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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-10 · Heft 19 (10.5.1901) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Lcrliu. 10. Mai 1901. Weikrge zur „Ungemeinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 1. Mai. Die heutige Versammlung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" war Leider nicht sehr zahreich besucht, was um so mehr zu bedauern war, als der hochinteressante und sehr instruktive Vortrag des Herrn Dr. med. Franz Oppenheimer über „Genossenschaftliche Kolonisation im Dienste der osteuropäischen Juden" ein bei weitem stärkeres Auditorium wohl verdient hätte. In lichtvollen, klar durchdachten und außerordentlich leicht verständlichen Ausführungen empfahl der Redner, nm den osteuropäischen Inden eine menschenwürdige Existenz zu schaffen, die Aeberleitung derselben znr Landwirthschaft in der Form landwirthschaftlicher Arbeiter-Produktivgenossenschaften, würdigte eingehend an der Hand einschlägigen Materials die großen Vorzüge dieses Verfahrens und gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß ihm bisher die materielle Unterstützung von jüdischer Seite znr Ausführung seines Vorschlages gemangelt habe. Wir beschränken uns auf diese kurze Inhaltsangabe des Vortrages, der sehr lebhaften und wohlverdienten Beifall fand, und freuen uns, unseren Lesern mittheilen zu können, daß wir den Vortrag selbst bereits in der nächsten Nummer zu geben in der Lage sein werden. In der Diskussion zu diesem Vortrage gab Herr Dr. Hildesheimer sehr interessantes Material aus der jüngsten Zeit über das erfreuliche Gedeihen der jüdischen Kolonien in Palästina und Argentinien und wies die häufig vertretene Meinung zurück, als ob die Krisen dieser Kolonien ihre Ursache iu der mangelnden Eignung Derjenigen gehabt hätten, mit denen diese kolonisatorischen Versuche unternommen waren. In Argentinien sind die Kolonisten in der Lage gewesen, im letzten Jahre nicht weniger als 200 000 Frauken zurnckzuzahlen, und dieser Erfolg hat die ^svvisb Uolonisntiou ^ssoei'ution ermnthigt, mit der Nenansiedelung voll 450 Familien vorzugehen, was einen Kostenaufwand von 1 Million erfordert. Die Kolonien in Palästina hat General Gordon besucht und den dortigen Bauern das denkbar beste Zeugniß ausgestellt. Auch das russische landwirthschastliche Ministerium hat den jüdischen Kolonisten, welche sich in den zahlreichen russischen Kolonien bethätigen, eine glänzende Anerkennung zu Theil werden lassen und den Kolonisten nicht nur neues Areal znr Bebauung überwiesen, sondern ihnen auch angesichts des dortigen beklagenswerthen Nothstandes eine recht namhaste materielle Subvention zugewendet. — In den geschäftlichen Mittheilungen konnte der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Horwitz die erfreuliche Thatsache melden, daß die Zahl der Vereinsnütglieder wieder um mehrere Hundert gestiegen ist. Der Verein zählt in allen Erdtheilen und allen Ländern Mitglieder, so traten erst jüngst zwei Herren aus Magdalena in Mexiko mit dem allsehnlichen Beitrage von je 100 Mark dem Verein bei. In Bamberg (Bayern) sind dank der opferwilligen Thütigkeit des Herrn Treumann fast sänuntliche jüdischen Steuerzahler Mitglieder des Vereins geworden, in Posen, das in dieser Beziehung für Bamberg mustergiltig war, hat sich nunmehr eine spezielle Gruppe des Vereins gebildet, welche sehr segensreich wirkt. In Hamburg haben sich die Vereinsmitglieder neuerdings organisirt und konnten nach der letzten Versammlung, in welcher das hiesige Vorstandsmitglied Dr. Wiesenthal sprach, den erfreulichen Zuwachs nm 166 Mitglieder verzeichnen. Mit Recht bezeichnete es der Vorsitzende als eine Schande, daß der Verein in Berlin nur a. 3000 Mitglieder zählt, ein Bruch theil. welcher geradezu verschwindend genannt werden muß im Verhältniß zu anderen Städten, und richtete eitlen warmen Appell an die Vereinsmitglieder und deren Frauen, im Interesse des Vereins zu wirken. §2 Berlin, 5. Mai. Die Erziehungsanstalt für jüdische Knaben, die durch Nichterspruch der Fürsorgeerziehung überwiesen werden, ist nunmehr in Nepziu bei Schivelbein in Pommern unter der Leitung des Herrn Erziehungsinspektors Siegst'. Rosenbaum eröffnet worden. Selbstverständlich ist die Erziehung eine streng religiöse, und die Verpflegung eine jüdisch-rituelle. Iu Nebereinstimmnng mit dem Oberpräsidenten der Provinz Pommern hat Rabbiner Dr. Vogel stein in Stettin die religiöse Ueberwachung der Anstalt übernommen. Berlin, 7. Mai. Die Schulvorsteherinneltprüfung hat Fräulein Anna Peltesohn, die Leiterin eines Unterrichtsinstitnts im Westen Berlins, mit Erfolg abgelegt. Es verdient dieser Umstand darum Erwähnung, weil nur in ganz vereinzelten Fällen jüdischen Lehrerinnen dieses Ziel erreichbar ist. Die wenigstell vermögen den Nachweiseines mehrjährigen Unterrichts an öffentlichen Lehranstalten zu führen. Fräulein Peltesohn dürfte die erste jüdische Jnstitutsvorsteherin sein, die dank der erworbenen Qualifikation berechtigt ist. schulartig erweiterte Zirkel zu leiten, und die auch die Absicht hegt, solche im Westen unserer Stadt einzurichten. 2^2 Berlin, 3. Mai. Der Meineidsprozeß gegen den Fleischergesellen Moritz Lewy in Könitz sollte am 26. v. M. vordem zweiten Strafsenat des Reichsgerichts in der Nevisionsinstanz znr Verhandlung gelangen. Der Termin ist indessen vorher aufgehoben und der neue auf den 10. Mai, Vormittags 9 Uhr anberanmt worden. Ueber den Grund der Vertagung erfahren wir, daß die beim Reichsgericht befindlichen Akten vom Strafsenat des Oberlandesgerichts zu Marienwerder behufs Erledigung einer vom Vertheidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Sommerfeld in Berlin, gegen eine Verfügung des LandgerichtsdirektorsSchwedowiß eingelegte Beschwerde eingefordert worden sind. Vermnthlich handelt es sich um die wichtige Vorfrage der Protokollergänzung respektive Berichtigung. Bei der großen Bedeutung der Sache dürfte der Vertheidiger des Angeklagten die von ihm eingelegte Revision im Termin vor dem Reichsgericht persönlich vertreten. 22 Berlin, 5. Mai. Kommerzienrath Bernhard Loeser ist in der Nacht auf den 2. d. M. gestorben. Einer der bekanntesten und angesehenstell deutschen Kaufleute und Industriellen ist mit ihm dahingeschieden. zugleich eitler, der voll seinem großen Vermögen einen besonders vornehmen und menschenfreundlichen Gebrauch machte. Alle Welt weiß, weil es aller Welt voll den vielen berühmten Eckläden der Firma Loeser und Wolfs entgegenleuchtet, daß Bernhard Loeser Mitbegründer und Mitinhaber der 60 großen, an den verkehrsreichsten Straßenecken der ReichshauPtstadt nntergebrachten Cigarrengeschäfte war. daß er Begründer, Besitzer und Leiter der großen Cigarrensabrik in Elbing gewesen, die Tausende von Arbeitern beschäftigt. Man weiß auch, daß er Filialen der Fabrik, insbesondere aber Verkaufsfilialen noch vielfach und mit Glück begründete. Was mall aber nicht allgemein lveiß, weil es stets im Stillen geschah, das ist, daß Loeser die umfassendste, zweckmäßigste und liebevollste Wohlthätigkeit übte und an allen großen, menschenfreundlichen Werken theilnahm, daß er ernste künstlerische Unternehmungen kräftig förderte. Bernhard Loeser begnügte sich nicht damit, für wohlthätige Zwecke Geldmittel herzugeben. Er widmete den vielen Schützlingen ein warmes Interesse, nahm persönlicheil Antheil an ihrem Schicksal und war stets mit Rath und That für sie zur Hand. Als ehemaliger tüchtiger Soldat hat Loeser militärischen Vereinigungen viel Sorgfalt gewidmet und aus innerem Drange mancherlei patriotische Veranstaltungen gestützt. Die Hohenzollern-Festspiele, die hier vor Kurzem zur Zweihundertjahrfeier der Königskröttnng im Krollschen Theater in Szene gingen, waren wesentlich vom Loeser ins Leben gerufen und gehalten. Auch mancherlei musikalische Veranstaltungen, namentlich das Richard Wagner-Theater, hat sein stilles Mäcenatenthum ermöglicht. Er gehörte mit zu den Begründern des hiesigen „Richard Wagner-Vereins", als dessen Zweiter Vorsitzender er gestorben ist. Wagner selbst stand mit ihm in Briefwechsel. Ursprünglich hatte sich Loeser, der als Sohn eines Kaufmanns am 17. April 1835 zu Quedlinburg geboren war, der Landwirthschaft gewidmet. Seine spätere Laufbahn begann er 1859 in Berlin. Mit der Wittwe trauern an seiner Bahre eine verheirathete Tochter und ein 16jähriger Sohn. Bernhard Loeser, der sich mit einem seltenen Aufwand von Fleiß, Ernst und Geschick von sehr kleinen Anfängen

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