Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 214 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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214 „Beides werden wir uns noch heute verschaffen," ententgegnete Jseslav, sich vergnügt die Hände reibend, „heute nach Sonnenuntergang gehen wir zu dem Juden Salomon; das ist ein steinreicher Mann, der Jude, und der wird uns helfen." „Und wenn nicht?" warf Mstislav ein. „Er wird, er wird," lachte der Großfürst, „laß mich nur machen, und Du wirst sehen, daß Jseslav von Kiew den Feinden schon den Herrn zeigen kann, komm, Du sollst meinen Plan auch gleich vernehmen." Lange und eindringlich unterhielten sich dann die Beiden, und es mußte wahrlich nichts Gutes sein, das sie im Schilde führten, denn auf ihren Gesichern glühte heimtückische Freude. * -r- * Während Boleslav und Recha in Deborahs Häuschen sich ihrer jungen Liebe freuten, betraten Jseslav und sein Sohlt die Schwelle von Salomons Wohnung. Der Jude empfing die beiden Großfürsten unter liefen Bücklingen und geleitete sie in die Wohnstube, wo er sie Platz zu nehmen ersuchte. „Nein, nicht hier," sagte Mstislav, „wir haben Wichtiges mit,Dir zu reden, Salomon, und deshalb führe uns au einen Ort, wo wir nicht belauscht werden können." „Seid ohne Sorge, gnädiger Großfürst, in meinem Hause gibt es keine Spione." „Und Eure Hausgenossen?" frug Jseslav. „Ich Hab' Niemand im Hause als meine Tochter," gab Salomon zur Antwort, „und diese ist mit ihrer Magd ausgegangen." Bei Nennung der Tochter flog ein Lächeln um die Züge Mstislavs, während auf den Zügen seines Vaters ein hämischer Zug erschien, der sein verkniffenes Gesicht fratzenhaft entstellte. „Wenn es auch," sagte er zu dem Juden gewendet, „hierbei Dir sicher ist, so ist es immerhin noch sicherer und mir darnm auch viel erwünschter, wenn wir uns in das Gewölbe begeben, wo ich schon einige Male mit Dir gesprochen." „Weshalb, Herr Großfürst?" wagte der Jude. „Aha!" rief Mstislav dazwischen, „Du fürchtest, Jude, daß wir da drinnen Deine Schätze sehen und lüstern danach werden!" „Kurz und gut," entschied der Großfürst, „führe uns in das Gewölbe." Und sofort begann er dem etwas scheu blickenden Juden sein Allliegen vorzutragen. „Denn sieh, Salomon," redete er aus ihn ein, „Du bist stets ein guter Unterthan gewesen, und ich mag Euch Juden gern. Ihr habt Euch nie zu beklagen gehabt bisher unter meiner Herrschaft — ja, das hat freilich ein Ende genommen, seitdem die Poleil hier Hansell mit ihrem verbrecherischen Köllig, da ist ans Kiew eine mörderisch verwilderte Stadt geworden und scholl gar ihr Juden habts nicht gut. Die Polen drücken und knechten Euch, wie sie es nur vermögen, ich freilich Hab Euch Juden stets geschützt und mit meiner väterlichen Hand jede Unbill von Enrem Haupte gewendet, wenn der elende Pole Euch neuerdings treffen wollte, - und hauptsächlich Dich, Salomon, Hab' ich beschützt vor allen anderen, denn Dir bin ich voll Teuren Glaubensgenossen zumeist gewogen; und darum komm ich auch zu Dir, wo jeder Dmiwr Glaubensgenossen glücklich wäre, mir zu dienen, weil ich Dir gut bin und Dich den anderen Inden in Kiew weit vorziehe." „Und was begehrt der gnädige Großfürst voll mir?" fragte mit leisem Zagen der Jude. „Welchen Dienst könnte der arme Salomon dein mächtigen hohen Großfürsten erweisen?" „Der arme Salomon!" lachte Mstislav, „dem Gemache da kann mall die Armuth gerade nicht ansehen!" „Das, edler Herr, sind zumeist anvertraute Maaren, für die ich den Besitzern haften muß. . . ." „Schorr gut," unterbrach ihn etwas heftig Jseslav. „Du Haft aber auch noch eigen Gut genug, und davon — um kurz zur Sache zu kommen — sollst Du mir vorstrecken. Ich brauche Waffen, viele und gute Waffen, und dann auch Geld ..." „Vieles und gutes Geld," witzelte der Junge. Jseslav warf ihm einen strafenden Blick zu, und dann sich wieder au den Juden wendend, fuhr er fort: „Es ist nicht zu viel, was ich begehre, wahrlich nicht zu viel für Deinen Neichthnm und schon gar nicht zu viel für den edleu Zweck, dem es dienen soll." „Darf Salomon wissen," warf der Jude ein, „zu welchem Zwecke und wie hoch die Summe . . „Tausend Pfund Silber," schnitt der Großfürst des Juden Einwendungen rasch ab. „Tausend Pfund Silber!" wehklagte Salomon. „Ich bin ein armer Mann ..." „Mach uns nichts vor!" sagte barschen Tones Mstislav, „wir wissen, daß der Jude Salomon ein reicher Mann ist und daß tausend Pfund für ihn nicht zu viel sind, schon um eines solchen Zweckes willen." „Darf ich erfahren, edler Herr, welchem Zwecke mein Geld dienen soll?" „Du sollst es wissen," belehrte ihn der Großfürst. „Alles sollst Du von uns erfahren, aber erst gieb mir das Geld." „Ich Habs reicht," jammerte der Jude. „Dein Jammern hilft nichts," beharrte Jseslav, „ich wills haben — denn damit wollen wir die verhaßten Polen vertreiben . . ." „Was kümmern mich die Polen? Was habe ich mit Jenen?.." „Du freilich hast nichts mit den Polen zu thun," lachte der Großfürst, „dagegen aber —" und ein Zug thierischer Grausamkeit erschien aus seinem verschmitzten Gesicht — „ja, dagegen Deine Tochter, Deine Recha, die die Geliebte des Polenkönigs ist." „Meine Necha!" rief mit verächtlichem Achselzucken Salomon. „Da seid Ihr falsch berichtet. Ein jüdisch Kind ist nicht die Geliebte eines fremden Mannes, auch eines Königs nicht." „Armer Verblendeter!" rief der Großfürst, „so frage docl alle Höflinge und die halbe Stadt, und Alle werden es Dir bestätigen, daß ein jüdisch Kind," spottend äffte er dem Un glücklichen diese Worte nach, „daß Euer jüdisch Kind dennoct des Königs Dirne ist." Mit einem lauter: Wehrnf war der Alte zusammengestürzt, und jetzt ächzte und stöhnte er wie ein zu Tode getroffenes Thier. „Nein, nein! Gewaltiger Gott! Eine Tochter Israels meine züchtige Necha, mein frommes Kind, eine Buhlerin! Dm ist nicht möglich, das ist nicht wahr!" „Und wenn ich Dir's bei meinem Heiland schwöre und Dir mein fürstliches Wort gebe." Der Jude verhüllte sich das Haupt mit seinem Kaftan, und ein heftiges Schluchzen erschütterte seinen Körper.