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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-10 · Heft 19 (10.5.1901) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 227 (sequence 13)
Language
German
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227 wenn er seinen Kummer vergessen will. Wenn er von Glück und Liebe singen möchte, wenn er sich an aninnthigen und lieblichen Bildern ergötzen null, kommt ihm unwillkürlich ein Weinen. Vergeblich beginn ich ein fröhliches Lied, Es wandelt sich immer zur Klage! Und die vielen Thränen, die den Angen des Dichters entfließen, verhüllen ihm die Lichtstrahlen des neuen Lebens, welche die uns umlagernde Fiusterniß allmälig durchbricht, jene Finsterniß, die auch unfern besten Dichter in russischer Sprache eiuhüllt. Und das neue Leben naht heran, wenn auch mit leisen Schritten, und wir suhlen seinen Athemhauch. ... Frugs Gedicht „Disputation" ist außerordentlich hübsch und anmuthig erzählt. Ueberall, wo er die Grenzen seines Könnens nicht überschreitet, wo er schlichte Gestalten vvrsührt, dort ist er unübertrefflich. Einen Dichter von dieser Natürlichkeit und Herzenswärme haben wir selbst in hebräischer Sprache nicht. Wie viel poetische Wahrheit liegt in seinem Gedichte „Rabbi Amuon", obgleich es in psychologischer Beziehung verfehlt ist und durch überflüssige Länge ermüdend wirkt. Das Gedicht „Letztes Wiedersehen" führt uns vor die Seele das Glück, den Stolz und das Ende des alten Israel, zeigt uns die Keuschheit des jüdischen Volkslebens, die Schrecken der Gefangenschaft, den Triumph des Feindes — den Zusammenstoß zweier Welten, die von einander so fern als möglich sind, und der den Lauf der Weltgeschichte in eine tragische Kollision gebracht hat. Aber was darin fehlt, das ist der Einblick in die seelischen Vorgänge. Ich lese Frugs große und kleine Gedichte, seine lyrischen mid epischen Schöpfungen, und suche in ihnen die Seele des Dichters, das was ureigen an ihm ist. Ich suche vergebens. Unser Dichter ist das Instrument, aus dem die Poesie des Volkes ihre Lieder hinausgesnugen hat. Aber vergebens fragt man nach seinen, eigenen, persönlichen Verhältnis; zur Religion, uir Liebe, zur Natur und zur Menschheit. Er besingt wohl öas Weh seines eigenen Volkes, aber was in seiner eigenen Deele vvrgeht, verschweigt er. Seine Lieder sind nur der Widerhall dessen, was ihm der Mund des Volkes zuträgt. Die großen Dichter anderer Völker haben stets den Stempel hres Geistes ihrem Volke, manchmal für mehrere Generationen muaus, ansgedrückt, Frug dagegen hat gar kein selbständiges geistiges Gepräge. Ich kann i» seiner Gesellschaft trauern bis m die tiefste Seele, aber ich vermag mit seiner Hilfe nicht in as Seelengeheimuiß meines Volkes einzudringen, weder in er Vergangenheit noch in der Gegenwart, am allerwenigsten n der Zukunft. Lieb ist mir Frag wie meine eigene Seele, aber nur so äuge er mir die Sagen meiner Großmutter, meine Kinderrzählungen und die Volkslegeuden erzählt. Wenn aber in mir der allgemein menschliche Theil meiner Seele die Uebermnd gewinnt, wenn meine Augen in die Ferne schweifen, die inkuiift entschleiern wollen, dann ist er nicht mein Dichter, nein Prophet.... Frug hat uns das alte Lied, das Lied der Vergangenheit nesungen. Doch das neue Lied, auf das wir hoffen, wonach uir dürsten, — auch das wird ertönen und uns wie der Nvrgenthau unsere vertrockneten Glieder beleben. Und erklingen wird dieses Lied just in der Sprache unserer Propheten. Der neue Dichter, der Sänger der Zukunft wird erscheinen. Ich fühle sein Herauuahen, vielleicht wandelt er schon unter uns, und über kurz oder lang vernehmen wir seine Stimme. Me Königsbrant. Historische Erzählung von Carola Buchheim. XlX. war Boleslav nach Hause zurückgekehrt, und jetzt lag er halb allgekleidet aus dem Ruhebett, und seine Augen richteten sich mit träumerischem Ausdruck ins Weite. Ab und zu leuchtete es auf in seinem Blicke, nnd ein heißes, freudiges Erglühen fuhr ihm über die Wangen. Ein namenloses Wohlgefühl bemächtigte sich seines ganzen Wesens, wenn er des heutigen Abends gedachte. Wie häßlich hatte der Tag für ihn begonnen, nnd wie schön, wie herrlich hatte er ihn beschlossen. Recha war heute von entzückendem Liebreiz gewesen, und immer mehr und mehr fühlte er sich von dem ungewöhnlichen Wesen des Mädchens angezogen. In diesem Augenblicke erscholl draußen in der Norhalle ein gedämpftes Geräusch, das den König ans seinen: wohligen Dahindämmern erweckte. Er fuhr mit der Hand über die Angell, gleichsam, um sich voll den süßen Bildern zu trennen, die vor seinen: inneren Auge erschienen. Darin aber fuhr er zornig in die Höhe und lauschte den: Lärm. Jetzt wurde er lauter nnd man unterschied die bittende Stimme einer Frau und die zornigen Nus.' der königlichen Diener. Boleslav erhob sich ans seiner ruhenden Stellung und wollte sich eben an die Thüre begeben, um die Lärmende!: zur Rede zu stellen, als die Thüre aufgerisseu wurde, und die Diener, die sie mit Gewalt zurückhalten wollten, zu beiden Seiten hinstoßeiw, Recha hereinstürzte. Der König war anfangs von dein Ungestüm, mit dein die Thüre aufgerissen wurde, zurückgefahren. Im nächsten Augenblicke aber hatte er Recha erkannt, und mit einer raschen Handbewegung die Leute hinansweiseud, Zog er Recha in das Gemach hinein, und ihr mit glücklichen: Gesichte in die Augen sehend, sagte er: „Was führt meine Recha zu mir?" Und er wollte sie all seine Brust drücken, aber erschrocken hielt er inne. Wie sah Recha aus! Die Haare hingen ihr ungeordnet in die Schläfen, die Augen weit aufgerissen mit einen: Ausdrucke höchsten Schreckens, die Kleider ii: Unordnung, so starrte sie den König an und versuchte zu sprechen, aber ans ihrer Kehle drang nur eil: dumpfer, unverständlicher Laut. „Fasse Dich, mein Mädchen," bat der König, indem er liebkosend über ihren Scheitel strich, „und sage mir, was Dir begegnet. Und wehe demjenigen, der es gewagt hätte, men: süßes Lieb zu kränke!:!" „O, mein Boleslav," rief das Mädchen und warf sich laut aufschluchzend an seine Brust, „nicht mir, nein, was bin ich unbedeutendes Mädchen, - nein, Dir, mein Köllig, droht Gefahr . „Recha!"

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