Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- Seite 223 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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223 tenen Vorlesungen und das übereinstimmende Urtheil Aller, die es kennen lernten, beweisen, befindet sich das Institut auf dem allerbesten Wege, seiner Aufgabe in vollem Maße gerecht zu werden und der italienischen Judenbeit zu schaffen, was lhr vor allem Noth thut: fähige geistige Leiter. Und so viel ist schon bis jetzt klar erwiesen, daß das junge Seminar unter seiner gegenwärtigen vortrefflichen Leitung geeignet ist, im besten Sinne des Wortes eine Pflanzstätte für unterrichtete, pädagogisch geschulte Religionslehrer und wissenschaftlich ausgebildete Rabbiner zu werden. Die schlimmsten Zeiten des Tiefstandes jüdischen Wissens und jüdischer Kultur in Italien, über die in Ihrem geschätzten Blatte jüngst Klage erhoben wurde, sind überwunden; seit zwei Jahren etwa wird im Lande der Kunst wieder jüdische Wissenschaft, wieder Litteratur und Entwicklung des Judenthums gelehrt. Welche Bedeutung diese Thatjache hat, und welche Kämpfe und Anstrengungen die Erreichung des gegenwärtigen Zustandes kosteten, kann nur ermessen, wer sich die Geschichte des Unterrichtswesens in Italien während der letzten Jahrzehnte vergegenwärtigt. Das „Rabbinische Institut" in Padua, das älteste seiner Art in Europa, welches durch die Lehrtätigkeit eines Lnzzatto Weltruf erlangte, verlor als lokale Einrichtung infolge der Einigung Italiens seine Berechtigung und seine finanzielle Grundlage und mußte trotz des lebhaften Interesses vieler Wohlmeinenden (u. A. des Unterrichtsministersum k870 geschlossen werden. Bon da au trat ein vollständiger Verfall in den hebräischen und theologischen Studien sowie eine Verwilderung in der Art der Ertheilung von Rabbinerdiplomen der verschiedensten Grade ein. Unter der jüngeren Generation giebt es tatsächlich kaum einen einzigen Rabbiner, der auch nur bescheidenen Ansprüchen an Wissen genügen konnte. Ein Talmudkundiger ist überhaupt nicht zu finden, und von allen Fortschritten der Wissenschaft hat man nicht die mindeste Ahnung. Natürlich konnten derartig traurige Zustände nur durch Verschulden der Gemeinden einreißen. Der Umschwung der öffentlichen Meinung datirt von der Berufung des Dr. Margulies zum Oberrabbiner von Florenz her. Mit ihm trat in das italienische Rabbinat seit langer Zeit zum ersten Male wieder ein Vertreter ein, der, mit dem gauzell Rüstzeug moderner Bildung glänzend versehen, durch seine ehrwürdige Persönlichkeit, durch seine tiefe Religiosität und durch die Harmonie seilles Wesens und seiner Lehre sich in kurzer Zeit die Verehrung Aller, die ihm näher traten erwarb. Hervorragende Begabung, gediegene Gelehrsamkeit und ernste, wissenschaftliche Bethätigung verbreiteten bald seinen Ruf in allen Gemeinden der Halbinsel, und seine Amtsführung als Prediger, Seelsorger und Lehrer wurde überall als vorbildlich angesehen. Das größte Verdienst des Dr. Margulies war es aber, daß er nicht für die Dauer als unerreichbares Vorbild dasteheu wollte, sondern von vornherein den Gedanken ins Auge faßte, dem schwer darniederliegenden Rabbinerstande Italiens durch Heranbildung eines neuen Nachwuchses nach einem Sinne wieder zu Ansehen und Würde zu verhelfen. Er gründete darum kurz nach seinem Amtsantritt eine Fortbildungsschule für Knaben, denen durch großherzige Muuifizenz der Florentiner Gemeinde der Besuch des Gymnasiums ermöglicht wurde. Von Stufe zu Stufe aufsleigend, ertheilte und überwachte er den Unterricht in der Bibel, ihren leichteren Kommentaren und der hebräischen Grammatik, der Mischnah, Gemara und den Deeisoren, in jüdischer Geschichte und Neligionslehre. Im Laufe der Jahre wurden aus den Knaben Jünglinge mit ganz respektablem hebräischen Wissen, die kurz vor dem Abiturienteneramen standen; es mußte die Frage erwogen werden, ob die nur italienisch sprechenden Jünglinge zur Ablegung ihrer Studien nach dem Anstande geschickt, oder ob im Jnlande ein Rabbinerseminar geschaffen werden konnte. In Lioorno unterhält die Genwinde ans ihren sehr reichen Stiftungsmitteln eine sogenannte Rabbinerschule, und in Nom war das alte Seminar von Padua als Collegio Rabbinieo Jtaliano neu eröffnet worden, sreilich von vornherein in so elender Verfassung, daß es unmöglich gedeihen konnte. Beide Institute erwiesen auch immer mehr ihre vollständige Unfähigkeit, jemals einen Rabbiner oder Religionslehrer auszirbildeiu So begann man irr Rom nach Mitteln zu suchen, um der unabwendbaren Auflösung des alten Instituts vorzubeugen, und während eine Kommission hierüber berieth, wurden dort Methode und Erfolg der Florentiner Schule bekannt. Die Zukunft des Collegio Rabbinieo war entschieden: es konnte nur unter Leitung des bewährten Rabbiners von Florenz zu neuem Leben wiedererweckt und auf die Stufe der gleichartigen Institute im im Allslande gehoben werden. Freilich bedeutete ein derartiger Entschluß ein schweres Opfer für den Lokalstolz der Quinten, allein der Ruf und die Energie des Dr. Margulies errangen auch in diesem Kampf einen Sieg. Im November wurde das Seminar nach Ergänzung des Lehrpersonals durch Berufung eines zweiten deutschen Gelehrten vor: tüchtigem Wissen, des Herrn Dr. I. Elbogen, an seinem neuen Sitz mit einer veränderten Organisation eröffnet. Seinem doppelten Zweck gemäß, Rabbiner und Religionslehrer auszubilden, zerfällt es in zwei Abtheilungen: das Rabbinerseminar, das einen allen ausländischen Instituten vollständig ähnlichen Lehrplan hat, und eine Vorbereitungsschnle, deren Abschlußprüfung für den Eintritt in das Rabbinerseminar (wozu auch das Abiturientenzengniß erforderlich ist) oder für ein Religlonslehrerdiploin befähigt. Die neue Organisation hat sich bisher vorzüglich bewahrt und verspricht für die Zukunft mit Gottes Hilfe die bestell Erfolge. Die Römer selbst, die anfangs nur mit bangem Zageil ihre verfahrene Anstalt ans den Händen gaben, staunen heilte über seine Leistungen und haben in den Reden zur Eröffnung des Wintersemesters, die der Bericht abdruckt, ihrer Befriedigung über den gegenwärtigen Stand der Dinge Allsdruck verliehen. Die größte Schwierigkeit, mit der das Institut zu rechnen hat, ist feine ungünstige finanzielle Lage. Auch hier ist dank dem Vertrauen von Gemeinden und Privaten in die neue Leitung bereits viel verbessert worden, aber bei den vielfachen Bedürfnissen, wie sie die Unterstützung der zum Theil sehr armen Zöglinge sowie die Ergänzung der seit Jahrzehnten arg vernachlässigten Bibliothek erfordern, ist noch viele und große Hilfe erforderlich, um das Institut auf die Höhe zu bringen. Auch im Auslände haben Anstalten und Private dem Collegio daukenswerthe Zuwendungen an Büchern und Geld gemacht. Borerst wird es so wirksamer Unterstützungen auch ferner nicht entrathen können, und wer ihm zu Hilfe kommt, hat sich den Ruhmestitel erworben, all der Hebung des religiösen Lebens in den ältesten jüdischen Gemeinden Europas, all der Förderung jüdischer Wissenschaft in einem alten Kuttnreentruln mitzuwirken.