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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-26 · Heft 17 (26.4.1901) · p. Seite 204

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
Seite 204 (sequence 14)
Language
German
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204 lichere, ruhigere Gedanken überkamen ihnen; auf seinem Gesicht erschien wieder das sonnige Lächeln, und von seiner Stirn verschwanden allgemach die Falten des Unmuths. Jetzt zu Recha! rief es freudig in ihm ans. und in seinen Zügen spiegelte sich im Voraus schon der Abglanz jenes Glücksgefühls, das ihn jedesmal in des geliebten Mädchens Nähe durchschanerte. Im Begriff, das Gemach zu verlassen, trat ein Diener mit der Meldung ein, ein altes Weib begehre dringend, den König zu sprechen. „Daß Euch die Hölle verschlinge, Dich mit Deinem alten Weibe," fluchte der König. „Sie läßt sich nicht abweisen," sagte zitternd der Diener, „und besteht darauf. Euch eine Botschaft zu bringen. ..." „Alte Weiber bringen stets böse Kunde!" „S'ist eine Jüdin, Herr König...." „Eine Jüdin, sagst Du?" rief hastig der König, und wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, daß sie von Recha gesandt sein könne, „laß sie ein, rasch!" „Was giebt's, Deborah?" fragte Boleslav, auf die alte Magd Saloinons zueilend, die eben unter zahllosen Bücklingen in des Königs Gemach trat. „Ist Eurer Recha etwas widerfahren?" Angstvoll fragend heftete sein Auge sich auf die Dienerin. „Nein, gnädigster Herr König, unser Kind befindet sich ganz wohl und munter — aber — sie läßt den gnädigen König bitten, heut' nicht zu kommen." „Bist Du von Sinnen, Alte," fuhr Boleslav auf, „ich soll nicht, und weshalb nicht?" Und aufs Aeußerste gespannt hingen seine Blicke an der Miene der Alten. „Unser Herr, Nechas Vater, kam heut' Morgen an, und da läßt die Jungfer den gnädigen König bitten." Mit einer abwehrenden Bewegung winkte er der Dienerin Schweigen zu, die denn auch in gewaltigem Schreck in sich zusammenzuckte. „Geh'," herrschte er sie an, „was suchst Du hier?" Die Alte rührte sich nicht von der Stelle, lind als Boleslav nach einer Weile den Kopf erhob, den er sinnend zu Boden gesenkt hielt, stand sie noch ivie festgewurzelt da und sah mit ängstlicher Schell und mit flehender Miene zu dem erzürnten König hin. „Was willst Du noch?" frug etwas milder der König, „dacht ich es doch gleich: von einem alten Weibe muß eine Unglücksmär kommen! Rede!" „Herr König", sagte bebend Deborah, „zürnt nicht Eurer Magd und wollt mich gnädigst anhören. In Rechas Haus könnt Ihr jetzt nicht, da Salomon angekommen; hierher, in des Königs Burg, zu all' den Rittern und großen Herren kann sie auch nicht gehen," — der König stampfte ärgerlich mit dem Fuße bei des Weibes langathmiger Rede, — „so würdigt denn, hoher Herr König, das Haus Deborahs mit Eurem Besuche . . . ." „Du wohnst nicht bei Salomon?" unterbrach sie Boleslav. „Schon lange Jahre dien' ich meinem Herrn und Hab' auch meine Recha von Kindesbeinen an aufgezogen. Da Hab' ich mir ein wenig Geld erspart, und von dem Ersparten Hab' ich mir ein kleines Haus gekauft, dort am andern Ende, am Brunnen, wo der Weg führt zum ..." „Weiter, weiter," drängte der König. „Vergebt, Herr König, aber ich bin alt und finde die Worte nicht für einen so hohen König. Das kleine Haus steht leer, ich hab's für meiner Schwester Kind gekauft, Gott Hab' es selig und schenk' ihm den Frieden, wißt, Herr König, das gute Kind starb und ....." „Vollende!" gebot Boleslav. „In das Häuschen, Herr König, könntet Ihr kommen und da meine Jungfer ungestört sehen ....." „Ach, das ist etwas anderes, warnn, hast Du mir das nicht gleich gesagt und versetzest mich in Angst und unbegründete Furcht? Und ist Recha mit Deinem Plane einverstanden?" Und aus ein bejahendes Zeichen Deborahs fuhr er fort: „Wird aber Salomon Recha gestatten, allein auf die Gaffe zu gehen? Er, der sie behütet wie seinen Augapfel!" „Allein wohl nicht, gnädigster König, aber mit . der alten Deborah wohl!" „Ha, ha," lachte Boleslav, „Dich muß ich also mit in den Kauf nehmen! Nun, wohlan. Du wirst der Schattensein auf dem herrlichen Bilde!" Die Alte lachte mit, und alle Falten in dem runzeligen Gesichte zuckten und geriethen in Bewegung über des Königs Scherz. „Wann werde ich Recha sehen?" „Heut Abend, mein gnädiger Herr, wird Recha Euch erwarten, und vor Sonnenuntergang will ich hier in der Nähe sein und dem gnädigen Herrn den Weg weisen; ich werde vorangehen, und Ihr, hoher Herr, werdet mir folgen, sonst verirret Ihr Euch in den vielen engen Gaffen." „Meinetwegen," stimmte lachend der König bei, der nun seine gute Laune wieder gewann, „meinetwegen, für eine Stunde mit der süßen Recha gehe ich auch mit Dir, Alte." Deborah wandte sich zum Gehen. „Gott sei mit Euch Herr König." Boleslav aber rief sie zurück, und aus seinem Wamnü einen vollgefüüten Beutel ziehend, reichleer ihn der Jüdin hin Mit Bangen hatte Boleslav dem Abend entgegengesehen und arge Bedenken stiegen auf in seinem Herzen, ob das ge plante Zusammentreffen auch wirklich und gefahrlos für Recha vorübergehen werde. Aber der Abend kam, und mit den: Sonnenuntergang'begab sich Boleslav auf den Weg und brachte in das niedrige Häuschen in der entlegenen Gaffe den Sonnen ausgang einer glücklichen, weltvergessenden Liebe. (Forts, folgt., Literarische Mittheilungen. — Rabbiner Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw hat seine aus Ver anlassung der Errettung des Kaisers gehaltene vortreffliche Predig unter dem Titel: „Danket dein Ewigen" (Psalm 100) veröffentlicht. Der Ertrag ist dem dortigen neubegründeten israelitischen Siechen Hause gewidmet. Gegen einen beliebigen Beitrag für das genannt- Siechenhaus ist die Predigt vom Verfasser zu beziehen. — Moritz Scherbel: Wünsche, Gelegenheitsgedichte und Tisch reden zu allen religiösen und Familienfesten, besonders im jüdischer Hause. Gumbinnen 1901. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Selbstverlag. Die erste Auflage des bekannten Büchleins scheint fiel schnell Freunde erworben zu haben, besonders wohl in den Kreisen de jüdischen Lehrer und Kultusbeamten, aber auch in vielen jüdischer Familien, wie die so schnell nothwendig gewordene zweite Auflag beweist. Diese ist um manches sinnige Gelegenheitsgedicht urtt manche humorgewürzte Tischrede vermehrt worden, und eine besonder werthvolle Bereicherung bietet der lustige Purimschwank: „We Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein." Wir können das ge schmackvoll ansgestattete Werkchen, das so praktischen Zwecken dieni und Vielen ein guter Freund und Berather ist, bestens empfehlen. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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