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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-03 · Heft 18 (3.5.1901) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
Seite 216 (sequence 14)
Language
German
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216 Das Konzert in Windsor Castle nahm gegen 4 Uhr Nachmittags seinen Anfang. Im Waterloo-Saal, in dem alle musikalischen Veranstaltungen, oft auch Theateraufführungen z stattfinden, waren für ein Auditorium von 60—80 Personen Plätze hergenchtet. Die Königin erschien, begleitet voll der Kaiserin Friedrich, Prinzessin Beatrix, von den Herzoginnen von Teck und Rutland und nahm in der Mitte der erstell Reihe Platz. Ein größerer Kontrast war kaum denkbar, als der Glanz und die Pracht am Abend im Buckingham Palace und nun die fast bürgerliche Einfachheit im Kreise der königlichen Familie in Windsor. Die Königin trug wieder ein einfaches schwarzes Caschmirkleid und ein weißes Mullhänbchen, die Kaiserin Friedrich war ebenfalls in schwarz, und selbst die Herzoginnen und jungen Prinzessinnen waren einfach allgezogen. Die Kölligin nickte mir nach jeder Nummer freundlichst zu und am Schluß des Konzertes wurde mir die Ehre, in ein längeres Gespräch gezogen zu werden, wobei die Königin der Freude Ausdruck gab, daß eine deutsche Sängerin in London so viel Anerkennung gefunden habe. Auch die Kaiserin Friedrich sagte mir anerkenrrende Worte. Alls Wunsch der Königin wurde mir das Schloß gezeigt. Ich sah die Staats- und Audienzzimmer und, als besondere Gunst, die Privatgenlächer der Königin. Historisch interessant ist die St. Georgshalle, in der die Zeremonien des Hosenbandordens stattfinden und kaum zu trennen vermag man sich von den herrlichen Gemälden nnd Kunstschähen mit denen die Zimmer und Säle dekorirt sind. Kurze Zeit nach diesem für mich denkwürdigen Konzerttage erschien in dem dom-din^ üou86 in London, in dem ich wohnte, ein königlicher Kurier mit einem Schreiben, auf dessen Adresse ,,lrom lim Oueen" zu lesen war. Mau muß die abgöttische Liebe der Engländer für ihre Königin gekannt haben, um zu ermessen, welche Sensation das Erscheinen dieses Abgesandten und die Aufschrift des Briefes in der Pension hervorrief. Das Schreiben, das von einer entzückenden Brillantbrosche begleitet war, hatte folgenden Wortlaut: „Ihre Majestät die Kölligin beauftragt mich, Ihnen inliegendes Andenken zur Erinnerung all den Tag, all welchem Sie vor Ihrer Majestät gesungen, zu übersenden. Die Brosche sollte eigentlich schon früher all Sie gelangen, aber Ihre Majestät hatte in Folge vieler Besuche keine Zeit dieselbe auszuwühlen. . ." Wer wollte es mir verdenken, wenn ich an dem Kleinod, mit dem eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens verknüpft ist, mit besonderer Liebe und Dankbarkeit hänge? Fitterarrsche Mittheilungen. — Eine litterarische Auferstehung hat in diesen Tage eine kleine Schrift gefeiert, die oor 85 Jahren großes und gerechtfertigtes Aussehen erregte, seither aber vollständig vergriffen war. Damals regte sich in verschiedenen Ländern der alte Glaubenshaß vvn Neuem. Ludwig Philippson, der unvergeßliche Begründer dieses Blattes, schrieb daher, um ein tiefliegendes Vornrtheil, ja den Hauptgrund der Abneigung, die fromme Christen gegen die Juden hegten, zu beseitigen und eine versöhnlichere Stimmung bei den andersgläubigen Mitgliedern hervorzurufen, seine kleine, aber inhaltreiche Schrift: „H a b e n wirklich dieIuden I e s u m gekreuzigt?" (Leipzig, M. W. Kaufmann.» An der Hand der Quellen wies Philippson in durchaus objektiver Weise nach, daß die Römer bei der Verurtheilung und noch mehr bei der Hinrichtung eilte weit größere, die Juden aber eine viel geringere Nolle gespielt haben, als die drei synoptischen Evangelien solche jedem der beiden Völker znschreiben. Die Schrift ist sehr interessant nnd trotz des gelehrten Apparats so allgemein verständlich, daß sie geradezu als Muster für solche Untersuchungen auch heute noch gelten kann, zumal die neuereForschmig über die Ergebnisse, aus denen Philippson sein Urtheil zusammensehte, nicht hinansgekommen ist. So wird mall auch hellte noch, ja vielleicht gerade heute, wo an die Stelle des Glaubenshasses der Rassenhaß getreten ist, der ja zum Theil mit denselben Mitteln operirt, diese Schrift mit großem Nutzen und nicht geringem Interesse lesen. Prof. Martin Philippson begleitet die Arbeit seines Vaters mit einem Vorwort, in dem er die Mttheilung macht, daß die in fast sämmtliche lebende Sprachen übersetzte Schrift in Deutschland längst vergriffen ist. Er hat recht, wenn er unserer Zeit dieses Büchlein mit seiner eindringlichen Friedeuslehre von Neuem vorlegt, und wir schließen uns seinen! Wunsche an, daß es unparteiischer Aufnahme und gerechter Würdigung überall begegnen möge. — Die Knust ist international und interkonfessionell; nichts destoweniger ist angesichts der judenfeindlichen Strömungen der Gegenwart das Werk des bekannten Schriftstellers Dr. Adolph Ko Hut „Ber n hmte israelitis ch e Mäuu e r u u d F r a u e n in der Kult n r - geschichte der Mens ch heit" (Leipzig. A. H. Pahne), voll dem bis jetzt sieben Lieferungen erschienen sind, mit Freuden zu begrüßen. Der Verfasser beabsichtigt darin zu zeigen, wie groß die Kulturarbeit war, welche die Inden nnd die dem jüdischen Stamme entsprossenen Männer bereits vollbracht haben. In den uns vorliegenden ersten fünf Heften dieses Werkes werden in populärer, fesselnder Weise die bedeutendsten Tonknnstler nnd Virtuosen dargestellt. Neben ausführlichen Biographien und-Charakteristiken von Halövy. Goldmark, Mendelssohn-Bartholdy, Melierbeer, Offenbach, Ernst, Grün, Hauser. Joachim, Snlzer. Lewandowski und Anderen lernen wir eine große Anzahl weniger bekannte Geiger, Pianisten, Kapellmeister, Kantoren, Opern- und Konzertsänger kenne»!. Dieses ebenso belehrende wie unterhaltende Werk, das mit den Porträts nnd Faksimiles der Künstler versehen und ganz vorzüglich ansgestattet ist, wird Allen, welche sich für Kunst- und Kulturgeschichte iuteressiren, besonders aber allen Glaubensgenossen, auss wärmste empfohlen. Kprechsacrl. Geehrter Herr Redakteur! (Ac^el-chen Unsng die antisemitische Hetze hervorznrnfen vermag nnd mit welcher bodenlosen Unverfrorenheit Mittheilungen in die Welt gesetzt werden, darüber giebt Ihnen beiliegende Originalabschrift einer Postkarte Kcnntuiß. Die Schreiberin der Karte, ein junges, dummes, ganz unerfahrenes Mädchen von 15 Jahren, darüber amtlich befragt, vermochte nur dasselbe anzugeben, was Martha Lehmann nnd viele Andere in: Kouitzer Prozesse auszusagen wußten: „Na die Leute sagen es und erzählen's an der Ecke". Zur Erklärung für das Haarabschneiden bemerke ich, daß vor einigen Wochen mehrere halbwüchsige Gassenjungen des Abends den Dienstmädchen von den Kanflenten v. Bo.rtkowski und Gabriel Cohn hier die Zöpfe abgeschnitten haben und leider noch nicht ermittelt worden sind. Neu mark. Westpr., 23. April. Hochachtungsvoll C. L. (Abschrift.» N e u m ark, 3. April 1901. Liebe Marie! Ich ergreife die Feder in der Hand, um dir noch schnell Paar- Wörter zu schreiben. Bist du denn böse oder was das du jetzt gar nicht Zu mir schreibst. Bei uns in Neumark schlachten die Juden die Dienstmädchen. Von Gabrielkon haben die Juden das Haar vom Kopse abgeschnitten und wollten sie mit dem Messer durchstechen ich habe jetzt angst abends nach draußen zn gehen. Liebe Marie ich war Dienstag abends bei der Marie von Köpke und der Schuster hat mich abgebitten der Joseph nicht bloß der andre. Liebe Marie schreibe mir doch zu die Feiertagen ab sonst ich denk dich haben die Juden I geschlachtet Gruß und Kuß von deiner Freundin Lndwika. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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