Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1901)
- Date
- 1901-05-10
- Page
- Seite 222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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222 reich stets regierte, und dies weiß der kluge Mann, daher kann er seiner Gegner spotten. Es wird noch viel Wasser in der blauen l?) Donau zum schwarzen Meere strömen, ehe die gewaltige, furchtbar finstere Macht der Reaktionäre gebrochen wird, daher mag es gut sein, sich vor allzu sicherem Optimismus zu hüten. Erfreulich ist es nur, daß es doch Männer bei uns giebt, die es wagen, wenn es uothwendig ist, ein tapferes Wort zu sprechen, und sagen wir es »ur, solche muthige Worte haben wir in Oesterreich noch nicht gehört, wie sie jetzt in gerechter Entrüstung gesprochen werden. — Aufrichtig gesagt, wir wünschten, auch in unserem Judeuthum würde ein muthiges Wort gesprochen werden. Meint man wohl, wir verspürten den Klerikalismns und die Reaktion nicht auch in unserer Mitte? Wenn ein Polnischer Rabbiner in Wien es wagt, die Kvscherfleisch-Angelegeuheit zu einer Hauptfrage des Judenthums in der größten Gemeinde Oesterreichs, ja Deutschlands, zu stempeln, wenn ein Mensch ohne jede moderne Bildung zu einem Machtfaktor wird, von dem die Existenzen abhängen, welcher ein blühendes Gewerbe, das der jüdischen Fleischhauer, vernichten kann, daun fragen wir, sind nicht wir es, welche das uns verunzierende mittelalterliche Gewand noch immer nicht ablegen wollen? Gewiß, auch unser Judenthum krankt an der Reaktion. Die Neuzeit und ihr« Forderungen, sie werden in unserer Mitte nicht mit überkommenen und ganz unverstandenen Einrichtungen grauer Vorzeit in Einklang gebracht. Wir befinden uns in einem mit modernem elektrischen Lichte beleuchteten herrlichen Gotteshanse am Vorabende des Passahfestes. Gehobenen Geistes wollen wir unser Freiheitsfest feiern. Und siehe, da begiebt sich ein Dajau zum „Omed", um den Segenssprnch „Erube Chazeroth" zu sagen; kein Mensch weiß, was dieser Spruch bedeutet, gedankenlos läßt man die in unserer Zeit ganz sinnlosen Worte über sich ergehen, und kein elektrisches Glüh- oder Bogenlicht leuchtet in diese Finsternis;. Das Mittelalter muß vvrangeheu, und das deutsche Lied, vom gemischten oder ungemischten Chor gesungen, folgt. — An diesem unversöhnten Gegensätze zweier Zeiten krankt unser Judenthum. Leute, welche über alleGebote unsererReligiou sich hinwegsetzen, sitzen dann zu Gerichte und urtheilen ab über Gottesdienst, Religionsunterricht- und — Koscherfleisch! — Mit dieser Heuchelei im Judenthume sollte doch endlich gebrochen werden. Entweder sind wir moderne Menschen, dann überlassen wir das Mittelalter jenen Inden, welche sich darin wohl fühlen, oder wir find Juden, die ohne Mittelalter nicht leben können, dann drehen wir das elektrische Licht ab, und begeben uns in die kellerartig tief gelegene „Schul". - Nichts ist für eine Religion gefährlicher, als wenn sie vorgiebt, ihre Grundlage seien Gebote, die ja doch nur die Wenigsten beobachten. Und diese Anschauung ist wenigstens im Judenthum Oesterreichs die noch immer herrschende. Wir wollen die Illusion nicht aufgeben, daß mit den überkommenen Formeln das Judenthum steht uud fällt. So täuschen wir uns selbst, und jene Leute können sich als die unfehlbaren Päpste des Judenthums ausspieleu. Was soll es mit dieser Reaktion, die wir in unserer Mitte künstlich züchten? Treiben wir nicht durch diese unsere Jugend und einen der wichtigsten Faktoren jeder Konfession, die Frauen, aus unserem Heiligthume? Die so vielfach traurigen Erscheinungen unserer Zeit, der Absall, die Gleichgiltigkeit, aber auch die krankhafte Sucht, in das Judenthum diesem ganz fremde Elemente zu tragen, sie sind nur aus dein Widerspruche zu erklären, in welchem wir uns befinden. Schaffet endlich einmal einen Vvlksgottesdieust, d. h. einen vom Volke verstandenen Gottesdienst, ziehet zu ihm die Jugend, die Frauen heran, belehret die nach dem Gottesworte Hungernden über den ethischeil Gehalt des Judenthums, über den nie versiegenden Born wahrer Sittlichkeit, welcher das Judenthum stets von Neuem belebt, und der es nie hat untergehen lassen, dann werdet ihr euere Pflicht als Vorstände der Gemeinde und als ihre Rabbiner gethan haben. — Man spricht heute sehr viel von der Betonung des nationalen Gedankens im Judenthum. Es ist dies eine Frage, über welche sich diskutiren läßt. Aber gerade das Austauchen dieser vielveutilirten Frage zeigt uns, daß gewisse Kreise in dem religiösen Momente, wie es jetzt im Judenthume in die Erscheinung tritt, kein Genüge mehr finden. Was bleibt aber vom Jndenthum, wenn wir es von der Religion loslösen? Ist es nicht ein trauriges Merkmal, daß gerade diejenigen, welche das nationale Moment so sehr betonen, so wenig von der Religion wissen wollen? Hat man es wirklich soweit kommen lassen müssen? Modern sei das Jndenthum; damit meinen wir aber nicht, es müsse Einrichtungen fremder Konfessionen sklavisch nachahmen, der Gottesdienst solle zur Oper und zum Konzerte entweiht werden, die Kantoren und Nabbinen mögen in dem Schnitt ihrer Ornate so viel als möglich die Geistlichen anderer Bekenntnisse nachäffen, wir verstehen unter einem modernen Judenthume vielmehr ein solches, das seine geistigen und sittlichen Schätze znm Gemeingut des Volkes macht, das sich nicht künstlich in das Ghetto zurückzieht, und trotz elektrischen Lichtes und vpernhafter Gesänge wie eine Mumie seinen Bekenner» eutgegenstarrt. Wir glauben, hier ist die Aufgabe, welche den Nabbinen gestellt werden muß. Mögen sie den arg verfahrenen Wagen der Religion nicht noch mehr sich verirren lassen, sondern endlich auf den rechten Weg bringen. Das elektrische Licht in den Shnagogeu sei uns ein Shmbol mit dem Lichte einer neuen Zeit in die Finsternis; zu leuchten, die uns wie dichtes Gewölle umgiebt. luri. Brief aus Italien. .1. Florenz, im Mai. wenigen Wochen hat das (^olleZio knddinioo Itrilinno seinen ersten Bericht veröffentlicht?) Für Italien ist eine solche Publikation ein Novum, es ist das erste Mal, daß eine gleichartige Schrift erscheint. Die doppelte Neuheit des Instituts, von dem bisher in der jüdischen Presse nur sehr wenig verlautete, und des Weges, den es in Italien eingeschlagen, dürften das Interesse weiter Kreise unserer Glaubensgenossen wecken uud eine ausführlichere Besprechung des Berichts und eine Würdigung der Bedeutung der Anstalt wohl rechtfertigen. Fertige Resultate freilich dürfen und werden Ihre geehrten Leser nicht erwarten; solche konnte di<Austalt, die in ihrem neuen Heim und in ihrer gegenwärtigen Organisation nicht ganz zwei Jahre besteht, naturgemäß noch nicht Hervorbringen. Allein wie der eingehende Bericht des Direktors, die Verzeichnisse der gehal- Nel KnlNNmeo NrUirmo bieuiüo 1898/1901) <br 1. (^iim swl'iel <1i liw'. pi'nlo e. 2. t'onimttnnn'orionk? OL 1). I^xrNto Oi Ismar Libanon. tHonro 1901.