Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 213 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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2l3 schüft, der eigene Sohn weidet sich an der Schmach, mit welcher sich der berauschte Noah im Schlafe bedeckt hat, um später den Fluch des Vaters davon zu tragen. Insbesondere werden die Priester gemahnt, sich des Weines und des Berauschenden zu enthalten, wenn sie Willens sind, ins Heilige zum heiligen Dienste einzutreten. Priester und Lehrer sollen im Momente ihres Priester- und Lehrdienstes von allen die klare Einsicht leicht trübenden Getränken sernbleiben, um ja nicht ihre Phantasie zu erregen und Eingebungen ihres Innern an Stelle des göttlichen Willens zu lehren. Auch dem Nasir, der sich mit seinem ganzen Sein und Wollen dem Dienste Gottes hingegeben, ist während der ganzen Zeit seines freiwillig übernommenen Nasirthums Wein und alles, was vom Weinstock kommt, streng untersagt. Sonst aber finden wir nirgends in der Bibel ein Verbot, das sich gegen den Genuß berauschender Getränke wendet. Es spielt vielmehr im religiösen Leben speziell der Wein eine nicht unwichtige Rolle. Der Sabbath wie der Festtag werden begrüßt und auch verabschiedet unter entsprechenden Segenssprüchen über einen Becher, gefüllt mit edlem Rebensaft, des Weines wird bei allen Familienfesten bcnöthigt, der Wein steht im Mittelpunkte der Sederfeicr an den Pessachabeuden, — alles dies beweist wohl deutlich, daß dem Weine an und für sich eine segensreiche Wirkung zuerkannt wird. Entsprechend der Tendenz, in der sich der Talmud auf dem Grund und Boden der Bibel ausbaut, ist auch der Standpunkt desselben in der Frage des Alkoholismns ganz und gar durch letztere bedingt. Auch hier wird der Wein nnd was ihm verwandt ist, falls mäßig genossen, als stärkend, erquickend und erheiternd gekannt und dafür empfohlen. „Ohne den Wein ist keine rechte Freude zu denken, nur beim Weine läßt sich ein wahrer Freudengesang anstimmen." „Alter Wein eignet sich besonders für Greise." „Der Wein ist auch geeignet, die Trauernden zu trösten." „Der Essig wirkt erfrischend und giebt Einem das Leben wieder." Hoch wird der medizinische Werth des Weines angeschlagen. „Wein bringt dem Blute die richtige Röthe." „Das vorzüglichste Heilmittel ist der Wein, und nur dort, wo er nicht zu haben ist, soll er durch andere Medikamente ersetzt werden." Es fehlt aber auch nicht an Warnungen vor den Folgen des Rausches. „Berausche dich nicht, dann wirst du nicht sündigen." „Im Rausch giebt der Mensch sein eigentliches Wesen zu erkennen." „Zieht der Wein eilt, so verläßt das Geheimniß den Menschen." „Der Wein ist die Ursache für so manchen Kummer in der Welt." In dem Gewände einer schönen Parabel werden uns treffend die verschiedene» Wirkungen des Weines gezeigt. Als Noah den Weinberg pflanzte, da gesellte sich zu ihm der Satan und fragte ihn: „Bist Du zufrieden, daß wir ihn gemeinsam pflanzen?" „So sei es," lautete die Antwort. Da brachte Satan ein Lamm, einen Löwen, eilt Schwein und einen Affen und schlachtete diese Thiere nacheinander über dem Weinstvcke. Darauf sprach er zu Noah: „Hier hast Du die Zeichen der Kraft des Weines! Sanft und iromm wie ein Lamm ist der Mensch, trinkt er nur einen Becher. Folgt dann ein zweiter, ist er stark und muthig wie ein Löwe. Ist er aber unmäßig, trinkt er über Gebühr, wird er bald dem unsauberen Thiere gleich, das sich im Koth und Schlamme wühlt, bald dem Affen ähnlich, über den sich die Menschen belustigen." Ein ähnlicher Gedanke liegt auch in folgendem Ausspruche: Mancher trinkt Wein, und er bekommt ihm gut (dies ist dann, wenn er mäßig bleibt). Mancher aber trinkt Wein, und dies führt zu seinem Unglück. Wollen wir, die obigen Ausführungen znsammenfassend, nurnuehr den Standpunkt von Bibel und Talmud genau bestimmen, so ergiebt sich wohl daraus, das; wir für den Gebrauch alkoholhaltiger Getränke nur die gleiche Mahnung hören, wie sie bei allen Genüssen beherzigt werden soll: Halte Maß, bleibe auf der goldenen Mittelstraße. Da aber die Grenze zwischen erlaubt und verboten gar leicht überschritten wird, gilt als weise Regel: Lieber zu wenig als zu viel. Es ist dies ein Standpunkt, den auch jüngst in Wien viele Gelehrte von Ruf hervorgekehrt haben, und der sicher unsere Billigung verdient. Lvli.n'ron Me Königsbraut. Historische Erzählung von Carola Buchheini. XVII l. .^M^eht, ruft mir eiligst meinen Sohn herbei, de» Fürsten Mstislav!" gebot der russische Großfürst, „sagt, ich habe s> Eile und Wichtiges mit ihm zu verhandeln!" — Mit verdrießlichem Gesicht trat der junge Großfürst ein, und sich vor seinen Vater hmstellend, sagte er mit schlecht verhehltem Aerger in der Stimme: „Du hast Wichtiges mit mir zu berathen, ließest Du mir sagen — was könnt's denn sein, das für uns Beide so große Eile hätll nnd »ns so wichtig wär .," „Nim, nun," schmunzelte Jseslav, „das wirst Du gleich hören und dann urtheile, ob für uns nichts Wichtiges mehr ist!" Mstislav horchte ans. „Ja, ja," lachte Jseslav in sich hinein, „jetzt möchtest Du mir wieder die Neuigkeiten von der Stirn lesen . . „Mach schnell," unterbrach Mstislav in feiner gewohnten Rohheit den Vater. „Also schnell: die Polen, hörst Du, unsere Feinde, die Polen, haben heilte Nacht die Stadt verlassen . . „Was sagst Du? Die Polen? Und Boleslav? „Nein, nein, mein Junge, nur ein Theil der Polen hat mit seinem reisigen Volke und dein Troß Kiew verlassen. Der König aber, der verhaßte Boleslav, ist hier geblieben, nnd mit ihm nur ein kleiner Anhang," Mstislav war mit einem Schrei aufgefahreu. „Siehst Du nun," lachte heimtückisch der Alte, „hast' ich da nicht Recht, wenn ich Dir von sehr Wichtigem sprach und Dich zur größten Eile antrieb?" „Ja Eile! Du hast Recht! Handeln wir!" rief mit heiserer wutherstickter Stimme der Junge, „aber," fügte er hinzu, „können wir uns auch aus die Kiewer verlassen? Bist Dir ihrer, die nns schon einmal so schnöde behandelt, so sicher?" „Da, wo es sich gegen die Polen handelt, ja. Und wo es gilt, ihr verhaßtes Joch abzuschütteln, — heute schon beginnen wir mit unserem Werke, ich will nicht lange zögern , . „Dir vergissest, Vater," warf hier Mstislav ein, „daß es uns an vielem gebricht, wir haben nicht viel Waffen und auch nicht allzuviel Geld . . ."