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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-26 · Heft 17 (26.4.1901) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
Seite 199 (sequence 9)
Language
German
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199 nahezu tvnlvs eine Konversation zn beginnen, um dann allmälig in ein ervsevnclo zu verfallen, das schließlich zu einem förmlichen Schreien sich steigerte. Da er nun in seiner Begeisterung für mich auch stilistisch gar keine Grenzen fand, und der Schwall seiner Worte endlich geradezu fulminante Dimensionen annahm, begann meine Frau im Nebenzimmer vor Angst zu beben über das unerhörte Faktum, daß in meinem sonst so friedlichen Studirzimmer Zank und Streit ausgebrochen sei. Vergebens suchte ich den tosenden Wortschwall zu dämpfen — da Plötzlich (meine Frau mochte für mein Leben zittern) — öffnete sie die Thür und trat entsetzt näher, und mein Bogumil Goltz, ans einmal sanft wie ein Lämmchen, ging ihr freudestrahlend entgegen und gewann sofort ihr ganzes Herz. " ' Wie viele Züge könnte ich noch erzähle», aber es sei an diesen kleinen Proben Gvltzscher liebenswürdiger und drolliger Originalität genug! Simeon Samuel Frug. Von R. Brainin. H. grenzenlose Liebe, von der unser Dichter zu unseren heiligen Schriften, zu den Riesenschatten unserer Vergangenheit beseelt ist, diese Liebe ist es, die ihn zum Dichter gemacht. Aber diese Liebe wurde auch das enge Bauer seiner Dichtung. Die Kette hört nicht auf Kette zu sein, auch wenn sie von Gold geschmiedet ist. Sobald er den Flug nimmt, um diesen engen Bannkreis zu verlassen, erlahmen seine Flügel, und seine Kraft versagt. Die meisten großen Dichter, wenn sie Gegenstände der Heiligen Schrift zum Thema ihrer Dichtungen wählen, wenn sie die Propheten redend einführen, Pflegen neuen Wein in das alte Gefäß zu schütten, mit anderen Worten, sie bringen ihre eigenen Gedanken in die alte Fassung hinein. Die Propheten und die anderen biblischen Helden dienen ihnen gleichsam als Sprachrohr. Anders verhält sich die Sache bei Frug. Die Propheten, wie er sie auftreten läßt, erscheinen uns als die Männer des Geistes, die von der llntrüglichkeit ihrer Mission durchdrungen sind; kein Schatten eines Zweifels trübt ihren klaren Geist. Sein Jeremia, während er im Gesängnißhof seufzt, äußert sich folgendermaßen über seine Zukunft: Geschlechter vergehen — doch wie der Donner rollt Und wie der Sturm über die Erde rast, Wird meiner Worte Echo tönen, Um zu erwecken und zu erschüttern. Frngs Jeremia ist nicht „der Mann des Haders und des Streites wider die ganze Welt", sondern ein Seher, der von der Wahrheit seiner Worte getragen wird. Auch sein Jesajas weissagt, daß einst, am Ende der Tage Wo der gezückten Schwerter Strahl erglänzt Und der mordende Krieg mit Menjcheuleibern Hellt verhüllt der Erde lachendes Antlitz, Wo das Ungewitter der Schlachten tobt. Dort wird ans der Erde nährendem Busen Einst das Korn ersprieszen. Und ans den Anen Wird erschallen des Sämanns fröhliches Lied. Der Gesichtskreis unseres Dichters ist nicht weit; daher sieht er die Propheten nur von einer Seite; er hört ihre Worte, die sie mit Treue und Kraft verkünden, aber er sieht nicht, was in ihren: Innern vorgeht, er ahnt den Kampf nicht, der ihre großen Seelen durchtobt. Die Worte, die ein Dichter unseren Propheten in den Mund legt, wirken'nur dann ans uns, vermögen nur dann uns zu erhebe:: und zu stärken mitten in der allgemeinen Zerstörung und den: ungeheuren Drangsal der Gegenwart, wenn wir erkennen, wie schwer sie um ihren Glauben gerungen haben, bis sie ihn besessen; wenn wir alle ihre Marter nnd Seelenqualen nachsühlen und :hrer ganzen moralischen Größe und menschlichen Herrlichkeit inne werden. Da uns aber der Dichter alles das nicht sehen läßt, so können uns ihre erhabenen Worte als tönende Phrasen und glatte Wendungen erscheinen. Es giebt Worte, denen die Kraft innewohnt, uns vor der Verzweiflung zu bewahren und uns die seelische Finsterniß aufzuhellen, wenn wir nur wissen, wer sie gesagt hat, in welchen: Zustande, in welcher Stimmung sie gesagt worden, und was ihnen voranging. Manchmal liegt die ganze Kraft eines Wortes in der Knappheit und Gedrängtheit: unser Dichter dagegen schwächt zuweilen den mächtigen Eindruck der Prophetenworte ab, indem er dort, wo sie eine ganze Anschauung, eine Welt von Gedanken nnd Gefühlen in einem einzigen Worte znsammensaßten, ihnen eine Fülle von Farben und Wendungen leiht. Der Blitz erleuchtet in einem Augenblick die tiefsten Abgründe und die höchsten Gipfel. Wenn, schon in alltäglicher: Gesprächen jedes Zuviel ein Zuwenig ist, um wie viel mehr gilt das in der Poesie. Und so wenig Striche unser Dichter darauf verwendet hat, die Seelenzustünde unserer Propheten und Helden zu malen, ebensoviel schöne Worte hat er überslnssigerweise verschwendet nnd dadurch nur die Würze überwürzt. Die klingenden Phrasen, in denen er unsere Propheten reden läßt, werden uns in einer« Maße geboten, welches entschieden übertrieben ist. Doch vielleicht ist dies nnr mein persönlicher Eindruck, und andere Leser empfinden vielleicht anders. Ich will darüber nicht streiten. Wie ich bereits bemerkt habe, spreche ich nur von dem Eindruck, der: Frngs Gedichte nur persönlich gemacht Haber:. Der große hebräische Dichter Gordon sagt in der Einleitung zn der Gesarnmtansgabe seiner Gedichte: „Die Poesie gleicht der Manna, vor: welcher unsere Borfahren in der Wüste sich nährten, die sie, der Sage nach, nicht uöthig hatten mit der: Zähnen zn kauen, da sie von selber den Organismus durchsickerle, und einen Jeden den Geschmack fühlen ließ, nach dem er Verlangen trug." Ich möchte die letzten Worte dahin umändern, daß in der Poesie ein Jeder nicht den Geschmack empfindet, den er empfinden will, sondern den, welchen er empfinden kann, je nach seiner poetischen Beranlagung, seinen: Bildungsgrad und — seiner geistigen Entwickelung. Frug versteht es, die jüdische Sage meisterlich nachznerzählen. Es liegt eine besondere Annurth, ein eigener Reiz, aber auch viel Energie in der Art, wie er erzählt. Seine Gestalten sind mit warmen, saftigen Farben gemalt. Doch inan darf hier die Seele der Legende und das Geheimnis; ihres Werdens nicht suchen, das wäre vergebliche Mühe. Frngs Poesie inacht mir heute noch einen starken Eindruck. Die von ihm erzählten Legenden sind mir tausendmal lieber als etwa Puschkins gleichartige Dichtungen, die er volksthüniliche Erzählungen nannte. Damit will ich nicht gesagt haben, daß etwa Frugs Talent größer ist als das Puschkins, dessen Einfluß auf unseren Dichter au vielen Stellen deutlich sichtbar ist. Aber ich will damit nnr sagen, daß die hebräischen Legenden, die jüdischen Sagen, die ich in der Kindheit von Eltern nnd

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