Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-10 · Heft 19 (10.5.1901) · p. Seite 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 228 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228439--57540-3293921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

228 „Ja, ja, es ist so," fuhr hastig die Worte hervorstoßend das Mädchen sort, „als Du mich verließest, eilte ich mit Deborah nach Hause zurück; ich ging so schnell ich konnte, u^d damit der Vater nicht mein langes Fernsein merke, schlich ich mich ganz sachte in das Haus; wir kamen unbemerkt in de^l Flur; leise betrat ich die Wohnstube, und da hörte ich in dem Nebenzimmer Stimmen, die erregt mit meinem Vater sprachen; anfangs kümmerte ich mich um das Reden nicht, bis Plötzlich Dein Name mein Ohr traf. Da schlich ich mich hin, und mein Ohr ganz sachte an die Thüre legend, hörte ich jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde — und was ich vernahm, machte mich erschaudern. Es waren die beiden Großfürsten, die zu meinem Vater kamen, Geld zu leihen und Waffen, um," sie schauderte zusammen, „nur in der morgigen Nacht euch, die Polen, zu überfallen, zn tödten, und Dich, mein König, gefangen zu nehmen!" Ein heftiger Schauer schüttelte ihre Glieder, und aus ihrer Brust drang schmerzliches Stöhnen. Wie ein Rasender war der König aufgesprungen und seine Allgen schossen wilde, funkelnde Blitze. „Die Großfürsten, sagst Du? und morgen Nacht? Dacht' ich es doch, das; all ihre zur Schau getragene Freundschaft nur schlaue Maske sei, um mich desto sicherer einzulullen in ihrer gefahrbringenden Nähe! Aber ich will ihnen zeigen! Will dieser hündischen Russenbrnt zeigen, wes Bvleslav fähig ist! Mich, Boleslav, mich und ineine Polen wollen sie vernichten! Eher soll sie selbst die Hölle verschlingen!" Und mit wild erregten Worten und wuthentbrannten Miellen durchmaß er den Raum. Doch da war Necha zu ihm hingetreten, und die Arme auf seine Schultern legend, sagte sie: „Jetzt heißt es handeln, mein König, und zwar rasch, denn die Russen werden sicher ihren Plan auch ausführen." „Sie sollen aber nicht!" rief zornfnnkelnd Boleslav. „Was willst Du thun? Ihr seid ja doch nur ein kleines Häuflein, da Dich die falschen Edlen verlassen haben." „Wie ich sie dafür hasse," zischte Boleslav, „aber." setzte er nach einer Weile dazu, „wir müssen dennoch! Ich will ihnen zeigen, was es heißt, dem Polenkönige mit heimtückischem Verrathe zu naheil! Ich will sie erdrücken und sie zwingen, mir auf den Knieeil Abbitte zu leisten! Ich will sie unterjochen und den Fuß auf ihre gekrümmten Nacken setzen . . ." „Nein, nein, Boleslav," sagte Necha, „dazu seid Ihr jetzt zu wenig, und die Russen wären bei offenem Kampfe in der Uebermacht; nein, heimlich müßt Ihr und so rasch als möglich Kiew verlassen; es ist nicht schimpflich, mein König," fuhr sie begütigend fort, als Boleslav auffahren wollte, „und Du wirst einst noch Rache nehmen können, nein, schimpflich ist nur das Gebühren dieser Russell, die so das Gastrecht verletzen. Ihr müßt fort, noch ehe die Russen Zeit finden, sich zu sammeln ulld euren Abzug zu hindern." „Meine kluge Recha," rief der König, indem er sie zärtlich allblickte. „Ulld darum," fuhr Recha fort, „darum müssen wir noch heute alles Nöthige anordneu; Du mußt Voten umhersenden in jene Häuser, in denen die Unseren eiuquartirt sind, mit der Weisung, morgen bei Tagesgranen zum Aufbruche aus der Stadt gerüstet zu sein und sich auf dem Platze vor der Niklaskirche einzufindeu. Du aber, mein Boleslav, machst Dich gleichfalls bereit sowie alle Deine Knechte und Reisige . . . ." „Ich soll sort von hier? Und Du, meine Recha? Nimmermehr!" „Ich gehe mit Dir," sagte einfach das Mädchen. Er schloß sie entzückt in die Arme, und ein Jubelruf entrang sich seinen Lippen. Recha entwand sich seinen Armen. „Nun komm," sagte sie, „gehen wir ans Werk!" Nasch hatte der König die nöthigen Befehle gegeben, und mit fliegender Hast wurden sie ansgeführt. Mit geräuschloser Eile wurden die Vorbereitungen getroffen, da der Köllig jedes Lärmen und jedes Geräusch streng untersagt, denn mall konnte nicht wissen, die Russell hätten ja auch iu des Kölligs Umgebung ihre Späher haben können, die den Abzug noch im letzten Augenblick vereiteln konnten. Eilige Boten flogen geheimniszvollen Angesichtes durch die Stadt, um die Ihren wachzurütteln und sie vor dem Tode durch Mörderhand zu bewahren. Ueberall schreckensbleiche Gesichter, überall wilde Verzweiflung lllld der dagegen sich auftehneude Trotz, insgeheim zu entweichen, und überall zuletzt ein schmerzliches Erkennen, daß es so seill müsse, wollten sie nicht in ihrer jetzigen geringen Anzahl dem verrätherischen Feinde zum Opfer fallen, sonst hätte wohl ihr tapferer König sich zu diesem Rückzüge nie entschlossen. Indes aber ging er selbst an Rechas Seite, die er nicht in der Burg allein zu lassen wagte, und die im dunkeln Mantel und im Helm einem jungen Ritter gleich sah. gefolgt von einigen handfesten Knechten, durch die Stadt, um ebenfalls ahnungslose ^Gefährten vor der drohenden Gefahr zu beschützen. Sie waren schon durch viele Straßeil gekommen hatten überall, wo sie die Ihren wußten, allgeklopft und unter irgend einem Vorwände vor den Hausbewohnern, die zumeist Russell waren, den Freunden die entsetzeusvolle Nach richt gebracht und die Aufforderung, bei Tagesanbruch zum Abmarsche aus der verrätherischen Stadt bereit zu sein. Jetzt waren sie auch all Ritter Wladiwoys Thür gekommen; wie erstaunten sie aber, als sie, die auf ihrem Rund gang nur verstörten, nachtschlafenden Menschen begegne waren, die erschreckt aus dem Schlafe fuhren, den junge! Ritter in voller Rüstung fanden. „Was bedeutet das, Wladiwoy?" frug der König bei dieser, merkwürdigen Anblick. „Das bedeutet, mein König," gab Jener zur Antwort, „das; ich den boshaften Russell nicht getraut habe seit unserem Hier sein, und nun schon gar in der letzten Zeit sah ich Manches was mich mißtrauisch machte. Da habe ich mir gesagt Wladiwoh, sei auf der Hut, halte Dein Auge offen, denn e gilt das Wohl Deines Kölligs — nun aber," fügte er gesenkte! Hauptes hinzu, „habe ich es doch dahin kommen lassen, dm Ihr, Herr König, mich rettet, mich, der sich zu Eurem Schuh', stets bereit hielt." Auch er hatte rasch seine Vorbereitungen getroffen nn seine Krieger marschbereit gemacht, und der König zo; weiter mit seiner muthigen Begleiterin — weiter, in die dunkl Nacht hinaus. (Forts, folgt > Kpvechsaal. Geehrte Redaktion! l^^n dem Artikel in Ihrem geschätzten Blatte über die Seelsorge dn jüdischen Soldaten kann ich Ihnen uüttheilen, daß das hiesic Garnisonskonunando auf meine Eingabe hin die Verfügung erlasse! hat, daß die jüdischen Soldaten jeden ersten Sabbath im Monat zun Morgengottesdienst geführt werden. Weißen bürg (Elsaß), 19. April. Rabbiner Dr. Koch. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.