Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- Seite 202 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Stiftung entwickelte, sorgsam geübt. Brachte da ein imbemittelter Familienvater seinen Sohn nach Dessau, um ihn die Franzschule besuchen zu lassen, so suchte er zunächst, dein Knaben „Kostage und ein billiges Quartier" zu verschaffen. Dann erst ging er zn dem immer hilfsbereiten Direktor, dem Dr. David Frankel, der dem bereits „nntergebrachten" Schüler die Aufnahme gewiß nicht versagte. Von mehreren solcher ehemaligen „Kostgänger" kann ich mit Bestimmtheit versichern, das; sie später Inhaber großer Bankhäuser oderanderweitiger bedeutender Geschäfte wurden. Meine aber nicht, lieber Leser, das; die Franzschule bei ihrer vorzugsweise den Realien und den neueren Sprachen zugewendeteu Aufmerksamkeit ihre Schüler nur sür den Kaust mannsstand herangebildet habe! Gar mancher Schüler, der, wie der Schreiber dieser Zeilen, die Franzschule absolvirt hatte, wurde, wenn er im Lateinischen und Griechischen für den Besuch des Gymnasiums privatim vorbereitet worden war, ganz sicher in die Tertia ausgenommen; mehr aber noch , die in der Franzschule erlangten Kenntnisse reichten noch für die bei den gleichen Disziplinen irr der Sekunda gestellten Anforderuinzen sehr wohl aus und kamen selbst, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, noch dem Primaner sehr wohl zu statten. Selbstverständlich gehörten der Religions- und der hebräische Unterricht zu den Lehrgegenständen der Franzschule. Neberdies nahmen mehrere Schüler derselben all dem von meinem Vater und nach dessen Dahiuscheiden von Herrn M. Arnheim ertheilteu Talmudunterrichte theil. Manchen Talmudschüler verdroß es indessen ebenso gewaltig, daß er selbst am schulfreien Sabbath lernen, wie hinwiederum manchen Franzschüter, daß er am Sonntag Vormittag von der Militärparade fern bleiben mußte. In seinem Unwillen über die ihm anferlegte Mühe schrieb mir einst einer der ersteren auf das ihm gereichte Blatt des in jener Zeit unvermeidlichen Stammbuches: „Ora et Inbora, geh' zn Herrn Arnheim>nd lern' die Gemorah!" — Auch ein Talmuderamen fand alljährlich, gewöhnlich einige Tage vor demjenigen in der Franzschule und ebenfalls unter Verleihung von Prämien, im Bet-Hamidrasch statt. Für viel wichtiger und bei weitem bedeutsamer galt den Knaben das nach der Zeitfolge zweite Examen; denn es wurde im Schulsaale abgehatten; die Eltern der Zöglinge sowie die Gönner derAnstalt wurden durch ein ihnen zngesendetes„Conspect" zum Besuche der Prüfung eingeladen, und was die Hauptsache war, die Versetzungsliste der in eine höhere Klasse aufsteigenden Schüler wurde unmittelbar nach beendeter Prüfung der betreffenden Abtheilung von dem Direktor vor der gewöhnlich zahlreichen Versammlung verlesen. Damals kannte man noch nicht das sehr zu billigende Verfahren, daß Schüler, die innerhalb zweier Jahre das Klassenziel nicht erreicht, die Schule sofort zu verlassen haben, und so konnte es einst geschehen, daß ein Insasse der dritten Klasse, der erst im „vorgerückten Alter" in die Schule getreten und ziemlich träge war, endlich — wie die böse Fama behauptete — „aus Altersschwäche" versetzt ward. - Ten Prüfungen wohnten bisweilen auch christliche Honoratioren bei. Die Franzschule stand eben bei den Dessauer Behörden und Bürgern irr sehr hohem Ansehen. War es ja allgemein bekannt, daß die Lehrer dieser Anstalt sich alle erdenkliche Mühe gaben, um das von den Eltern ihrer Schüler in sie gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Daß ihnen dieses in reichen; Maße entgegengebracht, ward, verdankten sie zum großen Theile den; guter; Namen des schon seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch landesväterliche Fürsorge wohlgeordneten anhalt-dessauischen Schulwesens. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus waren die in Dessau herrschenden günstigen Bildungsverhältniffe bekannt; und in der That müssen dieselben recht glückliche gewesen sein, wenn verhältnißmüßig viele Lehrer daselbst einen ergiebigen Boden für ihre Thätigkeit finden konnten. Der vor etwa 50 Jahren gegen 800 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde zn Dessau gehörten mn jene Zeit neun jüdische Lehrer an. Professor Rubens war als Lehrer der englischen Sprache au; Gymnasium angestellt; der als Verfasser einer französischen und einer englischen Grammatik wohlbekannte Lehrer Salomon Lax, vormals Lehrer an der Frauzschnle, ertheilte Privatunterricht; der Lehrer Joachim, früher Lehrer an den; von Direktor Dr. Fränkel bei seinem 25jährigen Amtsjubilänn; errichteten „Seminar zur Bildung von Lehrern und Theologen", ertheilte den Religions- und hebräischer; Unterricht in den Mädchenklassen der Neligiousschnle, und welches ansehnliche Lehrerkollegium waltete seines Amtes bei der Frauzschnle noch in der Mitte der vierziger Jahre! Als Direktor fungirte Dr. David Fränkel, ein durch seine allgemeine wissenschaftliche Bildung und durch seine litterarische Thätigkeit hervorragender Mann, der mehrere Jahre hindurch, von 1808—1811, dem israelitische;; Konsistorium des Königreichs Westfalen als weltlicher Rath angehört hatte. Der Unterricht, den er in der ersten Klaffe in deutscher Stilistik ertheilte, war äußerst anregend. Ein Mann von edler Gesinnung und wahrhaft großer Herzensgüte gegen Jedermann, war er seinen Schülern ein fürsorglicher Lehrer und väterlicher Freund. Nur in einen; einzigen Punkte war er den letzteren durchaus unzugänglich, in; Punkte der Ferienerweiternng. Er mochte ganz gewiß fürchten, daß die Bewilligung einer solchen, wenn auch noch so geringfügigen Forderung einen Sturm gegen die Schule heranfbeschwören würde. Ferien sind in gewisser Hinsicht ein Gradmesser für die innere Festigkeit wie auch für die äußere Selbstständigkeit einer Lehranstalt. Hängt dieselbe mehr oder weniger von der in einzelnen Familien oder in ganzen Gemeinde;; herrschenden Stimmung ab, so wird die Ferialzeit eine aufs Aeußerste, vielleicht nur auf Sabbath- und Festtage beschränkte bleiben müssen. Die Geschichte des jüdischen Schulwesens weiß daher nicht viel von den „Ferien" zn berichten. Selbstverständlich muß heutzutage sogar die Religionsschnle da, wo sich ihre Lehrzimmer in einer öffentlichen Lehranstalt befinden, nach den Ferien der letzteren sich richten. Wäre dies nicht der Fall, so hörte man wohl auch jetzt noch hin und wieder: „Wozu Ferien? Meine Kinder brauchen keine Erholung; gerade in den Ferien sollen sie fleißig hebräisch lernen." — — Als ob die schulfreien Tage nicht in erster Linie zu Gunsten der Lehrer festgesetzt wären! Einer solchen Vergünstigung wurden denn auch die Lehrer der Franzschüle in nur geringen; Maße theilhaft, so daß dieselben trotz ihres prächtigen Jahresgehalts von 150 Thalern nicht in der Lage waren, mit ihren Familien einen dreiwöchigen Sonnneraufenthalt in einen; Gebirgs- oder Badeorte zu nehmen. lieber ihr persönliches Wesen und ihre schulmännischen Leistungen will ich dir, lieber Leser, einiges mittheiten. Herrn M. Arnheims Lehrfach war neben den; hebräischen das arithmetische. Er war ein Freund des praktischen Rechnens'