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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-03 · Heft 18 (3.5.1901) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
Seite 212 (sequence 10)
Language
German
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212 Bericht sehr lückenhaft war und die dort fortgelassenen Schulen diesmal ihre Zahlen angegeben haben. Die Tabellen ergeben im Großen und Ganzen eine erfreuliche Besserung gegen die Vorjahre, aber sie lehren doch gleichzeitig, daß der Geineindeoorstand noch weit mehr es sich angelegen sein lassen muß, die Theiluahme der jüdischen Kinder am Religionsunterricht anzuregen und zu fördern. Unseren Lesern ist es ja bekannt, daß der Gemeiudevorstand auf Grund einer namentlichen Liste, welche ihm vom Polizeipräsidium zugeht, die Eltern an ihre Pflicht mahnt, ihre Kinder dem Religionsunterrichte zuzuführen. Auf die letzterlassenen Schreiben — etwa 6 bis 760 — sind 138 Antworten eingegangen. In 68 Fällen hatten die Kinder anderweitigen jüdischen Unterricht, in 21 Fällen wurde Abhilfe zngesagt, in 14 Fällen hatten die Kinder bereits das schulpflichtige Alter überschritten, in 1 Falle war das Kind nur vorübergehend in Berlin, in 23 Fällen haben die Erzieher die Kinder als zu jung und schwächlich entschuldigt, in 7 Fällen nahmen die Kinder am christlichen Unterricht Theil, in 3 Fällen waren die Kinder getauft und in 1 Falle war das Kind bereits gestorben. Wenn auch die Zahl der eingetroffenen Antworten nur eine kleine ist, so darf doch der Gemeinde- Vorstand wegen der bisherigen geringen Erfolge diesen Weg zur Abhilfe nicht wieder aufgeben. Allerdings ausreichend erscheint er in keinem Falle. Vor allen Dingen sollte der Vorstand baldigst mit den Leitern der Privatschulen entweder auf schriftlichem Wege oder besser noch in Form einer Konferenz in Verbindung treten, um diesen klar zu legen, daß ihnen durch die Einrichtung eines jüdischen Religionsunterrichtes weder Mühen noch irgend welche Kosten bereitet werden. Ferner sollte auch der Gemeindevorstand den Zeitpunkt der Aufforderung zur diesjährigen Repräsentantenwahl nicht unbenutzt vorübergehen lassen und sämmtliche Gemeindemitglieder zu ihrer Pflicht in der eigenen Familie aufrnfen und zur Förderung dieser wichtigen religiösen Frage in ihren Freundeskreisen anregen. Um eine größere Betheiligung der Mädchen am Religionsunterrichte zu erzielen, empfiehlt es sich', die seelsorgerische Mithilfe in Anspruch zu nehmen. Die Rabbiner müßten sich mit den Müttern der ihnen namentlich bekannt gegebenen Kinder in persönliche Verbindung setzen und diesen die großen Nachtheile für das Kind, das Haus und die ganze Familie klar legen, wenn die fernere Theiluahme des Kindes am christlichen Religionsunterricht verstauet wird. Nachdem es erst neuerdings nicht ohne große Mühe» gelungen ist, die Ertheilung von jüdischem Religionsunterricht auch an den öffentlichen höheren Töchterschulen zu erzielen, darf auch kein Mittel unversucht gelassen werden, dem Unterricht auch eine größere Theiluahme der Zöglinge zn sichern. Bei unablässigem Eifer des Gemeindevorstandes wird der Erfolg sicher nicht ausbleiben, und es werden sich bald Zahlen für die ohne Unterricht befindlichen oder am christlichen Religionsunterricht theilnehmenden jüdischen, Kinder ergeben, welche zur Zahl der Gesammtheit der schulpflichtigen jüdischen Kinder gar nicht in Betracht kommen. Denn zweifellos wird in dieser außerordentlich wichtigen Frage seitens der Eltern und Erzieher mehr aus Nachlässigkeit, Unkenntniß und Kurzsichtigkeit gefehlt als aus voller Absicht. Gegen den AlkshoUsmus. Von Dr. M. Lewin in Wreschen. ie wir alle moderne» Bestrebungen und Veranstaltungen mit Vorliebe auch vom Standpunkte des Judenthums betrachten, so dürfte anläßlich des internationalen Kongresses zur Bekämpfung der Trunksucht, der jüngst in Wien getagt hat, mancher der geschätzten Leser dieses Blattes sich wohl die Frage vorgelegt haben, wie Bibel und Talmud sich zum Alkoholgenusse stellen. Die Antwort soll hier in einigen Anssührungen folgen. Von Getränken werden in Bibel und Talmud außer Wasser und Milch genannt: Wein, Essig, Würzwein, Bier (entweder ans Salz, Safran und Gerstensast verfertigt, oder aus dem Saft der Dattelfrucht hergestellt), Granatapfelmost »nd Honigwein. Die Auswahl ist, ivie wir sehen, gerade nicht groß, es fehlen hier vor allem diejenigen Getränke, deren Mißbrauch besonders zum Kampfe gegen den Alkvholismus herausfordert. Vergleichen wir nun die Stellen der heiligen Schrift, an denen des Weines wie der ihm verwandten Getränke Erwähnung gethan wird, so können wir eine entschiedene Abneigung gegen deren mäßigen Gebrauch nicht wahrnehmen. Im Gegentheil! Wir hören vom Weine, daß er des Menschen Herz erfreut, daß er fröhlich macht die Lebenden, daß an ihm auch Gott seine Freude findet. Wir sehen in dem Buche Ruth, wie hier den Schnitterinnen Essig als kühlender Trank gereicht wird, nnd Boas, da er der fremden, verlassenen Ruth liebevoll begegnet, sie einladet, zur Essenszeit sich vom Brode zu nehmen und in Essig zn tauchen. Der Prophet, der dem Volke das Eintreffen göttlicher Strafgerichte ankündigt, giebt seinen Worten Nachdruck durch den Ausruf: „Und Wein aus den Keltern schaffe ich weg, nicht mehr keltert inan unter Herbstjubel — Feindesjubel, nicht Herbstjubel." Hingewiesen sei hier auch darauf, daß in den prophetischen Reden häufig der Weinberg und seine edle Frucht als Bilder für Israel ge braucht werden. Allerdings wird in eindringlichster Weise vor übermäßige»' Genuß alkoholhaltiger Getränke gewarnt. „Wehe," ruft de' Sprnchdichter aus, „wer hat Zänkerei, wer Klage, wer Wunden unnöthigerweise, wer Röthe der Angen? Die spät beim Weine verweilen, die da kommen zu untersuchen den Mischtranl Siehe (darum) nicht an den Wein, wenn er rvthelt . . ." (d. h meide jede Gelegenheit). Seine donnernde Stimme erheb Jesajas gegen alle Jene, die schon früh am Tage dem Rausch tränke nachjagen und spät noch am Abend sich vom Wein erhitzen lassen. In sarkastischer Ironie ruft er aus: „Weh denen, die Helden sind, - um Wein zu trinken, tapfer- Männer, — um starkes Getränk zu mischen." Mehr abe noch als durch bestimmte Aussprüche geißelt die Bibel dm Laster der Trunksucht durch ein Bild, das sie uns auf ihrei ersten Blättern entrollt. Noah ist mit seiner Familie den ver heerenden Wasserfluthen glücklich entgangen, er hat die trvst reiche Verheißung empfangen, daß die gleichmäßige Ordnung in der Natur fortan nicht mehr gestört werden soll; da geher hin, bemächtigt sich der Erde und Pflanzt einen Weinberg. Wie er den Segen seiner Arbeit gewahrt, den ersten Wein aL den deutlichsten Beweis, daß der alte Segen der Erde nichl geschwunden ist, — da genießt er von der Frucht, er gehl aber über das Ziel hinaus nnd wird trunken; bewußtlos lind jeder freien Regung unfähig, ist er ein Spielball der Leiden-

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