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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-26 · Heft 17 (26.4.1901) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
Seite 200 (sequence 10)
Language
German
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200 Erziehern, von Altersgenossen und Gespielen gehört habe, meine Sinne geschärft und meine Phantasie fähig gemacht haben, den starken Eindruck zu empfangen, den uns Frngs Gedichte machen, die in schöner, erhabener Sprache uns die Legenden unseres Volkes wiedererzählen. Mit seinem Zauber erweckt er die in uns schlummernde Welt zu neuem Leben, Und aus diesem Grunde vergleiche ich ihn nicht mit den großen Dichtern anderer Nationen, denn Frug ist mir mehr als Puschkin, Schiller und Shelley. Wenn ich Frngs Gedichte lese, kommt es mir im Geheimen vor — und das dürfte wohl auch bei anderen Lesern der Fall sein — daß ich selber Dichter bin und an seiner poetischen Schöpferarbeit Antheil habe, nur daß er, der Dichter, in helleren, lebendigeren Farben dieselben Gestalten malt, die in meiner Seele seit der Kindheit schlummern. Vielleicht ist daran übrigens meine Gedankenträgheit schuld, da Frug an mich nicht den Anspruch stellt, eine neue Welt in mich aufzunehmen, und auf seine Töne zu lauschen, die aus höheren Regionen kommen. Man erzählt, daß als Rubinsteins Mutter das erste Mal seinen Makkabäergesang vernahm, sie begeistert ausries: „Aber Kind, das ist ja das Wiegenlied, welches ich Dir vorzusingen pflegte, als ich Dich in den Schlaf lullte." Wer von uns that beim Lesen von Frugs Gedichten nicht den gleicheil Ausruf: „Das ist ja das Wiegenlied, welches meine Mutter mir gesungen!" Uns ist es nicht möglich, ans anderer Dichter Mund ein solches Lied zu vernehmen. In meinem Herzen erregt „Kol Nidre" stärkere Gefühle als Wagners Musik. Frugs Gedichte erregen in mir keinen Sturm, sie machen mich weder himmelhoch jauchzend noch zu Tode betrübt, sie verursachen keine Umwälzung in meinem Innern und bereichern meine innere Welt nicht mit neuen Schätzen. Sie bringen mir auch keine neue Kunde von fernen zukünftigen Zeitepochen Aber auf ihren warmen, weichen Flügeln tragen sie mich in „mein Vaterland, in das Kämmerlein meiner Mutter" und lehren mich dies mein trautes, trauriges Nest lieben, während draußen Stürme toben, und die Welt in ihren Fugen kracht. Unser Dichter strebt mit der ganzen Kraft seiner Seele nach Licht und Freiheit, nach ewiger Gerechtigkeit, nach Wahrheit und Völkerfrieden. Diese Sehnsucht hallt machtvoll wieder in den meisten seiner Gedichte. Nur der Dichter eines Volkes, welches Jahrhunderte lang im Dunklen und in der Knechtschaft schmachtete, kann sich so unbändig nach Licht, Freiheit und Ruhe sehnen. Wie ein Widerhall geht es durch seine meisten Dichtungen: „Trage hin meine Seele »ach den lichtvolle» Fernen!" Dieser seiner schmerzlichen Sehnsucht nach Licht und Freiheit hat der Dichter starke und strahlende Worte geliehen in dem Gedicht, welches aus die Erzählung von dem Stillehalten der Sonne im Gibeon gegründet ist: Licht gebt uns! Licht! Im Kampf des Lebens Sind dann wir Sieger, sturmesgleich. Wir schwingen uns mit mächt'geu Schwinge» Empor, weit über Noth und Elend Empor ans diesem Thal der Thränen, Empor im freie» Adlerflug. Nur Raum gewährt uns, Recht und Freiheit — Licht gebt uns! Licht. (Schluß folgt.) »OS Bei Björnson. Von L. Levi. Stuttgart, 11. April. (ZjK^er norwegische Dichter weilt zur Zeit in der Schwabenresidenz, wo er vorgestern bei der Aufführung seines Stückes „lieber unsere Kraft" I und II im königlichen Hoftheater der Gegenstand lebhaftester Huldigung geworden ist. Morgen Abend wird ihm zu Ehren im Wilhelmstheater sei» „Panl Lange und Tora Parsberg", und zwar hier zum ersten Mal gegeben. Der Dichter, der sich der frischesten körperlichen und geistigen Verfassung erfreut, wohnt mit seiner Frau und Tochter im Hotel Maquardt in den eleganten Eckzimmern des zweiten Stocks. Dort empfing mich der liebenswürdige Poet mit der größten Zuvorkommenheit. „Also das ist der merkwürdige Kopf, der die großen Gedanken geboren, welche die gesammte gebildete Welt in Athen» halten?" sagte ich mir im Stillen, als mich der würdige Greis mit dem markanten Charakterkops höflich Platz zu nehmen bat und sich mir gegenübersetzte. Wir sprachen zunächst über die vorgestrige Aufführung von „lieber unsere Kraft", und da meinte er: „Ja, man hat zu viel gestrichen, namentlich da, wo ich mich gegen die „Kirche" ausgesprochen habe. Ich habe das alles, was ich darin sage, selbst erfahren im bitteren Kampfe. Es ist nichts Gemachtes, nichts Erdichtetes. Es ist Erlebtes. Allerdings, wenn mau beide Theile an einem Abend aufführt, ist eine Kürzung bis zu einem gewissen Grad zu entschuldigen. Aber gerade das wollte ich nicht gekürzt haben." Ich erwiderte, ob nicht gerade das Gegenüberstellen der beiden Theile an einem Abend, das Hervortreten des großen Konflikts ans kirchlichem oder eigentlich auf religiösem, dann auf wirthschaftlich-sozialem Boden ein glücklicher Griff der hiesigen Bühnenleitung sein dürfte? Da stimmte der Dichter zögernd bei. Plötzlich lenkte er ab und fragte: „Sie sind Jude?" Ich: „Ja, von Geburt." Björnson: „Dann möchte ich mit Ihnen über Dreysus sprechen, den ich vorige Woche in Paris in seiner Villa in der Chaussee d'Antin besucht habe. Niemals in meinem ganzen Leben hat mich eine Angelegenheit tiefer erschüttert, und niemals bin ich von der Unschuld eines Menschen fester überzeugt gewesen als in diesem Fall. Dieser Märtyrer!" Ich: „Am Anfang der Affaire war ich skeptisch, weil ich mir sagte, es giebt gute Juden und schlechte Juden, wie es gute Christen und schlechte Christen gibt. Erst später wurde es mir klar, daß Dreysus ein Opfer der größten Schurkerei des Jahrhunderts wurde." Björnson (lebhaft): „Ich habe es gleich bei der Degradation mit Sicherheit empfunden, daß der Mann unschuldig, absolut unschuldig sein muß. Ich besuchte ih« vorige Woche; ich mußte ihn sehen, diesen Helden!" Dann gab mir der Dichter eine genaue Schilderung der Persönlichkeit Dreysus: „Seine Statur ist groß, er ist fast größer als ich, seine Haltung heldenhaft, die Gesichtshaut ist eigenthümlich angespannt, etwas glänzig, das Auge fest, lebhaft und klug und die Stirne — ja die Stirne.... das ist etwas Phänomenales .... was sich dahinter für Gedanken verbergen! Das Haupthaar ist schneeweiß ....!

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