Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
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235 Aus dem Gebiete der Armenpflege geschieht ja manches seitens der hier bestehenden Vereine, aber es bleibt doch noch recht viel zu thun übrig. Nicht immer wird seitens der Vorsteher und Leiter wohlthätiger Vereine den Armen und Hilfsbedürftigen gegenüber mit dem Wohlwollen verfahren, das die Mitglieder solcher Vereine wünsche» und voraussetzen. Das kommt daher, daß die Vorstände solcher Vereine nicht immer aus Männern bestehe», die ein Herz zum Geben haben, die selbst geben und deshalb auch im Sinne der beitragenden und spendenden Mitglieder der Vereine freudigen Sinnes ohne ohne Engherzigkeit die Gaben, da wo es angebracht ist, schnell und freudig vertheilen. Rasche Hilfe, doppelte Hilfe! wird nicht immer beherzigt, auch läßt die Behandlung der Hilfsbedürftigen manchmal das Wohlwollen vermissen, welches der Gabe erst den höheren Werth verleiht. Man sollte bei den Wahlen zum Vorstand der verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten etwas mehr Umsicht obwalten lassen, die rechten Leute an den rechten Platz wählen und vor allen Dingen nicht, wie es leider fast Brauch und Sitte geworden ist, einzelne Herren mit Ehrenämtern für die verschiedenen Wohlthätigkeitsvereine und Anstalten förmlich überschütten. Diesen Herren muß allmälig die Fülle von Würden und Ehrenämtern, die sich auf sie vereinigt, die Selbstschätzung in einem Maße steigern, daß es schon zum Uebermaß wird. In gleichem Verhältniß wächst dann mit der Zunahme der verschiedenen Würden bei diesen Würdenträgern der feste Glaube an die Bedeutung der eigenen Person für das öffentliche Leben und namentlich für die öffentliche Wohlthätigkeit, und aus diesem Glauben heraus entwickelt sich leicht ei» Bewußtsein eigenen Verdienstes und eine starres Festhalten an meist veralteten Ideen oder sogenannten „Erfahrungen", wodurch ihre Maßnahmen nicht selten den Charakter der Härte erhalten, und die erzeigte „Wohlthat" für den damit Beglückten zur Plage werden läßt. Auch kommt es vor, daß der Einfluß eines derartig mit Aemtern überhäuften Würdenträgers sich auf eitle Anzahl von Wohlthätigkeitsvereinen und Anstalten erstreckt, und sein Geist und seine Anschauungen bei diesen allen maßgebend werden. Das hätte nun sein Gutes, wenn es nicht meist der „Geist, der stets verneint" wäre, der durch solche Würdenträger zur Haltung und zu einer schwer auszurottenden Herrschaft kommt. Der Einfluß dieser Herren geht so weit, daß manche Wohlthätigkeitsverwaltungen geradezu auf die Pers on eines solchen allgewaltigen Würdenträgers zugeschnitten sind, und sein Wohl- oder häufiger Nichtwohlw ollen bestimmend wird für die dort gefaßten Beschlüsse. — Man sollte deshalb grundsätzlich keine derartige» offiziellen, mit Ehrenämtern überhäufte Würdenträger schaffen, sondern lediglich dazu geeigneten, mit gutem Herzen und klarem Verstände ausgestatteten Personen niemals mehr als ein Ehrenamt anvertrauen. Verwalten sie ein solches gewissenhaft und vor allem wohlwollend im Sinne ihrer Wähler und im Dienste wahrer Humanität, dann erwerben sie sich Verdienste in genügendem Maße und fördern vor allen Dingen die Zwecke und Bestrebungen, welchen die betreffenden Vereine dienen und iür welche die Mitglieder der Vereine gern und freudig die Mittel gewähren. Die Wohlthätigkeit ist eine zarte Blume, die ihre schönsten Blüthen im Verborgenen entfaltet. Es giebt Gott sei Dank, namentlich in der Frauenwelt, noch viele im Stillen wahre Mildthätigkeit Ausübende, die es nicht gerne sehen, ja, es direkt untersagen, daß von den Werken der Liebe und Barmherzigkeit, die sie ausübe», etwas a» die Oeffentlichkeit gelangt. Diesem Wunsche muß auch ich Rechnung tragen, sonst würde ich des Wirkens zweier Damen unserer ersten Kreise gedenken, stets bereit, alle edlen Bestrebungen zu fördern und zu unterstützen. Die eine dieser Damen Iran L. F., hat sich hervorragende Verdienste erworben uni die edle Gesangskunst, indem sie vorzugsweise junge, talentvolle Sängerinnen, die sich der künstlerischen Laufbahn widmen wollen, thatkräftig unterstützt, sie in jeder Weise in ihren Bestrebungen fördert, und.selbst Kennerin und Sachverständige aufmusikalischem Gebiet, denselben auch beratheud und beurtheilend znr Seite steht. Diese Dame in Verbindung mit einer anderen kunstsinnigen Dame, Frau S. B., protegirte ein Konzert, dessen Ertrag zur weiteren musikalischen Ausbildung zweier angehender Sängerinnen bestimmt war. Das Konzert fand am 2l, April in der „Philharmonie" statt und hatte einen bedeutenden künstlerischen. aber auch einen recht erfreulichen materiellen Erfolg. Die musikalische Leitung der Aufführung lag in den Händen der Gesangslehrerin Frau Else Schneider, deren Lehrmethode der Ueberlieferung des berühmten Gesaugmeisters Professor Karl Schneider folgt. Es gelangten Einzelvorträge, Duette und Terzette aus unseren beliebtesten Opern in vortrefflicher Weise zur Aufführung. Von den mitwirkenden Kräften seien mit Auszeichnung genannt die Damen Johanna Lohne» nnd Adele Hoffstadt, sowie Herr Conradin Kreutzer, ans der Gesangschule von Frau Else Schneider, ferner die Damen Frieda Levy und Anna Schwertzell, Schülerinnen des Konservatorinins, die Proben gediegenen Könnens ablegten. Fräulein Else Heineberg, Schülerin des Konservatoriums, hatte einen wohlverdienten großen Erfolg als Pianistin. Die Begleitung der Gesänge hatten die Damen Else Schneider und Fränces Moses übernommen und entledigten sich ihrer Aufgabe mit großer Meisterschaft. — Am Abend vorher gab der hiesige Männergefangverein „Kölner Liedertafel" unter Leitung seines Dirigenten, Herrn S. Herz, Lehrer am Konservatorium, ein großes Festkonzert im Saale der Lesegesellschast, dessen Reinertrag zum Besten des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache bestimmt war. Dieses Konzert hatte eineil besonderen Reiz durch die Mitwirkung der genialen, sehr gefeierten Künstlerin Fräulein Ottilie Metzger, des Baritonisten Herrn Richard Breitenfeld vom hiesigen Stadttheater und des Komponisten und Pianisten Herrn Ernst Heuser, Lehrer am Konservatorium. Da wir nun einmal bei den schönen Gesangskünsten sind, sei zum Schluffe eines verdienten Gesangsmeisters und Schöpfers herrlicher Gesänge, unseres Kantors I. Blumenthal, gedacht, der Mitte Juni d. I. auf eine höchst erfvlg- und segensreiche 25 jährige Wirksamkeit als Kantor der Kölner Synagogengemeinde zurückblicken kann. —^Kantor Blumenthal gehört zu den Meistern seines Faches, zu den seltenen Persönlichkeiten, die in ihrem Berufe förmlich aufgehen, deren ganzes Sein und Wesen auf das Innigste verwachsen ist mit ihrem Beruf und den mit diesen: zusammenhängenden Ausgaben. Sein großes Können, seine musikalische Erfindungsgabe, die ihn wahre Perlen des Synagogengesanges schaffen ließ, seine herrliche, sympathische, alle Herzen gewinnende Stimme und die vollendete Meisterschaft im Vortrage stempeln ihn zu dem geborenen Vertreter des vo» ihm erwählten und geliebten Berufes. Da sich zu diesen glänzenden Eigenschaften