Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-03 · Heft 18 (3.5.1901) · p. Seite 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
Seite 208 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228438--57511-3293891
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

208 Beschuldigung überhaupt nicht anskonnnen und nicht auch bei „Gebildeten" so feste Wurzeln fassen können. Und das ist eben das Dämonische, das; man es hier nicht blos mit einem „Pöbelwahn" zu thuu hat, sondern das; er auch in weiten Kreisen der „Gebildeten" verbreitet ist und von solchen noch geflissentlich verbreitet wird. Doch brauchen wir nicht völlig zu verzweifeln. Es sind noch keine dritthalb Jahrhunderte verflossen, seit die Menschheit, und auch hier die „Gebildeten", Theologen und Juristen an der Spitze, in den Banden des Hexenwahns lag, und doch ist er überwunden worden. Wird auch die Stunde kommen, uw der von Thorheit und Entsetzlichkeit mit ihm wetteifernde jüdische Blutwahn zu den überwundenen Dingen gehört? Gott gebe es! Auf jeden Fall kämpft, wer gegen diesen Wahn zu Felde zieht, sür die heiligsten Güter der Menschheit, denn sein Bestehen gehört zu den traurigsten und beschämendsten Dingen und ist geradezu ein Schandfleck für die Menschheit." Aehnlich äußern sich Dr. K. Furer, Professor der allgemeinen Neligionsgeschichte an der Zürcher Universität, desgleichen die Theologieprofessoren Dr. Gregory in Leipzig, Dr. Dührn in Basel und Dr. Christ in Zürich. Professor Dr. L. Aegidi in Berlin erklärt sich die grundlose Beschuldigung eben daher wie die Beschuldigung der ersten Christen in Betreff der geheimen Feier des Abendmahles. Professor Schwenninger schreibt: „Ich halte die Annahme eines Nitnalmordes seitens der Juden für einen Unsinn, der nur in dummen und gemeinen Gehirnen ausgeheckt, weiter gepflegt und zu bestimmten Zwecken ausgebentet wird. Schwer ist das ja nicht, da ja die Dummen immer noch die mehreren sind. Ich kann mir für die Erklärung der Entstehung der Idee vom Nitualmord, da ich nicht Positives anznsühren weist, nur den Rassenhaß vorstellen, und als wirksamstes Mittel zur Bekämpfung der durch nichts als durch wild gemachte Phantasie erklärlichen Fabel vom Nitualmord gilt mir neben Aufklärung und Bekämpfung des unwürdigen Antisemitismus vor allem die Forderung der allgemein menschlichen, nicht blos christlichen Toleranz." Inzwischen hat auch der rühmlichst bekannte katholische Pfarrer Dr. Frank, früher Mitglied des Reichstages, ein sehr wichtiges Buch unter dem Titel veröffentlicht: „Der Ritnalmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit," in dem er die Blutlüge mit großem Nachdruck zurückweist. Wir werden das bedeutsame Werk noch ausführlich besprechen. 4 Mit dem Rücktritt des rumänischen Ministeriums Carp ist auch die Hoffnung auf eine gesetzliche Regelung der Rechtsverhältnisse der fremden Religionsgenofsenschaften und damit die Aussicht geschwunden, daß den rumänischen Juden durch die Organisation vom Staate anerkannter Schul-und Kirchengemeindeu ein Ersah für ihre wenn auch nicht gesetzliche, so doch tatsächliche Ausschließung von den Staatsschulen geboten werde. Da sich nun außerdem die Geschäftsverhältnisse im Lande seit dem letzten Frühling keineswegs gebessert haben, so ist es nicht zu verwundern, daß trotz aller im Vorjahre gemachten schlechten Erfahrungen von der großen Menge der rumänischen Juden die Auswanderung als der einzige Weg zur Rettung aus ihren; Elend angesehen wird. Glücklicherweise hat sich aber in diesem Jahre die Lolomsation ^ssoemlion der Sache angenommen und unter Erörterung der hierfür erforderlichen Geldmittel die rumänische Auswanderungsbewegung in eine zweckentsprechende Bahn geleitet. Im Laufe dieses Jahres soll eine größere Anzahl von 200 bis 300 Köpfe starken Allswanderergruppen in Kanada angesiedell werden. Zwei solche Gruppen sind bereits in aller Stille und ohne jedwedes Aufsehen aus der Moldau nach Amerika abgegangen; eine dritte Gruppe folgt dieser Tage nach, und glaubt man noch im Laufe dieses Jahres für 5000 bis 6000 rumänische Juden jenseits des großen Wassers eine neue Heimath gründen zu können. Und zwar sind es ausschließlich jüngere, zumeist unverheirathete Männer, welche als Kolonisationspiouiere abgeschickt werden, um das Feld für den späteren Zuzug ihrer Familienangehörigen vorzubereiten. Angesichts dieses von der C. mit großer Umsicht gemachten praktischen Versuches, dem Elend, namentlich der Moldau, allmälig abzuhelfen und den in Rumänien rechtlos in Bildungsarmuth und Noth vorkorumendcn Proletariern fruchtbringende Arbeit als Kolonisten zu verschaffen, hat die dort früher viele Allhänger besitzende zionistische Bewegung sehr all Einfluß verloren. 5 In Bulgarien scheint man die antisemitischen Moden mitmacheu zu wollen. Eine Straßeudemonstration vor dem Hanse des Großrabbiners, der ein junges Mädchen unter 16 Jahren, die zu ihrem christlichen Liebhaber geflüchtet war zurückgebracht hatte, konnte ohne das energische Einschreiten der Behörden leicht gefährliche Dimensionen anuehmen. Nur dem energischen und überlegten Vorgehen des Polizeipräfekten von Sofia ist es zu danken, daß die Demonstration der sick wie rasend geberdenden Menge ohne Blutvergießen verlaufen ist. Das Mädchen hat das 16. Lebensjahr, mit welchem sn majorenn wird und über sich selbst verfügen kann, noch nich erreicht. Bis zur Erreichung dieses Alters hat über sie, da si zu ihren Eltern nicht Zurückkehren will, der Oberrabbinc als geistliche Behörde das Verfüguugsrecht. Nach den Eim tragungen beim Rabbinate wird Linda Uziel im Juni, nam einem Schulzeugnisse am 19. April und nach einem vom Ge meindeamte ausgestellten Geburtszeugnisse am 2. September d. I 16 Jahre alt. Der Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis hat mm bezüglich des weiteren Schicksals des Mädchens noch keine Ent scheidung getroffen; doch glaubt man, daß er, nachdem sic^ die Genlüther beruhigt haben werden, es Linda selbst über lassen wird, entweder zu ihren Eltern oder aber Zu ihrem Gl liebten zurückzukehren. — Am 28. April fanden auch m Küstendil Ausschreitungell gegen jüdische Einwohner stat Die Theiluehmer drangell in das Bethaus ein und nüßhau delten die dort Anwesenden, deren fünf schwer verletzt wurden Den Ruhestörungen, welche den ganzen Tag undatierten, macht das Militär ein Ende. r In Algier gährt es wieder einmal. Max Nögis, d r würdige Maire, hat den Juden ihre besondere Kleidung z l tragen verboten. Doch das wäre an sich noch kein Ungll'w Viel schlimmer wäre es, wenn sich die folgende Nachru t eines hiesigen Blattes bestätigen sollte: „Drumont, der seinen algerischen Wählern einen Besuch abslattel und Max Negis haben einen wichtigen Sieg errungen. Der Präfl: von Algier, Entend, der die Antisemiten entschlossen bekämpfte, wurl e abberufen. Der Gouverneur Jonnart, der, wie seine Vorgänge Laferriere, Cambon u. s. w.. die Antisemiten begünstigt, mach e Elltends Abberufung zur Bedingung seines Bleibens auf dem Gouve ne nrp osten." Wir haben bisher nichts davon gehört, daß der Gouvec neue Jonnart die Antisemiten begünstige.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.