Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- Seite 224 (sequence 10)
- Language
- German
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224 Urim und Thurnmirn. Von Dr. Tobias Cohn. o weit unser Blick zurückreicht in der Geschichte der Menschheit und wir das Denken und Empfinden der frühesten Geschlechter zu belauschen vermögen, gewahren wir ein religiöses Gefühl, das sie treibt — die Neigung der Seele, den Zug des Herzens, sich mit Vorstellungen von einem über das Menschliche hinansragenden Wesen zu erfüllen, vordem sie sich beugen und niederknien. Diesem heiligen Ringen vermochte selbst der Polytheismus nicht sich zu entziehen, der das Dasein und Walten vieler Götter lehrt, jedoch alle diese unter die Herrschaft eines obersten Gottes stellt. Im Dunklen tastend, weil ihnen das Licht der göttlichen Offenbarung von Sinai fehlte, meinten die Gelehrter: und Gebildeten gerade durch die Anbetung der vielen Götter in Verbindung mit dem obersten Gotte zu treten, und die weiteste Anbetung des obersten Gottes zu erreichen, y Daher waren ihnen die Dienste, welche den einzelnen Göttern gewidmet wurden, nur Erscheinungsformen, Symbole der großen Verehrung, welche sie dem „Vater der Götter und Menschen," „dem Größten und Besten" erwiesen. Andererseits trat die Willensoffenbarnng der Götter aus verschiedene Art in die Erscheinung, durch räthselhafte Andeutungen, durch Träume u. A. -) Am meisten und am feierlichsten jedoch, geschah dies durch die von Priester oder Priesterin (Sibylle) bedienten Orakel, welche in Griechenland bereits 3000 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung blühten und noch früher in Aegypten heimisch waren, von wo sie nach Griechenland verpflanzt wurden. Was lag unter solchen Verhältnissen näher, als daß die Israeliten während ihres Aufenthaltes in Aegypten mit diesem Orakeldienst vertraut waren und ihn: heilige Weihe beilegten, und daß Moscheh, der große Erzieher seines Volkes, daran als allgemein Bekanntes anlehnte, um es in ein Neues, mit dem Geiste der wahrer: Religion mehr Uebereinstimmendes urnzuwandeln! Was lag näher, als daß Moscheh den Gebrauch des Orakels, der zu seiner Zeit fast in allen Theilen der damals bekannten Welt verbreitet war, aus pädagogischen Rücksichten in seine Lehre aufnahm, um das Volk, das an hinfällige Gottverehrung gewöhnt war, in der: ihm geläufigen Bahnen allmälig zur wahrer: Gottverehrung zu führen! Ir: dieser Beleuchtung meinen wir die Urim und Thurnmirn betrachten zu müssen, die in der Lehre Moschehs ganz eigenartig erwähnt werden, und deren Gebot einer: derart geringen Resonanzboden in der Geschichte Israels gefunden hat, daß es schon zur Zeit des ersten Tempelstaats seine Kraft verlor. Die Anordung der Urin: und Thurnmirn, mittelst welcher der Hohepriester irr schwierigen Lager: des Volkes und bei kriegerischen Unternehmungen den Willen Gottes erforschte, befindet sich irr dem Wochenabschnitte unter der: Vorschriften über den hohenpriesterlichen Ornat und in: y lUiitrircIi, <lo llokoetu o: aculoluin e. 10: PI vmo 8!oieos noviimi8 non moäo (w xonUs in ornwin nobiseuin soulouli'r: osse, soll nUnm äe «bis. gnorrnn lrmtunr stutuuul iiumorum, nimm dunlkixat rwlornmn mtol-itusguo exportem. roliijnos nt imto8 et obitui os esse. y prnisuu. X. 7. 10; das. 1,34.— Pint, äe U^tlnrio orueulis e. 28; das. äe ilelbetu oi-rm. e. 3. — Aehnlichen Vorgänger: begegnen wir im Leber: Israels, wo Träume, Ausleger: von Stäben, Würfeln oder Loosen als Kundgebungen des göttlichen Wittens galten. (Genes. 30» 12; 3t, t(). Numeri t7, 17. Numeri 27, 35- 56. Josua 18, 10; das. 7, 14 ff. n. A.,. ff. ) Pint, tw I^vtb. MLW. e. 20. Ilei'od. Il, 58. Besonder:: über der: „Brustschild", bei welchen: es heißt y: „Dann lege an der: Brrrstschild des Rechts, die Urin: und Thununim, daß sie seien auf den: Herzen Aharons, wenn er hineingeht Vörden Ewigen, und so trage Aharon das Recht der Söhne Israels! auf seinem Herzen vor dem Ewigen beständig." Zum ersten i Mal kommt diese Anordnung gelegentlich der feierlicher: Einsetzung Josuas zum Nachfolger Moschehs in Anwendung,?) und wiederholt 3) begegnen wir alsdann dem Gebrauch der Urim und Thrnrnnim, mit welchem in der späten: Geschichte des Volkes bisweilen ein Loosen?) Würfeln verbunden war. Auf Grund dieser Mittheilungen sammelt der Talmud sein Material zmn Aufbau eines Systems vom Gebrauch der Urim und Thummim, das er in folgender Weise beschreibt ^): „Je nach dem Charakter der Angelegenheit wandte sich der König oder der Vorsitzende des Gerichtshofes oder der Vertreter einer Gesammtheit — denn nur diese waren dazu berechtigt — an den Priester. Dieser trat, mit den Pontificalien bekleidet, vor die heilige Lade, wahrend der Fragende hinter ihn: Platz nahm und in demuthvoller Haltung seine Frage, die einfach und deutlich gefaßt sein mußte, an ihn richtete. Der Priester, in: Besitz der höchsten Weihe und erfüllt von: Ernst der Verantwortung, die auf ihn: lastete, stieg mit heiliger Sehnsucht nach den Göttlichen in die Tiefen seiner Seele hinab, wo Kampf und Leidenschaft ruhen, wo Angst und Zweifel ihre Macht verloren haben vor dem Rauschen des Ewigen, und blickte ans den erlesenen Schmuck, der seine Brust zierte, auf den Brustschild und die Kleinodien, die in demselben und in die Verbindungsfäden auf der: Schultern eingefaßt waren. Inzwischen fühlte sich der Priester völlig der Erde entrückt und empfand die Nähe Gottes. Das war der Augenblick, wo der Geist Gottes auf ihm ruhte und ihn fähig machte, den heiligen Rathschluß zu vernehmen. Dann sah er die beiden Kleinode auf den Schultern in Hellem Glanze erstrahlen; er sah auf den Edelsteinen, die in der: Vrustschild eingelassen waren, einzelne Buchstaben der eingravirten Narrren der Stämme Israels leuchtend hervortreten, und unter den: Eindruck des Göttlichen, das ihn beseelte, verband er die Buchstaben verständnißvoll zu Worten und deutete damit der: Bescheid der Gottheit. Wehe, wenn der Priester seines Dienstes unwürdig war. Dann legte sich der Geist Gottes nicht auf ihn, dann trat keine der hier angegebenen Erscheinungen ein, die Antwort Gottes blieb aus, und der Priester ging seirres Amtes verlustig?)" Was nun die Urin: und Thurnmirn an sich betrifft, die in die Falte des Brustschilds gelegt wurden, um den göttlichen Bescheid hervorzubringen, und die folglich die allein treibende Macht, die Seele des ganzen Vorganges waren: so sind wir über dieselben ir: keinerlei Weise unterrichtet. Die Septuaginta übersetzt die Worte mit d. h. Offenbarung und Wahrheit," womit Talmud und Thargrrn:^) in: Ganzen übereinstimmen. In: Uebrigen aber finde:: wir an keiner Stelle der heiligen Schrift oder des Talmud irgend welche Auskunft über Beschaffenheit, Form und Gestalt der Urim und Thummim, y Exod. 28. 30; vgl. Levitic. 8. 8. -) Numeri 27. 1. Josua 7, 14-15. Richter 20, 18. 23. 27. 28. Samuel I. 10, 22; 22, 10; 23. 2-4. 11. 12; 28. 6; 30. 8. Samuel II, 2,1.15.24-25. y Abarbanel zu Josua 7. 14—15; Baba Bathra 22a. y Joma 71b, 73r:; Schwuoth 35b. VII, 3. — Jerusch. Jvma. — Main:. Kle Ha-Mikdasch X. — Jasephus Alterth. III, 9. Joma 73 b; Sotcch 48 b; Seder OLam Nabba. 0 Jerusch. Joma VII. 3; Babl: Joma 73 b; Tyarg. zur Stelle.