Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1901)
- Date
- 1901-05-17
- Page
- Seite 233 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der kleine Produktenhändler, wohlhabend geworden, zog nach einer größeren Stadt und wurde der Kommissionär seines früheren Kollegen in der Provinz — dies der Ursprung unserer größeren Kommissioushäuser." Strousberg, der seine Betrachtungen nach seinem finanziellen Zusammenbruch niedergeschrieben hat, knüpft an das schnelle Auskommen der Juden als Führer des Handels einige tadelnde Bemerkungen. Sehr mit Unrecht. Man hat den Inden geschichtlich daran gewöhnt, sich schnell den Verhältnissen anzupassen! Allerdings kamen im östlichen Grenzhandel zeitweise fast an kalifornische Verhältnisse erinnernde schnelle Umschläge vor, große Vermögen wurden gewonnen, sie zerronnen aber auch, und an Stabilität läßt auch heute der Handel mit Rußland noch manches zu wünschen übrig. Einzelne Städte — und mit ihnen große jüdische Gemeinden von ca. 1000 Seelen — sind erst infolge der Eisenbahnen im Osten emporgekommen aus kleinen Anfängen. Während des Krimkrieges z. B. waren die russischen Häfen durch englische und französische Kriegsschiffe blockirt, und der ganze Handelsverkehr zog sich durch Ostpreußen. Heute kann eine schädliche Tarifpolitik, die unfern Handel mit Rußland lahm legt (wie sie unsere Agrarier, nicht aber die Neichsregierung, die an den Handelsverträgen festhält, wünschen), die blühende Entwickelung unserer jüdischen Gemeinden im Osten durch einen Schlag auf lange hinaus untergraben. Doch einstweilen dürften den Antisemiten diesen Traubeil noch zu inner sein. Als unter Caprivi der deutsch-russische Handelsvertrag verathen wurde, führten die auf hohe Getreidezölle erpichten Agrarier eine Sprache wie einst die Führer des „Bundschuh" n den Bauernkriegen, und sie drohten sogar mit einem Kriege mit Rußland. Auch in Rußland haben die Panslavisten, denen ede größere Anlehnung an den „verfaulten Westen" ein Greuel ist, zeitweise eine drohende Sprache geführt. Bei einem solchen strieg, an den ja Gott sei Dank nicht zu denken ist, und der in großes Unglück für die Kultur wäre, würden nicht nur hüben, sondern auch drüben die russischen Juden in den uns enachbarten Grenzgouvernements, deren Zahl sich Wohl auf >rei Millionen beläuft, furchtbar leiden. Wie man den Einfluß dieses Faktors bei solchen Zukunftserspektiven einschätzt, beweist ein wenig bekannt gewordener ntereffanter Ausspruch, den der bekannte Panslavistische Schriftteller Katkow in seinen einst so einflußreichen „Moskowski Ajedoniosti" gelegentlich der russischen Judenhetzen that. Er agte: „Laßt uns den Juden an Rußland fesseln, denn da er > ei dem Zwischenhandel auf unseren Grenzströmen (Weichsel >nd Memel) so mächtig ist, so könnte er es im Falle eines Krieges mit den Deutschen halten." Ja, die Zeiten, in denen der Jude in unseren Grenzvrovinzen nur als Faktor eines einflußreichen Magnaten demüthig mit abgezogenem Hute in der Hand vor dem Feudalherrn dastand, sie sind Gott sei Dank für immer vorüber. Hüben sowohl wie drüben haben sich eigenartige, aber ihrem -ande treu ergebene jüdische Typen herausgebildet. Mau kann wohl sagen, daß der jüdisch-russische Großhändler, der in Danzig oder Königsberg heute Geschäfte macht, oft bereits mehr Russe als Jude ist. Früher waren es das „jüdische Wissen", die gemeinsamen Schätze der hebräischen Litteratnr, die beide Typen, den deutschen wie den russischen Juden, auch kulturell vereinten. Heute will die junge und allerjüngste Generation jüdisch-russischer Kaufleute, welche sich des Getreide¬ oder Holzhandels wegen in unseren Grenzgemeinden im Sommer einige Monate aufzuhalten pflegen, vom Judenthnm selbst gar zu wenig wissen und es gehört zum guten Ton bei dieser Neuaristokratie, alles spezifisch Jüdische in bekannter Manier zu bewitzeln. In den eigentlichen Centren steht es besser damit; man hat mehr Charakter, und die junge Generation ist für Ideale begeistert, — aber gerade im Grenzverkehr treten weniger durchgebildete als geschäftlich sehr gewandte Persönlichkeiten hervor. Einsatz wie Gewinn sind sehr hoch, und es wird dementsprechend gelebt. Alle Rabbiner unserer Grenzgemeinden rühmen aber den hohen Wohlthätigkeitssinn dieser „Greuzjuden". Die Entwickelung des Judenthnms auf deutscher Seite, in Gemeinden wie Breslau, Glogau, Thor», Danzig, Königsberg, ist in Bezug auf Bildung und Besitz eine hocherfreuliche. In einer Grenzgemeinde von 1000 Seelen wie Tilsit war ich vor 30 Jahren der erste jüdische Abiturient, Verein Gymnasium absolvirt hatte; es war wohl noch vor mir einmal dort ein Jude nach der Universität gegangen, aber er hatte sich taufen lassen und zählt daher hier nicht mit, wenn er auch — und auch das ist charakteristisch — noch heute dort oben als Arzt (er hatte auch viel jüdische Praxis) lebt. Heute haben wir in den deutschen Gemeinden an unserer Grenze eine entsprechende Zahl von jüdischen Richtern, Aerzten, Rechtsanwälten (ja sogar Notaren) und Fabrikanten. Die russischen Jude» wollen es meist nicht glauben, wenn man ihnen erzählt, daß der und der Gerichtsrath Jude ist, da bei ihnen jetzt selbst die Advokatur für die Juden gesperrt ist. Unsere Agrarier möchten es auch bei uns gern wieder dahin bringen. Darinn gilt noch heute das Prophetenwort: „Lrmilu, Sennin, prum ckoreed!" Bahnet, bahnet den Weg! mehr als je für unseren Osten, der im Zeichen des steigenden Verkehrs, noch einer glänzenden Zukunft entgegeugeht. Wir leben gar schnell heute. Der bereits genannte B. H. Stronsverg war es, der die heute für den Grenzverkehr so wichtigen Eisenbahnen, wie Tilsit—Insterburg (erst seit Insterburg durch die Erbauung der Ostbahn Bahnstation wurde, hat es auch eine langsam aber stetig aufblühende jüdische Gemeinde), die Ostpreußische Südbahn, die Märkisch —Posener Bahn rc. gebaut hat. Jüdische Finanziers, wie der in den Annalen der Synagogengemeinde Königsberg unvergießliche Moritz Simon, haben diese Bahnen finanzirt, ohne die wir statt des unzähligen Juden wie Christen Brod schaffenden regen Grenzhandels mit seinen aufblühenden Centren trübselige Landstädtchen mit ihrem engen geistigen Horizont an unserer Grenze hätten, während heute von Kattvwitz bis Tilsit sich eine Reihe von jüdischen Gemeinden hinzieht, deren Entwickelung viel für unsere Zukunft hoffen läßt. Das Absperrnngssystein muß aber noch mehr als heute bekämpft werden. In hundert Jahren wird man es sicher nicht mehr verstehen, wie zwei große Reiche sich durch solche vexatorische Sperrmaßregeln den Segen gemeinsamen kulturellen Wirkens so sehr erschweren konnten. Mit Mühe und Noth hat man den Ältrussen die drei Eingangspforten der Eisenbahn bei Thorn—Alexandrowo, Marienburg-Mlawa und Wirballen für den Eintritt in das „heilige Rußland" ab-