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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-10 · Heft 19 (10.5.1901) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 226 (sequence 12)
Language
German
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226 von jener Art. wie sie sich in großer Anzahl im Talmud und Midrasch finden und die man am besten mit ungeschliffenen Edelsteinen vergleichen kann. Keine noch so reiche dichterische Phantasie vermag Legenden von so tiefem poetischen Gehalt hervorzubringen, wie sie das Volk dichtet. Den Kanevas lieferte dem Poeten die dichtende Volksphantasie und er stickte darauf seine lebendigen, farbenprächtigen Blumen. Der schlichte, naive Zauber dieses Gedichtes ist einzig in seiner Art. In dem Gedichte „Kinder der Erde" hat Frugs Poesie ihre Höhe erreicht. Es ist, als ob diese Legende Jahrtausende lang ans die gestaltende Tichterhand wartete. Ohne aus dem Kreis der volksthümlichen Legende hinauszugehen, hat Frug hier ein wahres Meisterwerk geschaffen. Doch so sehr ich Frugs Gedichte liebe, sie lange hintereinander zu lesen bin ich nicht im Stande, denn der Dichter ermüdet meine Sinne durch die Fülle seiner kraftvollen tönenden Ausdrücke, die er unmittelbar auseinander folgen läßt. Ihm fehlt das leichte Lächeln und der bittere Spott. Freilich, seine Sprache ist von seltener Kraft, Reichthum und Klarheit, seine Verse rhythmisch und klangvoll, aber ihm fehlt die Gabe, seine Gefühle oder einen Gedanken in ein einziges, schlagendes Wort zu fassen. In seinen Elegieen tritt die ganze tiefe Trauer seiner Seele an den Tag. Wenn er das traurige Schicksal seines Volkes malt, so hält sich sein Wunsch, dieses Schicksal zu verbessern, in den bescheidenstell Grenzen. Nur eine Thräne möchte er aus dein Antlitz seiner unglücklichen Nation wegwischen, nur eiil Blümlein in ihre Dornenkrone flechten. Der Dichter weiß nnr z» gut, wie unglücklich und machtlos er selber ist. In seinem Gedicht „Der Frühling" malt er in düster» Farben sein Schicksal, das Schicksal des jüdischen Dichters: Zwiefaches Los ward mir zu Theil: In Kaftan war der Leib geschmiedet, Nach Freiheit trotzend lebt nieiu Geist. Mein Herz singt tausend Jubellieder, Doch meine Leier tönet stets Vom gleichen Lied, dein Lied der Thränen, Deiii Lied voll Knmnier und voll Blut. Doch mit ungleich größerer Kraft und Wahrheit hat der Dichter das Wesen seiner Poesie, all den Gram seiner Seele und seine bittere Resignation dargestellt in seinem Gedicht „Die ersten Sängergeschlechter". In seinem Geiste sieht er die Gestalten unserer Dichter vergangener Zeiten, er vergegenwärtigt sich ihre Schöpfungen, die den Stempel der Unsterblichkeit tragen, und namenloser Kummer überkvmmt ihn. Giebt es ein zweites Volk in der Welt, dessen Sprache ein einziger Seufzer, dessen Gebet ein einziges Schluchzen, dessen Traum der Schmerz und dessen Gesang eine ewige Klage wäre? Giebt es einen Dichter in der Welt, der sich nie an dem Becher des Sieges berauscht, der niemals ein fröhliches, ans jauchzender Seele kommendes Lied angestimmt? Ein jedes Volk hat freilich bittere Zeiten des Drangsals und der Mühe durchgemacht, und in solchen Epochen hallte wohl der Jammer und die Klage durch die Poesie ihrer Dichter. Doch diese sahen auch durch die Ferne das Morgenroth der Freiheit nnd des Lichtes an dem Horizonte empvrdämmern und verkündeten es. Vergebens aber sucht Frug ein zweites Volk, welches dem seinigen an Unendlichkeit der Qualen gleichkäme, vergebens einen Dichter, der einem j solchen grenzenlosen Kummer Ausdruck liehe. Während andere Dichter die Arme mnthig gen Himmel recken und wieder Andere den Pflug führen und in eine fruchtverheißende Scholle keimkrästigen Samen streuen, steht er da und hält In der Hand eine Fackel nm Träumern zu leuchten Und eine Schaufel, um Gräber zu graben. Geh hi» und grabe ein ewiges Grab, Reiß aus dem Herzen die lhörichten Träume, Senke die Wünsche, die stürmischen Pläne Ties in den Schoß der Erde hinein. Nacht ohne Morgen, Schmerz ohne Linderung .... Weinen und Jammern, Kummer und Noth, Das ist das Schicksal, das Dir geworden, Dir, Du Sänger am Grabe. Und der Sänger der Gräber ahnt nicht, daß dicht neben den Gräbern, die er schaufelt, sich die Wiege der Zukunst befindet. Er sieht nur das Unkraut, welches den Boden überwuchert, aber die frischen, saftigen und kraftvollen Triebe, welche aus dein Boden emporschießen, sieht er nicht. Und ein Dichter, der ein Seher ist, pflegt nicht blos das Rasen des Sturmes zu vernehmen, der die stolzen Zedern entwurzelt, sondern auch das Flüstern der leise sich regenden Winde, die auf ihren Flügeln die Keime tragen, mit denen sie das Wüstenland befruchten. Und da unser Dichter keine Zukunst hat, so begleitet ihn seine Trauer, wo immer er weilen mag. in dem Gewühl der Stadt, in der freien Natur, im lauschigen Walde. Aus dein Rauschen des Baches wie ans dem fröhlichen Lärm des lustigen Gelages tönen ihm Seufzer entgegen. Ueberall wo er hinsieht, erblickt er nur Thränen, die Thränen seiner Brüder, die im Dunkeln weilen. Er ist verzweifelt über den Allblick der Knechtschaft und Erniedrigung, der Verwahrlosung und der Kleinmüthigkeit, die er wahrnimmt. Eine Finsterniß über dem Abgrund der Leiden, aber der Geist Gottes schwebt nicht darüber. Frug weiß, daß seine Seele voller Klagelieder ist, und daß er noch nie das Herz seiner Brüder durch ein fröhliches Lied erfreut hat, aus dem die Lebensfreude der Gegenwart oder die Hoffnungsfrende ans die Zukunft tönen würde. Und er bittet darob um Entschuldigung: Vergieb mein Volk! In deinem Unglück. In all der Qual, die dich bedrückt, Hab' ich kein frohes Lied gesungen. Kein Wort des Trostes deinem Leid. Der große Dichter aber, dem die Sehergabe verliehen, bleibt klaren und ruhigen Geistes auch mitteu in der Trauer, mitten in der Zerstörung und Verödung, mitten in dem Unglück nnd der Bedrängnis; ringsum. Der Dichter, der die Geister beherrschen soll, muß zuvörderst sich selber beherrschen. Frug ist ein Dichter, dessen Kops ein einziger Thrünenqnell ist. und den die hehre Inspiration nur dann überkommt, wenn er bei trauriger Stimmung ist. Er singt nur, wenn ihm die Thränen kommen: Ich singe mir, wenn mich der Kummer durchwühlt, Ich singe, um nicht zu weinen. Eiil Singen unter Thränen, und Thränen, die dem Gesang entquellen! Welch ein trauriger Zirkel! Während wir nach Trost lechzen, reicht er uns den Becher der Verzweiflung! Habe» wir denn des Verzweiflungsvollen im Leben nicht genug? Doch Frug ist seiner innersten Natur nach gar nicht weinerlich gestimmt. Aber seit seiner Kindheit vernahm er rings nur herzbrechende Seufzer, sah nm sich nur Thränen fließen, nur Gräber sich anfthnn. nnd der „böse Engel" steht vor ihm, auch

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