Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 210 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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210 ausgesprochen hätten. Geheimrath Senator tritt den Ausführungell Simons bei und weift darauf hin, daß gelegentlich doch jüdische Väter durch den Schulgeldzwang verleitet werden könnten' ihreKinder in den unentgeltlichen christlichenReligionsunterrichtzu senden. Herr Dr. Ster n. derhenteals Gemeindeältester seine „Jungfernrede" hielt, trat noch einmal eindringlich für den Konunissionsautrag ein. Er hob noch einmal die gegenteilige Ansicht der Sachverständigen hervor und betonte das erziehliche Moment, welches in der Verschmelzung der verschiedenen Individualitäten und in der Assimilirung der wohlhabenden und minderbegüterten Kinder liege. Eine bekannte Eigenschaft der Inden sei es, denjenigen Institutionen, deren Benutzung nichts koste, mit einem gewissen Skeptizismus gegenüber zu stehen und diese für minderwerthig zn erachten. Der Gemeindevorstand trage bell gegenwärtigen Verhältnissen am bestell Rechnung, indem er das Schulgeld herabsehe, und insbesondere den Eltern, welche freies Schulgeld verlangen, das größte Entgegenkommen zeige. Jedoch alles Muhen des Vorstandes war vergeblich, die Abstimmung erbrachte für den Ansschußantrag. den Unterricht in den Gemeindereligionsschnlen unentgeltlich zu gestalten, die stattliche Majorität voll 10 gegen 4 Stimmen. Pünktlich nm 12 Uhr wurde alsdann die A m tsei n sü hrn ng des zum Aeltesten-Stellvertreter gewählten Landgerichtsrath Löwe statt. In seiner eindrucksvollen Ansprache wies Herr Leonhard Sachs darauf Hill, daß er es nicht für uothig erachte, dem Gewählten die Pflichten des Amtes vorzusühren, da Arbeitskraft und Pflichttreue nach jeder Richtung und zu allen Zeiten bei ihm zu finden gewesen seien. Er hob hervor, daß, als im Ausschuß der Name Lowes als Kandidat genannt worden, jede weitere Kandidatur unterblieben sei, wodurch mall ausgesprochen habe, daß in dem Erwählten alles Wünschenswerthe gesunden sei. Daß die Entsendung in den Vorstand nach kaum zweieinhalbjühriger Thätigkeit vollzogen sei, das dürfe auch den Beweis geben, wie hoch die Thütigkeit des Gewählten bemessen werde. Die Nepräsentautenversammlung. welche das Ausscheiden Löwes lebhaft bedauere, sei der Allsicht gewesen, daß die in ihm verkörperten Eigenschaften am vollsten und besten im Vorstande zur Geltung kommen würden. Die Versammlung habe in dem Gewählten ein starkes Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, ein volles Verständniß für alle Richtungen in der Gemeinde kennen gelernt und habe das Vertrauen, daß das bisherige gute Verhältniß zwischen den Schwesterbehörden durch den Gewählten in noch erhöhtem Maße gefördert werde. Der Vorsitzende schließt, indem er den Kandidaten auf sein neues Amt durch Handschlag verpflichtet, mit dem Wunsche, daß dessen neue Thätigkeit nach jeder Richtung hin eine gesegnete sein möge. Der Neugewählte dankt für die freundlichen Worte, verspricht, seine leider nur karg bemessene freie Zeit voll und ganz der Gemeinde zn widmen und hofft, daß die ausgesprochenen Wünsche in Erfüllung gehen mögen. Tie Auslosung der Aeltestenstellvertreter ergiebt als Resultat, daß die Amtsdauer der Herren Oskar Berlin und Sanitätsrath Iastrowitz mit Ende dieses Jahres abläuft, während die Amtsverpflichtnng der übrigen fünf Stellvertreter bis zum 31. Dezember 1904 wahrt, lieber die Wahl wird ein Protokoll ausgenommen und zur Verlesung gebracht. Zum Schlüsse der öffentlichen Sitzung folgen noch neun Subventionsanträge, welche fast alle debattelos in der vorgeschlagenen Höhe bewilligt werden, und zwar für Ahawas scholaum 1600 Mark, für Beth Zion 1000 Mark, für Liepmann-Thauß 1500 Mark (nur für das Jahr 1901/1902, der Unterricht ist hier nach dem Gutachten des Rabbiners Dr. Rosenzweig der Verbesserung bedürftig), für den Neligionsverein Westen 6500 Mark, sür Schochare hatow und B'ne Brith 3200 Mark, für die Religionsschnle in Steglitz 1000 Mark, sür den Verein sür jüdische Geschichte und Literatur 800 Mark, für die Erziehungsanstalt in Ahlem 500 Mark, sür den israelitischen Volkskmdergarten und Hort 300 Mark. Die Subventionen sind mit Ausnahme der besonders erwähnten sämmtlich für die Etatsperiode von drei Jahren bestimmt. Der darauf folgenden geheimen Sitzung lag nichts Wesentliches zur Berathnng vor. Der Beschluß der Repräsentanten, das Schulgeld in den Neligionsschnlen ausznheben, ist in jedem Falle von schwerwiegender Bedeutung. Me Beteiligung der schulpflichtigen Kinder nm jüdischen Religionsunterricht. 8. Berlin, 23. April. gleichen Zeit wie im Vorjahre hat wieder das königliche Provinzialschulkollegium dem hiesigen Gemeinde- Vorstand zwei Tabellen zugehen lassen, und zwar eine Uebersicht über die schulpflichtigen jüdischen Kinder in Berlin, welche ergangener Aufforderung ungeachtet weder den von der Synagogengemeinde eingerichteten noch anderen Religionsunterricht erhalten, und ferner eine vergleichende Tabelle zwischen den Jahren 1897/98 und 1900/01, welche an den Stichtagen 1. Oktober 1897 und 1900 ausgenommen worden ist. Die erste Tabelle ist, nach Schulklassen in zwei Gruppen getrennt, am 1. Oktober 1900 ausgestellt; der jüngste Jahrgang umfaßt die drei untersten Klassen der Gemeindeschulen, der Vorschulen und der höheren Lehranstalten und etwa vier Klassen der höheren Mädchenschulen. Die Zahl der an den höheren Lehranstalten und dem Prinz Heinrich-Gymnasium in Schöneberg befindlichen jüdischen Knaben betrug in den älteren Jahrgängen 2077, in den jüngsten Jahrgängen 895, die Zahl derjenigen ohne Unterricht für die erste Kategorie 25 (1,20 pCt.), für die zweite 35 (3,91 pCt.). Im Vergleich zürn Vorjahre ergiebt sich, daß die Zahl für die älteren Jahrgänge eine höhere ist, und unter, diesen die Zahl derjenigen ohne Unterricht abgenomrneu hat. Dagegen ist die Zahl der in den jüngsten Jahrgängen befindlichen Knaben eine geringere geworden, und Zahl und Prozentsatz der Knaben ohne Unterricht gestiegen. Der Grund hierfür — wir folgen hierbei den in der letzten Repräsentantenversammlung von Herrn Prof. Blaschke in eurem sehr eingehenden Referat-, gegebenen Erläuterungen — läßt sich aus den Tabellen nichi ersehen. Möglicherweise ist die Theilnahme der jüngeren Kinder am Unterricht noch nicht vorr den Eltern gewünscht worden vielleicht ist auch im Stundenplan eine Schwierigkeit gefunden worden, daß die jungen Kinder entweder eine Stunde frühe! hätten zur Schule gehen oder eine Stunde später aus de. Schule kommen müssen. In den öffentlichen höheren Mädchen schulen betheiligten sich unter 983 Schülerinnen irr den älterer Jahrgängen 14 (1,42 pCt.), unter 577 Schülerinnen in der jüngsten drei Jahrgängen 6 (1,04pCt.) nicht am jüdische- Religionsunterricht. Recht auffällig erscheint, daß die Zahl de in diesen Schulen befindlichen jüdischen Schülerinnen gegen das Vorjahr, das noch 1709 Schülerinnen aufwies, erheblic abgenommen hat; es sind in diesem Jahr nur noch 1560. Es in kaum anzunehmen, daß die jüdischen Eltern in geringeren- Maße ihre Kinder in diese Art Schulen schicken, wenn gleich auch der Verwaltungsbericht, welchen die Stad' Berlin herausgegeben hat. eine allgemeine Abnahme dt.n Zahl der in den höheren Schulen befindlichen Zöglinge hnN konstatiren können. Es bleibt jedoch die Möglichkeit offen, van die Mädchen in die privaten Töchterschulen in größerer ZaU übergeführt, oder aber, daß die Kinder dem christlichen Glauben zugeführt worden sind. Eine fernere Möglichkeit besteht endlnn darin, daß die Zahl der jüdischen Mädchen vielleicht eine g^ ringere geworden ist, damit würde natürlich auch die Zahl dceingeschulten Mädchen eine Abnahme erfahren. Es kann uns ß doch die Thatsache Beruhigung gewähren, daß auch die Zahl der ohne Unterricht befindlichen Mädchen im entsprechenden Verhältniß, und zwar in beiden Alterskategorien, abgenommen hat. Für die städtischen Gemeindeschulen ergiebt sich das er