuser, die von dem Wohlstand ihrer Erballer und Besitzer zeugten. Mitten unter ihnen hatte König Friedrich der Große seinen Palast im reinsten Rokokostil geballt, wenige Häuser davon entfernt lag die calvinistische Hoskirche mit dem reformirten Friedrichsgymnasinm; ein Haus in der Nähe hatte Ephraun Kuh gehört, dein ersten Juden, den die deutsche Literaturgeschichte als lyrischen Dichter nennt. In der Carlsstraße befanden sich auch einigejeuer Herbergeil orientalischer Art, wie sie Gustav Freytag in „Soll und Haben" aus Krakau geschildert: eine hohe Einfahrt führte in den großen Hof, in dem die Fnhrmannswagen aus Polen. Rußland und Ungarn ihre Unterkunft fanden; er war von einfachen Gebäuden eingefaßt, in deren Erdgeschoß die Magazine und Stallungen lagen, während in den oberen Stockwerken, durch Holzgalerien von außen verbunden, die Wohnungen der Fuhrleute und Händler sich befanden, lauter polnische Juden, in langem schwarzen Kaftan, die niedrige, ost mit Fuchspelz verbrämte Mütze aus dem Kopse, mit dem scharfen Profil, dem langen Bart und den beiden Löckchen zur Seite. Einzelne größere Stuben dienten ihnen als Gebetsränme oder Schulen, in denen am Sabbath und Feiertagen Gottesdienst gehalten wurde. An ihrem westlichen Ende wurde die Carlsstraße von der Granpenstrnße gekreuzt; in dem ersten Stock des Eckhauses lag die kleine Wohnung, in welcher ich geboren wurde. Mein Vater hatte, wie es damals bei den ärmeren jüdischen Familien üblich war, den ersten Unterricht in einer jüdischen Elementarschule erhalten; hier wurde den Kindern das Lesen und nothdürftige Verstehen der hebräischen Gebete und der Thorah oder der fünf Bücher Moses nach primitiven Methoden beigebracht, im Schreiben die hebräische Kursivschrift geübt. Das Deutsche lernte man wohl lesen, aber weder richtig sprechen noch geläufig schreiben. Später wurde der begabte, lernbegierige Knabe nach Nawitsch, einer kleinen Stadt der Provinz Posen an der schlesischen Grenze, geschickt, wo eine zahlreiche Verwandtschaste lebte, und ein frommer Rabbi eine höhere Schule hielt, in welcher er seine Zuhörer in die Tiefen talmndischer Gelehrsamkeit 9 Die Gattin des bekannten Orientalisten Prof. Chwolsvn.

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