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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-26 · Heft 17 (26.4.1901) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
Seite 201 (sequence 11)
Language
German
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201 Dreyfus spricht sicher, ruhig und mit Humvr; ja er sei, wie man mich versicherte, so ausgelassen wie ein „Bub" .... natürlich; er sühlt sein Gewissen nicht belastet, er ist eben unschuldig. Und seine Frau! .... ja, das ist einJuwel! Dieser klare Kopf! Dieses klare und ruhige Weib, das mit allen Fasern ihres Herzens an ihrem Manne hängt, diese edle Frau hat mir Bewunderung abgerungen. Dann waren aber noch andere Gäste da .... Diese waren mir wenig sympathisch.... zu vorlaut... zu neugierig." Ich: „Man muß eben zwischen Juden und Juden einen Unterschied machen... Was halten Sie, verehrter Meister, von der Bewegung gegen die Kirche und die Kongregationen in Frankreich und Spanien?" Björnsvn: „Es ist ein gesunder Anfang. Die Sache kann noch gut werden; aber es wird noch lange dauern und noch schwere Kämpfe kosten! Es muß bei der Erziehung angefangen werden; auch Dreyfns tröstet sich einzig und allein mit der besser werdenden Erziehung des Volkes in Frankreich. Und meine Freunde — norwegische Maler, die sich in Spanien jahrelang aufgehalten — bestätigen mir, daß das spanische Volk die Kirche hasse und gern ihr Joch abschütteln möchte, daß der Spanier bildungsfähig, intelligent und liebenswürdig zugleich sei." Ich: „Auch ich habe bei meinem Aufenthalt in Spanien, der mich mit Stadt- und Landbevölkerung bekannt machte, die gleiche Wahrnehmung gemacht wie Ihre Freunde. Der Druck der Klerisei und der voll derselben abhängigen politischen Gewalt hat das edle, ritterliche Volk niedergehalten. Jetzt sucht es sich mit elementarer Kraft der Fesseln zu entledigen." Björnson: „Wir wollen hoffen, daß es gelingt." JuKLndrrinnerungen eines ehemaligen Franzschülers. Bon Rabbiner Dr. F. Cohn s. A. in Bonn. ie Süßigkeit der Erinnerung nimmt mit der Zeitferne derselben zu; die erinnerte Freude des Gestern glänzt nicht so magisch nach als die erinnerte von einem .zahre." Diese gemüthvollen, die nachhaltigen Empfindungen der menschlichen Gefühlswelt treu wiedergebenden Worte Jean Pauls wurden mir ins Gedächtniß zurückgerusen, als ich in er „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" vor längerer Zeit ie Erinnerungen von meinem Großvctter und ehemaligen Lehrer Professor Dr. Steinthal gelesen hatte. Mit welcher innigen Liebe und Verehrung gedachte dieser gefeierte Gelehrte des Jugendbildners Herzfeld, bei welchem er en ersten Unterricht erhielt, dann der jüdischen Gemeinde einer Vaterstadt, im Weitern seines auhaltischen Vaterlandes und dessen vielgerühmten Bildungsstätten, besonders der Dessauer Franzschule. An diese Erinnerung knüpft sich in der That nicht blos in engeres, sondern auch ein allgemeineres Interesse. Wurde a die Franzschule namentlich in ihrer Jahrzehnte währenden ölüthezeit nicht blos von dessauischen, sondern auch von vielen auswärtigen, sogar von Knaben aus der Schweiz und den Niederlanden, aus Oesterreich und Rußland, aus Frankreich und England besucht. Viele dieser ehemaligen Schüler verdankten ihre spätere Lebensstellung, ihr Lebensglück hauptsächlich den Kenntnissen, die sie in der genannten Anstalt erworben hatten, und somit ging von dieser ein belebender Strahl geistiger Bildung auf andere jüdische Gemeinden über. Auf dieses segensreiche Wirken der vorerwähnten am Ende des vorigen Jahrhunderts gegründeten Lehrstätte wurde mein Blick von neuem hingelenkt, als ich die von Ludwig Horwitz verfaßte „Geschichte der Herzoglichen Franzschule von 1799 bis 1849" las. Bei der Lektüre dieser trefflichen Schrift trat das Bild der vorerwähnten Schule deutlich vor mein geistiges Auge. Ein ehemaliger Franzschüler fühlt sich da in die ihm wohlbekannten Räume und zugleich in die Zeit zurückversetzt, aus welcher ihm so manche liebe, heitere Erinnerung unvergeßlich verblieben ist. Gewiß empfindet er auch Befriedigung und Freude sowohl über die bei der fünfzigjährigen Jubelfeier der Franzschule erfolgte Erhebung derselben zu einer staatlichen Anstalt, als auch über die eben dadurch herbeigeführte wesentlich verbesserte Lage der an der „Franz-(Handels-)Schule" angestellten Lehrer. Allein wenn er den geschichtlichen Faden dieser Anstalt nun vom Jahre 1849 an weiter verfolgen wollte, — ach! bis zum heutigen Tage vermöchte er es nicht; denn es ist bereits über ein Vierteljahrhundert verflossen, seitdem die Franzschule als Handelsschule aufgelöst und mit der herzoglichen Realschule in Dessau verbunden worden ist. Dieser Umstand gerade läßt die alte Franzschule in einem um so helleren Lichte erstrahlen. Ihr war ein nichts weniger als sorgenloses Dasein beschieden gewesen. Hatte sie doch auch wie so manche andere jüdische Schule nicht selten einen Kampf mit dem einen und dem anderen Elternhause zu bestehen, das sich bei der süßen Erinnerung an die dem Cheder gegenüber eingenommene Stellung an die von einer jüdischen Schulbehörde getroffenen Anordnungen nicht ohne Unwillen und Zaudern gewöhnte. Und die Lehrer? Ach! wie hoch konnte sich bei ihren wöchentlich je 30 Schulstunden ihre Besoldung belausen, wenn der Direktor, dem die Leitung dreier Lehranstalten und überdies die Ertheilung eines mehrstündigen Unterrichts oblag, einen Jahrgehalt von 300 Thalern bezog! Alle Achtung vor solchen Jugendbildnern.sdie, der schweren Verantwortlichkeit ihres Amtes eingedenk, mit wahrhafter Selbstverleugnung und trotz so mancher Noth, welche mit unerbittlicher Strenge an die Thür des Einen oder des Anderen klopfte, mit rastlosem Eifer ihren Berufspflichten treu blieben und in der Erfüllung derselben ihren schönsten Lohn, ihr höchstes Lebensglück erblickten. Sie war wirklich eine ganz vortreffliche Bildungsstätte der Jugend, die aus kleinein Anfänge hervorgegangene Franzschule. Nicht war, wie es heut zu Tage bei allen Schulanstalten der Fall ist, schon in ihrem Namen ihr Charakter, ihre Richtung angegeben; dennoch trug sie in ihrer Organisation das deutliche Gepräge einer jetzt sogenannten lateinlosen Real¬ oder höheren Bürgerschule. Sie wollte die ihr anvertrauten Knaben für das praktische Leben vorbilden, und in diesem ihren Bestreben blieb sie ihrer ursprünglichen Bestimmung allezeit treu. Hatte es der im Jahre 1799 zu Dessau ins Leben getretene Knaben-Erziehuugsverein sich zur Aufgabe gemacht, für den Unterricht armer Kinder zu sorgen, so wurde diese Wohlthat auch in der Schule, die sich im Laufe der Zeit aus jener

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