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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-10 · Heft 19 (10.5.1901) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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219 Zur Abwehrsrage selbst wird uns von einem hervor-, ragenden süddeutschen Juristen Folgendes geschrieben: Als die antisemitischen Zeitungen mit allgemeinen Angriffen auf Juden anfingen, waren sie vielen und vielleicht den zahlreichsten Lesern langweilig, bis sie kühner wurden und ihre Angriffe nicht mehr gegen die Gesammtheit richteten, sondern Aufsehen erregende Thcrten. für den Thater natürlich nur schimpfliche, mit Namen genannten Personen zur Last legten. Anfänglich lachten die Beleidigten und ignorirten die ihnen zugesügte Unbill. Die Angreifer wurden darauf noch kühner. Altmälig sah man aber in den angegriffenen Kreisen ein, daß richterliche Hilfe geboten sei, die auch eine heilsame Schutzivehr gegen künftige Angriffe bilden würde. Daher altmälig zahlreiche Privatklagen Beleidigter gegen antisemitische Redakteure. Der Effekt war ein ganz merkwürdiger. Fast in allen, wenigstens den mir zur Kenntnis; gekommenen. Fällen haben sich die zum Gegenstand der Klage gemachten Beleidigungen als jeder thatsächlichen Grundlage entbehrend erwiesen. Daß unter einer Bevölkerung von zehn Millionen — so viel Juden sind vielleicht auf der Welt — zahlreiche strafbare Handlungen Vorkommen, liegt auf der Hand; die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg. Baden mit einer ähnlich großen Bevölkerung haben leider zahlreiche Zuchthäuser und alljährlich mehrfache Hinrichtungen und die Bevölkerung dieser Länder ist doch eine wohlknltivirte. Aber gerade solche Handlungen, welche sich als auffällige Strafthaten erwiesen hätten und in den antisemitischen Zeitungen Juden zur Last gelegt waren, waren fast stets erdichtet. Insbesondere hat sich der frühere Gemeindeschächter Kurzweit in Goltschjenikau. dein ohne das; er je in Polen gewesen wäre, die Theilnahme an dem dortigem Morde nachgesagt war, seiner Haut tapfer gewehrt, und die ihn angegriffen haben, in Wien, München. Magdeburg, sind schwer gestraft worden. Jetzt hat eine dieser antisemitischen Zeitungen urbi ot orbi erklärt, sie könne keine Namen mehr nennen, da mau darauf hin schwer bestraft werde. Das ist ein großer Erfolg derjenigen Tapferen, die den Kampf ausgenommen und, was noch anerkeunenswerther, durchgesührt haben. Thatsächlich bringen die mir zu Gesicht kommenden antisemitischen Zeitungen derartige Dinge jetzt weniger. Nennen sie Namen, so gelingt es im Wege des Strafverfahrens die Verleumdung uachzuweiseu. und wenn auch erst nach Monaten, muß der Redakteur durch der; Abdruck des seine Bestrafung verkündenden Urtheils seine Verleumdung üngestehen; bringen sie keine Namen, so glaubt kein Mensch daran, und die Verleumdung wird werthlos, weil sie — langweilig ist, den Charakter der Langweiligkeit aber nur durch Nennung von Name. Stand und Wohnort verlieren könnte. Anerkennung daher denen, die sich wehren. Wir können uns mit diesen Ausführungen nur einverstanden erklären. Der Kampf mips Recht muß für lange Zeit noch unsere Parole bleiben! 4 In der italienischen Kammer interpellirte am 4. d. M. 'er Abgeordnete Carlo Del Balzo den Minister des Auswärtigen wer das bekannte Einwanderungsverbot fremder Juden in Palästina. Der Unterstaatssekretär De Martino erwiderte, daß ste Pforte zweimal derartige Mittheilungen gemacht habe, wrauf zuerst alle Mächte, das zweite Mal nur Italien prot.'stirten, da sie staatsrechtlich eine verschiedenartige Behandlung ihrer Unterthanen von Glaubenswegen keineswegs zulassen konnten. Sollte sich das Verbot wiederholen, dann wird die Regierung wieder ihre Pflicht thun. Der Abgeordnete Del ^alzo tadelte das Verhalten der Türkei als der Humanität ind der Civilisation widersprechend, und beide Redner erbeuten sich des vollen Beifalls der Kammer. 4 Gelegentlich der letzten christlichen Ostern haben unsere Erbsünde, die verkommenen Griechen, theilweise im Verein mit den gleichfalls verkommenen Armeniern, vielfache Versuche gemacht, den Juden eine Blutbeschuldigung anzuhüngeu. Man schreibt uns darüber: Der erste derartige Versuch wurde iu einer Vorstadt von Konstantinopel gemacht. Ein jüdischer Trödler Namens Jacob Sassou wurde in das Hans eines Armeniers gerufen. Als er nach einiger wieder aus dem Hause trat, wurde er von zwei Armeniern ungehalten, die ihn aussorderten, seinen Sack, den er beim Eintritt in das Haus auf einen Augenblick unbeaufsichtigt am Fuße der Treppe hatte liegen lassen, zu öffnen. Wie groß war der Schreck des armen Inden, als sich iu demselben die Leiche eines sieben Monate alten christlichen Knaben fand. Ein großer Lärm entstand, einige Griechen kamen hinzn, welche im Verein mit den Armeniern den armen jüdischen Trödler so lange mißhandelten, bis die Polizei kam nnd alle Betheiligten zur Wache mituahm. Jacob Sasson wnrde schon nach zwei Tagen wieder in Freiheit gesetzt, während die christlichen Attentäter in der Haft znrnckbehalten wurden. Ein zweiter Versuch wurde in Adalia, Vilajet Conia, gemacht, wo ein verrufenes griechisches Weib direkt dabei ertappt wnrde, wie sie in eil; jüdisches Hans ein todtes Kind einzuschmuggeln versuchte.Bei ihrer Vernehmung gestand das Frauenzimmer, vonzwei Christen zurAttsführungdieserThatgednngen worden znsein. Die Untersuchung ist eingeleitet. Am schlimmsten jedoch haben es zwei durchtriebene Griechen in Kairo angestellt, welche vorzüglich hispagnolisch sprachen und diese Kenntnis; zu folgendem niederträchtigen Tric benutzten. Sie verkleideter! sich nämlich als reisende Rabbiner und drangen unter dieser Maske in eine der Synagogen von Kairo. Glücklicherweise gehört zu einem Rabbiner etwas mehr als spagnolisch sprechen, und so schöpfte der Synagogendiener Verdacht und ließ unvermerkt die Polizei holen. Man kann sich den Schrecken der beiden falschen Rabbiner denken, als sie plötzlich vier handfeste Polizeibeamten vor sich sahen, die sie in sehr entschiedenem Tone anfforderten, ihre Felleisen aufzumachen. In denselben fand sich je ein totes Kind und je eine Flasche mit Blut. Auch hier sind die Behörden an der Arbeit, die weiteren Spuren des niederträchtigen Komplotts zu verfolgen. 4 In Algier geht es drunter und drüber. Herr Max Rögis hat jetzt an seiner eigenen Person erfahren, wie gefährlich es ist, mit dem Feuer zu spielen, denn er ist beinahe selbst der Aufregung zum Opfer gefallen, die er innerhalb der Bevölkerung Algiers systematisch schürt. Er ist von einem Gegner durch Revolverschüsse verwundet worden. Mit der Schlägerei, in der dies geschah, und mit dem gerichtlichen Nachspiel, das sie haben wird, ist es jedoch nicht abgethan, vielmehr ist zu befürchten, daß nunmehr in Algier Straßenkämpfe, Plünderungen, Judenverfolgungen u. s. w. in größerem Umfange wieder zum Allsbruche kommen werden. Infolgedessen hat sich die französische Regierung zu einem energischen Einschreiten entschlossen. Der Generalgouverneur Jonnart hat eine Verfügung erlassen, durch welche die Leitung der Polizei der städtischen Verwaltung voll Algier entzogen wird, und der Präsekt sowie die Militärbehörden mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung betraut werden. Der Geueralgouverneur hat ferner an die Präfekten eil: Rundschreiben erlassen, in welchem es heißt, daß Ruhestörungen, Rassenkämpfe auf die eingeborene Bevölkerung ansteckend wirken. Für unsere taubstummen Kinder! Von I. Herzberg, Bromberg. s ist bekannt, daß die jüdische Bevölkerung allerorten einen außerordentlich hohen Prozentsatz zu der Zahl der Taubstummen liefert. In einer „Taubstummenstatistik und Taubstummheit" betitelten Broschüre von Sanitätsrath Dr. Schwabach, die als Separatabdruck aus der Realeneyklopüdie der gesummten Heilkunde erschienen ist, werden uns hierüber Allgaben gemacht, die zu ernstem Nach-

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