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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-17 · Heft 20 (17.5.1901) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 20 (17.5.1901)
Date
1901-05-17
Page
Seite 234 (sequence 8)
Language
German
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234 gerungen. Die den Eintritt ausländischer Juden abwehrenden Paßbestimmungen sollte man bei den bevorstehenden Berathungen der Handelsverträge endlich einmal ganz beseitigen; sie sind ein Hohn ans die Kultur. Der Schweizer Jurist Professor Temine, der vor den Schergen der Reaktion nach der Schweiz geflüchtet war, sagte einmal ironisch: „Und dennoch hat Rußland mit dieser Grenzsperre so gar Unrecht nicht. Die russische Regierung darf das Eindringen der von Westen vorschreitenden Kultur min einmal nicht dulden. Der russische Koloß müßte nothwendig einer Veränderung anheimsallen, wenn der Freiheit von Westen her ein Ueberschreiten der Grenze gelänge. Die russische Freundschaft, so schwer auf Deutschland lastend, ain schwersten aber die Preußischen Ostprovinzen treffend, hat hier mit zerstörender Hand in die Verkehrsverhältnisse eingegriffen." So schlimm, wie es der unglücklich gewordene alte Achtundvierziger hier zeichnet, ist ja jetzt das Bild unserer Grenzbeziehungen schon lange nicht mehr. Aber Vorsicht gegenüber drohenden Rückschlägen ist geboten. Darum rechtzeitig auf die Schanzen! „Bahnet, bahnet den Weg!" Srirf aus Köln. Bo» Hermann MoseS. Köln, im Mai. /(A^ie bekannte Meinungsverschiedenheit zwischen Vorstand und Nepräsentantenversammlung aus Anlaß derJnterpellation Peltasohn schien keine ernsteren Folgen nach sich ziehen zn sollen. Die königliche Negierung hatte bald nach Erhalt der Rüütrittserklnrung des Gesammtvorstandes letzteren ersucht, ihr den Grund seines Vorgehens anzugeben. Das geschah, und hierauf war lange Zeit alles ruhig. Da traf, mehrere Monate nach dein Zwischenfall, vor einigen Tagen seitens der Negierung die Genehmigung des Rücktrittsgesuches ein, gleichzeitig wurde verfügt, daß die Neuwahl des Vorstandes innerhalb vier Wochen vorzunehmeu sei. Nachdem sich die ausgeregten Gemüther in der Zwischenzeit wieder beruhigt hatten, wäre es den friedliebenden Kreisen unserer Gemeinde gar nicht unangenehm gewesen, wenn der bisherige Stand der Dinge in der Gemeindeverwaltung unverändert geblieben wäre. In diesen Kreisen würde man es aufrichtig bedauern, wenn durch eine Neuwahl des Vorstandes bisherige Mitglieder desselben der Verwaltung entzogen würden, die sich durch ihre persönlichen Eigenschaften großer Beliebtheit in allen Kreisen der Gemeinde erfreuen, und die jeder Verwaltungskörperschaft zur Zierde gereichen. Die Stellungnahme zu einem Einzelfall kann das Gesammturtheil über daß Wesen und das bisherige verdienstvolle Wirken dieser Männer nicht beeinträchtige». Zudem hat unsere und haben auch wohl andere Gemeinden keinen Ueberfluß an Männern, deren vornehme Gesinnung, Menschenfreundlichkeit und Herzensgüte sie vor allein zur Ausübung des höchsten Ehrenamtes, welches die Gemeinde zu vergeben hat, berechtigt und berufen erscheinen lassen. Es steht zu hoffen, daß über die Wiederwahl dieser Männer zwischen den Repräsentanten beider Parteien recht bald eine Verständigung erzielt wird. Im Repräsentautenkollegium werden hoffentlich die gemäßigten Elemente beider Richtungen einflußreich genug sein, die radikal gesinnten Elemente in Schach zu halten, damit die Personenfrage nicht gegen die Prinzipiensrage zurücktritt. Die Zusammensetzung des Vorstandes einer großen, in schönster Entwickelung begriffenen Gemeinde darf sicherlich nicht auS» schließlich von dem Gesichtspunkte auS beurtheilt werden, ob die betreffenden Herren zu den Orgelfrennden oder Gegnern zählen. Der Streit um die Orgel dürfte hier das entscheidende Wort nicht sprechen, weil es doch noch weit wichtigere und größere Dinge im Gemeindeleben giebt als eine vermeintliche „Verschönerung" des Gottesdienstes durch Orgelklang. Die nächsten Wochen werden ja zeigen, welche Geister im Repräsentantenkollegium zur Geltung gelangen. — Daß in unserer, nicht mit Unrecht als materiell bezeichneten Zeit noch immer Männer vorhanden sind, deren menschenfreundliche, ideale Gesinnung jeder Zeitepoche zur Ehre gereichen kann, beweist die dem Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwach e Hierselbst zu Theil gewordene Schenkung im Betrage von rund 270006 Mark seitens des Bankiers Sir Ernst Cassel in London. Dieser Philantrop, ein geborener Kölner, machte die großartige Schenkung in Erinnerung an seine verstorbenen einstigen Lehrherren Jacob Löb und Julius Eltzbacher vom Hanse I. L. Eltzbacher <L Cie. in Köln, Mitstifter des Asyls. Die Anstalt, mit welcher eine für den südlichen Stadttheil höchst segensreich wirkende Poliklinik verbundeu ist, wird auch von der christlichen Bevölkerung stark und gern benutzt. Die vorhandenen Räume reichen aber bei weitem nicht aus. den von Jahr zu Jahr sich steigernden Ansprüchen zu genügen, und so kommt die Schenkung gerade zur rechten Zeit, um dem Kuratorium des Asyls zur Ausführung eines längst geplanten Neubaues zu verhelfen. Möchte die hochherzige Stiftung in den Kreise» unserer Gemeinde Schule machen und - wenn auch in bescheidenem Maße — recht häufig Nachahmung finden. So könnten sich edle Menschenfreunde ein großes Verdienst durch Einrichtung einer jüdischen Volksküche in Köln erwerben. Eine solche Volksküche nach dem Muster der hier in verschiedenen Stadttheile» bestehenden Speiseanstalten desVereins für Volkswohl ist für das große Köln eine dringende Nothwendigkeit. Sie würde zur größten Wohlthat für viele Hunderte, ja Tausende von Besuchern dieser wohlthätigsten sozialen Einrichtung werden. Lehrlinge und angehende Handlnngsbeflissene, Besucher höherer Lehranstalten, Gesellen, kleine Handel- und Gewerbetreibende, Passanten beiderlei Geschlechts bilden die regelmäßigen Besucher dieser Volksspeiseaiistalte», wo sie um ein Geringes, im Nothfalle auchumsonst, nahrhafte Speise und Trank erhalten, in einer sauberen, freundlichen Umgebung und in Formen, die der gute Geschmack diktirt. Welch ein Gegensatz zu dem „Garküchenwesen", in irgend einem dunklen, abgelegenen Gäßchen der Stadt unzureichend eingerichtet, ohne Kontrolle, wo die Hungrigen und Durstigen sich selbst überlassen sind und froh sein müssen, wenn sie in einer „Schlafstatt" noch ein Nachtquartier finden. Mit einer solchen Volksspeiseanstalt müßte natürlich ein Asyl für Obdachlose und zugereiste Passanten verbunden werden. Diese große Lücke in unseren Wohlfahrtseinrichtungen muß schleunigst ausgefüllt werden; der bisherige Zustand der Dinge ist einer deutschen Großgemeinde in einer reichen Stadt unwürdig. Es wäre die höchste Zeit, daß sich in Köln ein Komitee energischer Männer und Frauen, die ein warmes Herz sür die vielen vom Geschick minder begünstigten Mitbürger haben, bildete zur Gründung einer jüdischen Volksspeiseanstalt, verbunden mit einem Asyl für Obdachlose.

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